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Corona-Pandemie : Noch gibt es freie Intensivbetten

Freie Plätze: In den hessischen Krankenhäusern sind noch nicht alle Intensivbetten belegt (Symbolbild). Bild: dpa

Krankenhäuser aus Rhein-Main berichten von genügend freien Plätzen. Schutzkleidung hingegen ist weiterhin Mangelware.

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          Auch zwei Wochen nachdem die ersten an Corona erkrankten Patienten in den Krankenhäusern des Rhein-Main-Gebiets aufgenommen worden sind, ist die Lage an den Kliniken stabil. Die meisten Häuser berichten von einem Anstieg der Fallzahlen, die im Schnitt in niedriger zweistelliger Höhe liegen. „Die Zunahme ist stabil und handelbar“, sagt beispielsweise Klaus-Peter Hunfeld, Virologe am Nordwestkrankenhaus in Frankfurt. Das Frankfurter Bürgerhospital meldet ebenfalls, es sei „bisher zu keinem Zeitpunkt an den Kapazitätsgrenzen“ angekommen. Eine Umfrage dieser Zeitung hat ergeben, dass es in allen Häusern freie Beatmungsplätze gibt. „Wir sind weit weg von der Lage in Italien oder New York“, meint Ralf Kiesslich, Ärztlicher Direktor der Helios Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Blick auf die Belegungszahlen des interdisziplinären Versorgungsnachweises Ivena zeigt, dass in Hessen am Mittwoch nur die Hälfte aller gut 25.000 Krankenhausbetten belegt war – und davon nur ein Bruchteil mit Corona-Patienten. Von den Beatmungsplätzen waren weniger als die Hälfte belegt, gut zwölf Prozent mit Corona-Patienten. Die Intensivstationen waren etwas stärker nachgefragt, auch hier stellten Infizierte etwa zehn Prozent.

          „Gewisse Konstanz zu beobachten“

          Dass es schon in den nächsten Tagen zu einem drastischen Anstieg der Fallzahlen kommen könnte, erwartet kein Klinikchef. Die aktuellen Zahlen belegten, dass die Krankheitswelle seit einigen Tage abflache, sagt Kiesslich. Er sei froh, dass sich die meisten Deutschen an die strikten Kontaktbeschränkungen gehalten hätten. Das stimmt auch Hunfeld vom Nordwestkrankenhaus zuversichtlich. In den vergangenen beiden Wochen sei eine „gewisse Konstanz zu beobachten“, berichtet ebenso Thorsten Steiner, Ärztlicher Direktor des Klinikums Frankfurt-Höchst.

          Obwohl alle Kliniken die Versorgung von Corona-Patienten in den Fokus gerückt haben, sind Notfälle anderer Art also in der Überzahl. Und doch machen sich viele Klinikchefs Sorgen um die Betroffenen. Aus Angst vor einer Infektion warteten Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder Blinddarmentzündung derzeit zu lange, bevor sie ins Krankenhaus kämen, berichtet Julia Hefty, Geschäftsführerin der Hochtaunuskliniken. Dabei rette eine frühzeitige Behandlung Leben, denn die Erkrankungen seien meist schwerwiegender als eine Corona-Infektion. Dass die Fallzahlen in den Notaufnahmen gesunken sind, weil nur Bürger mit ernsthaften Gesundheitsstörungen kommen, sieht Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor des Frankfurter Universitätsklinikums, dagegen als positiven Nebeneffekt.

          „Die Corona-Patienten sind anstrengend“

          Im März hatten sich die Kliniken auf die Erkrankungswelle vorbereitet. Dafür wurden Operationen, die nicht zwingend notwendig waren, verschoben. Soweit möglich, folgte man der Empfehlung des Robert-Koch-Instituts, die Behandlung von Infizierten und nicht Infizierten räumlich zu trennen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Nicht alle gingen dabei so weit wie die Frankfurter Universitätsklinik, die zurzeit zwei fast getrennte Häuser betreibt. An anderen Häusern wie den Hochtaunuskliniken in Bad Homburg hat man sich anders beholfen und zum Beispiel Trockenbauwände in der Notaufnahme eingezogen. „Wir hätten keine Minute später die Umstrukturierung fertigstellen können“, sagt Steiner vom Klinikum Höchst. Und hebt hervor, dass die Verschiebung von Operationen „alternativlos“ gewesen sei, um sich vorzubereiten.

          Auch wenn die Kliniken noch freie Kapazitäten haben, ist die Belastung für die Mitarbeiter schon jetzt groß. „Die Corona-Patienten sind anstrengend“, berichtet beispielsweise Rainer Bürger, Ärztlicher Direktor des Frankfurter Sankt Katharinenkrankenhauses. Zum einen bräuchten die Patienten viel Fürsprache. Zum anderen müssten sie streng isoliert werden, was ein „riesiger Arbeitsaufwand“ sei, ebenso wie das Anlegen der Schutzkleidung. Allein das Atmen unter den abschließenden Masken sei anstrengend, sagt auch Graf.

          Nicht genug Schutzkleidung

          Der Direktor des Frankfurter Universitätsklinikums, der vom Sozialministerium mit der Koordination der Krankenhauskapazitäten in der Krise beauftragt wurde, zeigt sich von einer Zahl überrascht. Er habe nicht mit einem so hohen Anteil an intensivpflichtigen Patienten gerechnet, sagt er. Zum einen gebe es bei Patienten akute Verschlechterungen, die eine Überwachung erforderten. Zum anderen kämen nur schwerkranke Patienten ins Krankenhaus, weil in Deutschland – anders als in Italien – ein Großteil der leichter Erkrankten von niedergelassenen Ärzten versorgt werde. Hunfeld beschäftigt dagegen die Behandlungsdauer, die sehr lang sei. Schwerkranke, die beatmet werden müssten, bräuchten Zeit. Sie müssten zwei bis drei Wochen an die Geräte. „Das ist ein Flaschenhals, der verstopfen könnte.“

          Alle Häuser berichten weiter von Schwierigkeiten, an ausreichend Schutzkleidung zu kommen. „Im Moment muss jeder für sich selbst kämpfen“, sagt Hunfeld. Dass es gerade in Altenheimen an Schutzkleidung fehle, sei „tragisch“. Schließlich würden alle Anstrengungen zum Schutz der Älteren dadurch „verpuffen“. Er sieht darin ein Versäumnis der Politik, die jetzt fordere, alle Bestände zu melden. Vermutlich sollten sie deutschlandweit umverteilt werden. „Was Beatmungsgeräte und Schutzausrüstung betrifft, stellen wir derzeit schmerzlich fest, dass es beides in Deutschland nicht zeitnah zu kaufen gibt“, berichtet Hefty von den Hochtaunuskliniken. „Niemand von uns hätte es für möglich gehalten, dass Deutschland völlig außer Stande ist, einfache Mundschutzmasken zu produzieren, wenn es darauf ankommt.“

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