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Betreuung in Corona-Zeiten : Wegen einer Schnupfennase nicht in die Kita

Mit Einschränkung: Am Montag haben die hessischen Kitas den Regelbetrieb wieder aufgenommen. Bild: dpa

Die hessischen Kindertagesstätten sind wieder im Normalbetrieb. Doch die Hygieneregeln sind streng. Kinder mit Erkältungssymptomen werden nach Hause geschickt. Wie soll das erst im Herbst werden?

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          Das Kind hat einen harmlosen Sommerschnupfen. Die Nase läuft sporadisch, aber sonst ist es fit. Es hat kein Fieber, ist vergnügt, hat Appetit und klagt und jammert nicht. Es versteht auch nicht, dass es wegen seiner laufenden Nase nun auf Sommervergnügen verzichten soll – Waffeleis und Planschbecken zum Beispiel. Die Eltern sind unbesorgt. Die Kita ruft trotzdem an: Die Nase läuft, bitte sofort das Kind abholen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für viele Kinder hat der Regelbetrieb an diesem Montag wieder begonnen. Nach entbehrungsreichen Wochen dürfen nun wieder alle Kinder in die Kita. Für viele Eltern, die sich die Betreuung zuvor geteilt haben, ist das eine große Erleichterung. Aber sie sind mit einer anderen Realität konfrontiert als „vor Corona“. Das hessische Sozialministerium empfiehlt, klare Hygieneregeln einzuhalten, um Kinder und Beschäftigte zu schützen. Dazu gehört auch, dass Kinder mit Krankheitssymptomen nicht in die Kita dürfen. „Bei Krankheitsanzeichen (zum Beispiel Fieber, trockener Husten, Atemprobleme, Verlust des Geschmacks-/Geruchssinns, Halsschmerzen, Gliederschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall) müssen sowohl Kinder als auch Beschäftigte auf jeden Fall zu Hause bleiben“, heißt es in den Hygieneempfehlungen des Landes. Das gelte auch, wenn Geschwisterkinder oder Eltern krank sind. Rotznasen gehören zwar nicht zu den klassischen Corona-Symptomen und stehen auch nicht auf dieser Liste. Manche Träger erweitern die Symptome aber auch um den Schnupfen – und handeln entsprechend.

          „Riesenproblem für die Eltern“

          „Das ist ein Riesenproblem für die Eltern. Alle haben Angst vor dem Herbst, wenn die Erkältungssaison beginnt. Eine Erwerbstätigkeit ist unter diesen Bedingungen kaum noch möglich “, sagt Brigitte Molter, die der Landesarbeitsgemeinschaft der Kita-Eltern vorsitzt. Die Vorgabe des Landes, Kinder selbst bei milden Erkältungssymptomen nach Hause zu schicken, sei praxisfern, nicht verhältnismäßig und setze die Eltern unter Druck: „Viele Arbeitgeber haben langsam kein Verständnis mehr dafür, dass die Eltern ständig ausfallen.“ Wer mehrere Kinder habe, der wisse: Eines hat meistens Schnupfen. Das Land müsse die Vorgaben dringend anpassen.

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          „Es ist ein echtes Dilemma. Wir müssen die Hygieneregeln einhalten, um die Gruppen und Mitarbeiter nicht zu gefährden. Wir müssen deshalb Kinder, die Erkältungssymptome zeigen, nach Hause schicken. Aber ich verstehe auch die Eltern“, sagt Elisabeth Strüber. Sie leitet den Sozialpädagogischen Verein, der in Frankfurt 82 Kitas betreibt. Andere Träger wie die Arbeiterwohlfahrt messen bei den Kindern täglich die Temperatur und lassen sich von den Eltern versichern, dass ihr Kind gesund ist.

          In der Kinderarztpraxis von Ursula Mertes im Frankfurter Nordend steht das Telefon selten still. Am Montagvormittag melden sich rund 40 Eltern, die ihre Kinder aus der Kita abholen mussten, weil sie zum Teil nur milde Krankheitssymptome zeigten. Erst mit einem ärztlichen Attest, das bezeugt, dass die Kinder keine Infektionskrankheiten haben, dürfen diese in die Einrichtung zurück. Viele erwerbstätige Eltern stellt das vor große Probleme. „Es herrscht eine große Verunsicherung. Die Eltern werden alleingelassen. Dieser Mechanismus ist nicht durchdacht“, sagt die medizinische Fachangestellte Marlene Hansert. Besonders mit Blick auf die saisonale Erkältungswelle im Herbst erhofft sich die Praxis klare Richtlinien. Nach Meinung der Fachärztin Ursula Mertes sollten Kinder gemäß den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts dem Arzt vorgestellt und gegebenenfalls getestet werden und nur dann eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Wiederzulassung zur Kita gefordert werden. „Die Kinder werden ungleich behandelt. Kein Arbeitgeber schickt seine Angestellten wegen eines leichten Schnupfens nach Hause“, sagt die Ärztin.

          Das sieht der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Hessen ähnlich. Die Hygieneregeln des Landes seien „in der Form sicher nicht angemessen“, sagt der Kinderarzt Burkhard Voigt, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands. Das Sicherheitsbedürfnis der Erzieher werde auf die Ärzte verlagert. „Ein Kind, das fiebert, sollte grundsätzlich nicht in die Kita gehen. Aber wenn es nur einen Schnupfen hat, ist es vermessen, einen Test zu machen. Das hat mit Rationalität nichts zu tun.“ Voigt fordert das Sozialministerium auf, die Regeln zu widerrufen. Wichtiger sei es, in Kitas geschlossene Gruppen einzuhalten. Auch der volkswirtschaftliche Schaden sei immens. Wenn die Eltern bei kleinsten Erkältungssymptomen ihre Kinder zu Hause betreuen müssten, gingen Tausende Arbeitstage verloren – jeden Tag.

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