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Corona-Krise : „Versuchen Sie mal, das Wort ,Kontaktsperre’ einfach zu erklären“

Verlassen: Seit einer Woche sind die Türen der Einrichtung Milena verschlossen. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Frankfurter Integrationseinrichtung Milena berät Frauen in der Corona-Krise per Video. Dennoch besteht Grund zur Sorge um die Frauen – aus mehreren Gründen.

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          Maneesorn Koldehofe ist im Merkel-Modus. „Wir schaffen das“, sagt sie, den Blick in die Kamera gerichtet. Die kurze Videobotschaft, die sie im heimischen Wohnzimmer aufgenommen hat, wird wenig später in Flüchtlingsunterkünften und Notwohnungen in ganz Frankfurt und Umgebung abgespielt. „Wir schaffen das“, hallt es durch die Zimmer.

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Koldehofe gehört zu den Gründerinnen der Integrationseinrichtung Milena, für die die F.A.Z. im vergangenen Jahr Spenden gesammelt hat. Seit einer Woche sind die Türen der Einrichtung verschlossen, alle Sprachkurse für die Frauen, die Kinderbetreuung sowie das Nachmittagsangebot für Schülerinnen abgesagt. Das Arbeitspensum der Sozialarbeiterinnen und Pädagoginnen ist seither trotzdem nicht geringer geworden. Im Gegenteil.

          Nur die Art der Ansprache hat sich verändert. Statt persönlich, versuchen sie die Frauen nun täglich per Handy zu erreichen und ihnen mit Hilfe von kurzen Videos Ideen zu übermitteln, wie sie die Kinder sinnvoll beschäftigen oder ihr Deutsch verbessern können. Es gehe darum, die Frauen zu unterstützen, in der beengten Wohnsituation in den Flüchtlingsunterkünften und Notwohnungen einen strukturieren Tagesablauf zu etablieren. Koldehofe befürchtet, dass das Zusammensein auf engstem Raum und die oftmals schwierigen Familienverhältnisse für viele zur Herausforderung werden. „Ich weiß, dass die Frauen morgens aufstehen und abends ins Bett gehen. Alles, was dazwischen passiert, kann ich nur ahnen“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich hoffe, dass keine Gewalt innerhalb der Familien entsteht.“

          Die Verunsicherung ist für viele Frauen groß

          Hinzu komme, dass es für viele der Frauen schwer sei, die Nachrichtenlage einzuschätzen. Die Verunsicherung sei groß, sagt Koldehofe. Auch deshalb sind die Milena-Mitarbeiterinnen dazu übergegangen, kleine Videos zu produzieren, in denen sie tagesaktuelle Nachrichten in einfacher Sprache zusammenfassen. „Aber versuchen Sie mal, das Wort ,Kontaktsperre’ einfach zu erklären“, sagt die Milena-Gründerin. Die angespannte Situation sei für viele der Frauen eine enorme psychische Belastung. „Viele haben durch die Flucht schon ein Trauma erlebt. Jetzt kommt noch einmal die Situation des physischen Eingesperrtseins dazu. Ich habe Angst, was da noch hochkommt.“ Gerade deshalb sei es wichtig, den Kontakt zu den Frauen nicht abreißen zu lassen, um notfalls von außen reagieren zu können. „Beruhigende Gespräche, das ist das, was wir anbieten können.“

          Viele der Frauen würden ihr zudem gerade von der Sorge berichten, ihre Kinder in den nächsten Wochen nicht richtig versorgen zu können. „Durch die Hamsterkäufe sind oft gerade die billigen Produkte weg“, berichtet Koldehofe. „Die, die kein Geld haben, die, die gerade nicht digital partizipieren können, die stehen gerade ganz weit unten.“

          Die Mitarbeiterinnen der Integrationseinrichtung versuchen derzeit, auch den Schülerinnen eine digitale Betreuung anzubieten, die unter anderem das Kontrollieren der Hausaufgaben umfasst. Außerdem seien alle aufgefordert, immer um 16Uhr gemeinsam die Nachrichten zu schauen – und sich im Anschluss darüber auszutauschen. Sich in der Ausnahmesituation nicht allein zu fühlen, sondern gesehen zu werden, darauf komme es jetzt für die Jugendlichen an, sagt Koldehofe und fügt hinzu: „Wir schaffen das. Der Spruch hat wieder Gültigkeit.“

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