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Handel in der Corona-Krise : „Die Innenstädte sind die Verlierer“

Einkauf mit Hindernissen: Der Zugang zu den großen Filialen an der Frankfurter Zeil ist begrenzt, Kunden müssen Schlange stehen. Bild: Frank Rumpenhorst

Die Zeil in Frankfurt füllt sich wieder – doch von einem Normalbetrieb ist der Einzelhandel weit entfernt. Besser läuft es im Umland und in den Stadtteilen.

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          Die Kabine ist frei, die Verkäuferin hat Zeit – und gute Laune bei Appelrath Cüpper an der Frankfurter Zeil. „Schön dass Sie heute bei uns eingekauft haben“, wird sie am Ende eines einstündigen munteren Zusammenspiels mit der Kundin sagen, die zufrieden mit zwei Hosen, einer Bluse und 20 Prozent Rabatt auf der Rechnung nach Hause geht. Da ist die lästige Maskenpflicht auf beiden Seiten fast vergessen an diesem Samstag Mitte Mai, an dem es so aussieht, als sei ein großes Stück Normalität ins Frankfurter Geschäftsleben zurückgekehrt.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch am Samstag vor Pfingsten war die Zeil gut besucht, selbst am Dienstag dieser Woche gab es Schlangen vor den Türen der Modefilialisten. Bei der irischen Billigkette Primark, die sich lange Zeit gelassen hatte mit der Wiedereröffnung, standen Kunden am Morgen ums Eck, bis zur Einfahrt der Karstadt-Tiefgarage. Zwar dürfen die Geschäfte seit gut drei Wochen wieder auf der kompletten Fläche verkaufen, müssen wegen der Corona-Schutzmaßnahmen die Zahl der Besucher jedoch begrenzen. Nicht mehr als 800 darf etwa das Modehaus Peek & Cloppenburg hereinlassen. Reicht das?

          „Verheerende Umsatzverluste“

          Der Einzelhandel gehört zu den Branchen, denen die Corona-Krise besonders zusetzt. Fünf Wochen waren die meisten Geschäfte geschlossen. Dann durften erst kleine Flächen öffnen, später auch die großen. Doch Umsatzanlässe wie Hochzeiten, Kommunion, Geburtstage und Urlaubsreisen fehlen. Außerdem hält, wer in Kurzarbeit ist und nicht weiß, wie es beruflich weiter geht, sein Geld zusammen. Lässt man die Supermärkte und Drogerien außen vor, sanken die Erlöse im stationären Einzelhandel nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes im April im Vergleich zum Vorjahr um 14,4 Prozent. Großer Gewinner dagegen war der Internet- und Versandhandel mit einem Plus von 24 Prozent.

          Von „verheerenden Umsatzverlusten“ spricht Sven Rohde, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Hessen mit Blick auf ein Minus von mehr als 70 Prozent, das Mode-, Schuh- und Ledergeschäfte im April auch in Hessen verkraften mussten. Trotz wieder eröffneter Geschäfte reichten Frequenz und Umsatz bisher bei weitem nicht an die Umsätze vor der Krise heran.

          Allerdings hat sich die Kauflaune der Verbraucher inzwischen etwas aufgehellt, nicht zuletzt, weil die Straßencafés und Restaurants wieder geöffnet sind. „So langsam nimmt der Handel wieder Fahrt auf.“ Immer mehr „Puzzleteile“ fügten sich zu einem „normalen Handelsleben“, sagt Jochen Ruths, Präsident des Handelsverbands Hessen, der ein Modekaufhaus in Friedberg betreibt. Mode sei durchaus wieder ein Thema, sagt Ruths. Weil Kinder aus den Hosen herausgewachsen seien, weil manch einer trotz des schönen Wetters noch eine Jacke für kühle Abende benötige, oder einfach weil seine Kunden Lust aufs Shoppen hätten. Sogar Hochzeitsgäste habe das Modegeschäft schon ausgestattet.

          Sehr gemischtes Bild

          Ruths profitiert wie viele seiner Kollegen im Umland davon, dass Mitarbeiter von zuhause aus arbeiten und dort auch einkaufen. Das geht zu Lasten der großen Einkaufsstraßen wie der Zeil. „Die Innenstädte sind im Moment die Verlierer“, stellt Joachim Stoll, Sprecher der Frankfurter Händler fest, der als Inhaber eines Koffergeschäftes wegen der Corona-Reisebeschränkungen selbst mit Umsatzrückgängen zu kämpfen hat. Andere Branchen, etwa Fahrradgeschäfte, Baumärkte und Gärtnereien, machen dagegen gute Geschäfte. „Das Bild ist sehr gemischt“, sagt Stoll. Frankfurt leide insbesondere darunter, dass die Touristen und Büroangestellten fehlten.

          Dass die Frequenz in der Innenstadt nachgelassen hat, bestätigt Ernst Schmid, Inhaber des Unternehmens Hifi Profi mit einer Vorzeigefiliale in Frankfurt und drei weiteren in der Region. „Der Einkaufsbummel findet nicht statt.“ Immerhin: „Wer zu uns ins Geschäft kommt, nimmt sich Zeit und will auch etwas kaufen“, sagt Schmid. Die Beratungsgespräche seien sehr erfreulich, die Kunden freundlich. „Wenn wir mehr davon hätten, wären wir froh.“

          Das trifft auch auf die Einkaufszentren der Hamburger ECE-Gruppe in der Region zu, von denen nur das Isenburg Zentrum in Neu Isenburg einigermaßen zufriedenstellend laufen soll, wie aus der Branche zu hören ist. Sogar das erfolgsverwöhnte Main-Taunus-Zentrum (MTZ) in Sulzbach soll deutlich schwächeln. Dabei spazieren Kunden dort unter freiem Himmel. Die meisten Center sind geschlossen und müssen Kunden erst einmal davon überzeugen, dass sie ohne Bedenken einkaufen können, wie Olaf Kindt sagt. Der Center-Manager im Hessen-Center kennt „gute Tage, an denen wir schon wieder nah ans Vorjahr herankommen“, aber auch „desaströse“, an denen nicht einmal die Hälfte üblichen Besucherzahlen erreicht werde.

          „Unsere Kunden sind schon da“

          Besser durch die Krise kommen offenbar die Einkaufsstraßen in den Stadtteilen. „Wir haben den Vorteil: Unsere Kunden sind schon da“, sagt Kaweh Nemati, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Untere Berger Straße. Außerdem sei der Kostenapparat im Vergleich zu den großen Filialisten kleiner. Nemati betreibt eine Secondhand-Boutique und einen Modeladen an der Berger. Die Umsätze hätten sich besser entwickelt als erwartet. „Alle sind recht zufrieden.“ Kunden zeigten sich solidarisch mit kleinen Geschäften. Viele hatten bereits während der fünfwöchigen Zwangspause rege Gutscheine gekauft, um ihre Händler in der Nachbarschaft zu unterstützen. Sie hätten gemerkt, „wie schön es in ihrem Stadtteil ist“.

          Ob das auf Dauer so bleibt, wird sich zeigen. Für viele Modehändler dürfte es spätestens im Herbst, wenn die Winterware bezahlt werden muss, eng werden. Auch Jochen Ruths bleibt bei allem Optimismus Realist. „Wir wissen nicht, ob es am Ende des Tages langt, und wie viele es erwischen wird.“ Nach der Umfrage des Handelsverbands Deutschland fürchten vier von zehn Kaufleuten, dass ihr Unternehmen vor dem Aus steht.

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