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Supermärkte in der Krise : Beschimpft und angefeindet

Kornelia Christ arbeitet als Kassenleitung beim Edeka-Center Haller in Raunheim. Bild: Daniel Schleidt

Die Corona-Krise verlangt Mitarbeitern in Supermärkten vieles ab. Im Edeka-Center im hessischen Raunheim bekommen sie Zuneigung, aber auch Wut zu spüren.

          3 Min.

          Der Mann Mitte vierzig hat sich etwas ausgedacht. Eine kleine Freude in diesen schwierigen Zeiten, eine nette Geste. Das Päckchen Ferrero Küsschen liegt am Ende dessen, was er auf das Band an der Supermarkt-Kasse gelegt hat. Als die junge Kassiererin die Süßigkeit über den Scanner gezogen hat, lässt der Kunde sie liegen und sagt: „Das ist für Sie, als Dankeschön, dass Sie hier jeden Tag die Stellung halten.“ Kornelia Christ freut sich über solche Aufmerksamkeiten, sehr sogar. „Das tut einfach gut.“ Christ ist 56 Jahre alt und im Edeka-Markt im Einkaufszentrum „Mainspitze“ in Raunheim als Kassenleiterin tätig. Mit Mundschutz und Handschuhen verrichtet sie dieser Tage ihre Arbeit und stellt fest: Viele Menschen wissen ihr Engagement zu schätzen. Und viele andere leider nicht.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ingo Haller betreibt als selbständiger Händler das Edeka-Center und steht derzeit vor einer besonderen Aufgabe: Die Menschen rennen ihm die Bude ein. An jedem Tag sei derzeit so viel los wie sonst nur in der Weihnachtszeit. „Wir kommen häufig nicht mehr damit nach, die Regale aufzufüllen.“ Besonders begehrt sind auch bei ihm Artikel wie Nudeln, Reis, Seife, Mehl – und natürlich Toilettenpapier. Haller hat den Mundschutz, den alle seine gut 100 Mitarbeiter tragen, unter das Kinn gezogen und schüttelt den Kopf. „Meine Leute und ich werden von Kunden teilweise beschimpft und übel angefeindet, weil sie kein Klopapier mehr bekommen.“ Haller hat sogar schon Kontakt zu einem Sicherheitsdienst aufgenommen, den er engagieren will, sollte die Situation noch schlimmer werden. Denn was soll er machen? 

          Ingo Haller betreibt das Edeka Center Haller in Raunheim.
          Ingo Haller betreibt das Edeka Center Haller in Raunheim. : Bild: Daniel Schleidt

          Leon Paechnatz ist in dem Supermarkt zuständig für die Bestellungen, und er sagt, er tue alles, um die fehlenden Waren zu bekommen. „Aber es ist eine Ausnahmesituation, mit der wir alle klarkommen müssen.“ Man wisse selbst nicht genau, an welchen Tagen fehlende Produkte wie Toilettenpapier geliefert werden, sagt Paechnatz. Und wenn es dann komme, brauche man es erst gar nicht in die Regale räumen. „Das ist, als ginge über dem Markt eine Rauchwolke in die Luft, die jeder sehen kann“, sagt Haller. Innerhalb von Minuten strömten Menschen in seinen Markt. Die drei Paletten, die er in der Regel bekomme, seien in einer guten Stunde leer. „Ein Wahnsinn.“

          Zusätzliche Lieferungen Klopapier

          Die Regale, in denen sonst wie selbstverständlich immer ausreichend Klopapier zu finden war, waren zuletzt deshalb tagelang leer geblieben. Inzwischen jedoch hat Haller versucht, über die Belieferungen von Edeka hinaus noch eigene Lieferanten zu finden. Mit Erfolg. In dem Klopapier-Regal stapeln sich nun kistenweise Nudeln eines Herstellers, der sonst Restaurants beliefert, die nun aber geschlossen sind. Am Morgen hat Haller mit anderen Herstellern telefoniert und hofft nun, zusätzliche Lieferungen von Mehl und Klopapier zu erhalten.

          Auch wenn er derzeit mehr verkauft als sonst: Ingo Haller beteuert glaubhaft, es gehe ihm in diesen Tagen bestimmt nicht um ein gutes Geschäft, sondern vielmehr darum, die Kundennachfrage zu befriedigen und dabei seine Mitarbeiter zu schützen. Deshalb war er einer der Ersten, der alle Mitarbeiter mit Mundschutz versorgt und vor Verkaufstheken Klebestreifen angebracht hat, damit die Kunden dem Personal nicht zu nahe kommen.

          „Ich habe keine Angst“

          „Das klappt eigentlich meist ganz gut alles“, sagt Kornelia Christ. Obwohl sie an den Kassen des Marktes täglich stundenlang mit vielen Menschen in Kontakt sei, habe sie keine Angst vor dem Coronavirus. „Ich mache hier meinen Job, alles andere habe ich nicht in der Hand“, sagt sie. 

          Ingo Haller weiß, wie viel seine Leute dieser Tage leisten. „Jeder von uns ist hier jeden Tag in Gefahr.“ Hinzu kämen die enorme Arbeitsbelastung und die Anspannung unter den Kunden. Trotz dieser Situation plant Haller nicht, die Öffnungszeiten zu verkürzen. „Dann sind ja noch mehr Menschen gleichzeitig auf engem Raum“, erläutert er. Stattdessen hat er vergangene Woche sieben zusätzliche Aushilfen eingestellt, die den ganzen Tag lang nur Regale nachfüllen. Weil das trotzdem noch nicht reicht, um dem derzeitigen Bedarf der Kunden gerecht zu werden, haben am Samstag zwölf Mitglieder des Eintracht-Fanclubs aus Raunheim in freiwilligen Sonderschichten mit angepackt.

          „Der Zusammenhalt unter den Menschen ist großartig. Wenn es etwas Positives in dieser Zeit gibt, dann das“, lobt Haller – und verspricht, den Fanclub mit Essen und vor allem Getränken auszustatten, wenn einmal wieder Auswärtsfahrten mit der Eintracht in der Bundesliga möglich sind. Derzeit plant Haller gemeinsam mit anderen Raunheimern, Lebensmittel kostenfrei an Menschen auszuliefern, die der Risikogruppe angehören, um sie zu schützen. Dann muss der Chef zurück an die Arbeit. Eines sei sicher, sagt er noch abschließend: „Niemand muss Angst haben, dass er bei uns eines Tages nichts mehr zu essen bekommt.“ 

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