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Theater Mainz und Wiesbaden : „Wir wollen spielen“

Im leeren Staatstheater: Wiesbadens Intendant Uwe Eric Laufenberg erläutert in einer Videoübertragung den Spielplan der kommenden Saison. Bild: De-Da Productions

Die Staatstheater in Mainz und Wiesbaden legen Pläne für die nächste Spielzeit vor. Andere Bühnen in der Region zögern noch. Alle aber wollen möglichst bald wieder für ihr Publikum da sein.

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          Brecht steht derzeit sehr hoch im Kurs. Jedenfalls das Zitat aus der „Dreigroschenoper“: „Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht!“ Brecht wird auch gespielt, am Staatstheater Mainz soll es „Mutter Courage“ geben in der Spielzeit 2020/21. Und Großprojekte wie Wolfgang Rihms „Die Eroberung von Mexico“, die Oper „L’Aiglon“, die Arthur Honegger und Jacques Ibert zusammen geschrieben haben, dazu die Uraufführung „Im Dickicht“ von Isabel Mundry und Händl Klaus. Ein ganzer Themenkomplex zu Nationenbildung und Weltkriegen soll in Mainz von Schillers „Kabale und Liebe“ des neuen Hausregisseurs Alexander Nerlich über Fassbinder, Seghers und Kroetz bis zu Auftragsstücken reichen.

          Eva-Maria Magel
          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schon vor zwei Wochen haben Intendant Markus Müller und sein Team die Pläne für die nächste Saison bekanntgegeben, in Video und Text sind sie auf der Website des Staatstheaters Mainz abzurufen. Den Druck eines Programms haben sie sich, wie andere, erst einmal gespart. Und schon den Plan begraben müssen, noch im Frühjahr wieder spielen zu können. „Wir sagen ja nicht selber ab – wir werden abgesagt“, sagt die Sprecherin des Mainzer Staatstheaters, „wir hoffen auf Konkretisierungen durch die Politik.“

          Da sitzen alle hiesigen Theater in einem Boot. Überall gibt es Überlegungen, wie wieder gespielt werden könnte, trotz eines Verbots von Großveranstaltungen bis 31. August, dann eben in extrem kleinem Rahmen, mit Abstands- und Hygieneauflagen. Im Gegensatz zu freien Theatern sind die öffentlich geförderten im Grunde auch in der Lage, vor wenig Publikum zu spielen – ihre Finanzen sind, auch wenn Einnahmen stets eine Rolle spielen, gesichert. Dass die Theater sich als Ort der Gemeinschaft und der Debatte verstehen, ist in den letzten Jahren noch verstärkt worden – nun wird die Kraft des Theaters nicht nur von den Künstlern schmerzlich vermisst: Die Theater bestätigen starke Zugriffe auf ihre Websites und virtuellen Angebote.

          Während etwa das Staatstheater Darmstadt schon jetzt weiß, dass das Haus bis 31. Mai geschlossen ist, arbeiten die Städtischen Bühnen Frankfurt hinter den Kulissen an ihren Plänen, das Schauspiel etwa will „nicht vor Juni“ seine nächste Spielzeit publik machen. Und gestern ist nach Mainz auch das Staatstheater Wiesbaden mit einem Saisonplan mittels Videopräsentation und digitalem Text an die Öffentlichkeit gegangen, der einen Moment lang so wirkte, als gäbe es Corona einfach nicht.

          Große Pläne

          Eine Doppeleröffnung mit dem „Barbier von Sevilla“ von Rossini und dem „Figaro“ von Mozart am 5. und 6. September, große Pläne wie Jörg Widmanns Mammut-Musiktheater „Babylon“, zusammen mit dem Chor des Staatstheaters Darmstadt, dazu „Lady Macbeth von Mzensk“ und Verdis „Macbeth“, ein „Zigeunerbaron“ und mehr: Es soll opulent zugehen. Im Schauspiel aber wirft plötzlich die Corona-Wirklichkeit ganz andere Schlaglichter auf längst geplante Stücke wie Shaws „Doctor’s Dilemma“ und Huxleys „Schöne neue Welt“, und weil die Lage nun mal so ist, hat das Theater flugs noch Camus’ „Die Pest“ dazugenommen. Salman Rushdies „Quichotte“ soll zu sehen sein, ein „König Lear“ und, als deutschsprachige Erstaufführung, Tom Stoppards Dreiteiler „Die Küste Utopias“, mindestens zwölf Stunden Theater am Stück. Regisseurin Henriette Hörnig habe er angeboten, „ihr ein wenig als Mitarbeiter zur Seite zu stehen“, so Intendant Uwe Eric Laufenberg.

          Als versierter Anchorman der Videopräsentation spart er nicht daran, zu versprechen: „Sie werden diesen Abend nicht vergessen.“ Natürlich, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung, es hänge doch Herzblut daran. Streams könnten das Theater nicht ersetzen – auch wenn der Intendant selbst von heute an „Solo-Diskurse“ ins Netz stellen will, als privaten künstlerischen Beitrag. Dass die Grundrechte außer Kraft gesetzt seien, mache ihn fassungslos, so Laufenberg.

          „Wir können ab 4. Mai proben“

          Ob es aber wirklich so kommt, dass das Publikum im Herbst auf den Stühlen tanzt? So verspricht es der künftige Direktor des Hessischen Staatsballetts und jetzige Kurator Bruno Heynderickx für die Saisoneröffnung mit „Untitled Black“, einem Stück der gefeierten Choreographin Sharon Eyal. Generalmusikdirektor Patrick Lange will den „Ring“ gleich mehrfach tageweise in Zyklen dirigieren und beschwört, Hofmannsthal zitierend: „Musik ist eine heilige Kunst!“ Die Sprache sei den Künstlern derzeit genommen.

          „Wie die Politik sich verhält, wissen wir nicht. Wir können aber sagen: Wir können ab 4. Mai proben, und wir könnten ab 20. Mai spielen“, sagt Laufenberg. Es seien mehrere Szenarien besprochen worden, etwa nur Karten für bestimmte Sitzreihen auszugeben. „Das Hauptproblem sind Orchester und Tanz. Aber wenn der Fußball Ausnahmen bekommt, sehe ich nicht ein, warum das Ballett sie nicht bekommt“, so Laufenberg. Auch abgesagte Premieren will er nachholen, schließlich seien sie zum Teil fast fertig. Nur könne das erst in der übernächsten Spielzeit geschehen – 2020/21 ist nun fix.

          Spielpläne, zumal mit vielen Gästen, sind extrem komplexe Gebilde. Derzeit müssen die Chefdisponenten der Häuser beinahe täglich ihre Konzepte überarbeiten. In Mainz setzt man auf hauseigene Ensemblestrukturen und kann daher hier und da flexibler reagieren. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, unter den Einschränkungen Modelle und Formate zum Spielen zu entwickeln“, sagt die Mainzer Sprecherin. Aber es brauche klare Regelungen. Während viele Häuser komplett geschlossen sind, finden in Mainz Proben mit einzelnen Personen unter strengen Vorkehrungen momentan statt. Denn: „Alle wollen wieder spielen.“

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