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Die Pandemie und der Herbst : Für die nächste Corona-Attacke gewappnet?

Blick in ein Impfzentrum in der Frankfurter Festhalle. Bild: Lucas Bäuml

Neue Virus-Varianten, Maskenmüdigkeit und Impflücken. Deutschland steht ein möglicherweise ungemütlicher Corona-Herbst bevor.

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          Draußen sieht alles normal aus: Endlich kommen sich Menschen auf Volksfesten, bei Konzerten, in Parks, in Museen wieder nah, man sieht ganze Gesichter, schüttelt sogar wieder Hände. Pandemie, war das was?

          Die Omikron-Variante des Coronavirus, die seit vielen Monaten in Deutschland dominiert, scheint die Mehrheit der Menschen weniger krank zu machen, auch wenn sie sich verbreitet wie eine gute Klatschgeschichte. Fast jeder kennt jemanden, der eine Infektion kaum bemerkt hat, nur einen leichten Schnupfen hatte, nach wenigen Tagen wieder fit war. Viele lagen selbst nur kurz krank im Bett, erholten sich spätestens nach Wochen wieder. Alles nicht so schlimm.

          Wäre da nicht ein Bundesgesundheitsminister, der kürzlich vor möglichen „Killerviren“ im Herbst warnte, oder ein Expertenrat der Bundesregierung, der dräuende Szenarien mit einem überlasteten Gesundheitssystem skizzierte, der Optimismus könnte glatt die Oberhand gewinnen und behaupten, dass wir diesem bösartigen Virus mit ein paar Schrammen entkommen seien.

          Wir kamen der Einsamkeit sehr nahe

          Ist das Zweckoptimismus oder Ignoranz? Eher ein Überlebensinstinkt, wonach man nicht ständig in Furcht und Einsamkeit verharren will und nun die Freiheiten genießt. All das, was uns die Pandemie bereits gelehrt hat, bleibt uns erhalten und wird uns im Herbst nutzen. Nicht nur, wie man Masken selbst näht, einen Rachenabstrich ohne Zucken übersteht oder sich mit Ellenbogen begrüßt. Sondern auch die Erinnerung daran, wie Eltern über sich hinausgewachsen sind, wenn sie ihren Kindern trotz Masken und Einschränkungen eine wunderschöne Kindheit bereiten wollten. Wie Nachbarn füreinander einkaufen gingen, wie häufig man zum Telefon oder sogar dem Schreibblock griff, um Lebenszeichen in die Welt zu schicken. Wir kamen der Einsamkeit sehr nahe – und lösen uns nun wieder von ihr. Nebenbei lernten wir so viel über Spike-Proteine, Aerosole und mRNA-Impfstoffe, dass unsere Biologie- und Chemielehrer uns im Nachhinein die höchste Punktzahl verliehen hätten. Die besonders Eifrigen hörten regelmäßig den Podcast der Pandemieexperten Sandra Ciesek und Christian Drosten, lasen im Netz und auf Papier alles, was sie in die Finger bekamen, und versuchten, mit den rasanten Entwicklungen Schritt zu halten. Dieses Wissen bleibt uns, hilft uns, auch die neuesten Entwicklungen zu verstehen, ohne die alte Panik beim Lesen über Affenpocken oder eine neue Subvariante von Omikron wieder auszubrechen zu lassen.

          Unvergessen der Start der Impfkampa­gne im Januar 2021 in Hessen, als das Anmeldesystem digital und telefonisch überlastet in die Knie ging und tagelang Nachbarn, Ehrenamtliche und Enkel für die Großeltern versuchten, an Termine zu gelangen. Manche Leserbriefe aus jener Zeit klangen verzweifelt, aus ihnen sprach Angst vor dem potentiell tödlichen Virus. Und es war sicher auch Angst (neben einer gewissen Rücksichtslosigkeit), die Monate später manche Jüngere zu Dränglern mit unlauteren Methoden werden ließ, um nur ja als Erste an das Vakzin von Biontech oder Astra-Zeneca zu gelangen. Die Vorsichtigen sind mittlerweile alle geimpft, dreifach ist optimal, für Senioren auch vierfach. Wenn voraussichtlich im Herbst ein neuer Impfstoff gegen Omikron verfügbar sein wird, wird die Organisation von Impfstellen einfacher sein, und wir werden wissen, wo und wie wir an Injektionen kommen.

          Wer sich in Gedanken an die vergangenen Jahre weniger an das Gelernte als an Entbehrungen und Verzicht erinnert, dem hilft vielleicht ein Blick in die Geschichte. Der Offenbacher Medizinethiker Stephan Sahm ist überzeugt, dass das Coronavirus vor 100 oder 200 Jahren katastrophale Folgen gehabt hätte. Die Einschränkungen der Pandemiejahre, die rasche Entwicklung mehrerer Impfstoffe hätten sich gelohnt, viele Tode seien so verhindert worden. Dass die Triage verhindert werden konnte, dass kein Arzt die Entscheidung treffen musste, nur noch jene Patienten zu behandeln, die die besten Überlebenschancen hatten, sei ein großer Erfolg, sagt der Mediziner.

          „Verantwortungspingpong“ zwischen Bund und Ländern

          Sind wir mit unserem neuen Wissen, mit unseren Erfahrungen, mit dem Vertrauen auf unsere Resilienz also gerüstet für den Herbst? Wir können uns vor Feiern selbst testen, wir haben FFP2-Masken dabei, wir wissen, dass Luftfilter, Abstand oder einfach weniger Menschen auf engem Raum gut für uns sind. Trotzdem handelt der Mensch nicht immer rational und vernünftig, was Raucher, Fast-Food-Junkies und alle, die zu häufig auf der Couch liegen, zähneknirschend bestätigen würden.

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