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Nach der Corona-Krise : Das Buch, die Messe, das Virus

So wird es ganz bestimmt nicht: Gedränge auf der Frankfurter Buchmesse im vorigen Jahr Bild: Wonge Bergmann

300.000 Besucher aus aller Welt? Fünf Tage lang an einem Ort? Noch ist unklar, ob die Frankfurter Buchmesse im Oktober stattfinden kann. Die Branche ringt mit sich.

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          Findet sie statt oder nicht? Die Frankfurter Buchmesse soll zwar erst am 14. Oktober eröffnet werden, aber schon jetzt wird hinter den Kulissen darüber debattiert, ob der Termin in Zeiten der Corona-Pandemie noch zu halten ist. In München ist vor wenigen Tagen das Oktoberfest abgesagt worden, das am 18. September hätte beginnen sollen und am 4. Oktober geendet hätte. In Frankfurt hält die Buchmesse fürs Erste noch daran fest, zehn Tage später zumindest eine Form der Messe beginnen zu lassen, von der sie sagt, es werde „eine ganz besondere“ werden.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie soll das gehen? Auf der bedeutendsten Bücherschau der Welt, die im vorigen Herbst etwa 300.000 Besucher und mehr als 7000 Aussteller aus rund 100 Ländern anzog? Die aber nur deshalb der nach wie vor wichtigste Marktplatz der internationalen Buchbranche ist, weil Fachbesucher aus New York, Lateinamerika, London, Paris, Berlin und Fernost drei Tage lang miteinander verhandeln und ausgehen können, am liebsten ohne Maske und anderthalb Meter Abstand? Und auf der die Leser am Wochenende auf Tuchfühlung mit ihren Lieblingsautoren und anderen Lesern gehen wollen? Hört man sich um, gewinnt man den Eindruck, die Branche rechne durchaus mit dem Schlimmsten, also einer Absage der Bücherschau, warte derweil aus juristischen Gründen auf klare staatliche Vorgaben wie die Verlängerung des Verbots von Großveranstaltungen über den 31. August hinaus und hoffe bis dahin beherzt das Beste.

          „Flehentliche Bitten, die Messe stattfinden zu lassen“

          Bei der Buchmesse selbst hält man sich auf Anfrage zwar sehr bedeckt, vom Börsenverein aber gibt es ein Statement. „Es gibt die fast flehentlichen Bitten, die Messe stattfinden zu lassen, gerade nach der Absage des großen Lesefests, das die Leipziger Buchmesse jeden März darstellt“, sagt Karin Schmidt-Friderichs. Die Mainzer Verlegerin spricht für die gesamte Buchbranche. Seit vorigem Oktober ist sie Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der die Frankfurter Bücherschau über die Buchmessengesellschaft, eine seiner Wirtschaftstöchter, seit 1949 veranstaltet.

          Schmidt-Friderichs fügt hinzu: „Es gibt außerdem die Bitte um eine rasche Entscheidung.“ Und es gibt ihrer Darstellung nach Organisatoren, die um gesundheitliche Gefahren, staatliche Regelungen und noch ausstehende Entscheidungen von Bund und Ländern wissen, aber hoffen, die Messe vielleicht doch noch retten zu können, wenn auch in veränderter Form. Näheres könnte bis spätestens Mitte Juni mitgeteilt werden, wenn im Mai zwei entscheidende Gremiensitzungen stattgefunden haben. Schmidt-Friderichs fasst zusammen: „Es gibt die Entscheider, die es sich nicht leichtmachen und abwägen zwischen der großen Hoffnung auf die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Verpflichtung gegenüber der Fürsorge für Aussteller und Besucher.“

          Rasche Entscheidung gefordert

          Kleinen und großen Verlagen sowie Autoren aus Deutschland und aller Welt ist durchaus an der einzigartigen Aufmerksamkeit gelegen, die die Buchmesse mit ihren fast 10.000 akkreditierten Journalisten eine knappe Woche lang auf Buch und Branche lenkt, auf Autoren und Leser, Herbstprogramme und ein hoffentlich ergiebiges Weihnachtsgeschäft. Bei S. Fischer, Frankfurts weitaus größtem Verlag, plädiert man dafür, die Flinte nicht gleich vorab ins Korn zu werfen. Der Austausch mit den Messekollegen habe gerade erst begonnen, sagt die verlegerische Geschäftsführerin Siv Bublitz: „Es ist viel zu früh für öffentliche Statements.“

          Ihr Frankfurter Kollege Klaus Schöffling zählt eher zu den Skeptikern: „Es wäre schön, wenn es ginge, aber ich glaube es nicht.“ Es entbehre einer gewissen Logik, Anfang Oktober ein großes Münchner Volksfest mit mehreren Millionen Besuchern abzusagen, eine große Frankfurter Messe mit mehreren hunderttausend Besuchern zehn Tage später aber abzuhalten. Schöffling, mit seinem Verlag ebenso Mitglied im Börsenverein wie viele andere deutsche Verleger, zählt zu denen, die rasche Klarheit fordern: „Es muss jetzt entschieden werden.“ Die Vorbereitungen der Verlage liefen, in den nächsten Monaten entstünden vielen Ausstellern immer weitere Kosten, von der Hotelbuchung bis zum Organisieren von Veranstaltungen: „Wir möchten nicht noch einmal einen Fall wie in Leipzig, wo die Messe erst kurz vor Beginn abgesagt wurde.“ Im Herbst solle Corona verschwunden sein? „Das glaubt ja wohl keiner.“

          Sollte es im Oktober noch immer keine Flüge geben, hat die Buchmesse als internationale Fachmesse ohnehin ein Problem. Blieben Verleger und Agenten aus dem Ausland aus, vor allem aus den Vereinigten Staaten und dem Rest der englischsprachigen Welt, fiele die Antwort auf die Frage nach dem Sinn der diesjährigen Messe für viele weitere Teilnehmer wohl ganz anders aus. „Können Sie sich vorstellen, dass internationale Verleger in diesen Zeiten Lust haben, auf die Messe zu kommen?“, fragt Joachim Unseld, Leiter der Frankfurter Verlagsanstalt und im Börsenverein jahrelang Leiter der Arbeitsgemeinschaft Publikumsverlage: „Die Stimme der Vernunft sagt, dass es ausgesprochen schwer wird, sich vorzustellen, dass die Messe stattfindet.“ Auch Verleger, die sich über Geschäftsabschlüsse und Besucher freuen, sind schließlich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter, Autoren und Gäste besorgt. Unseld zumindest weiß schon jetzt, dass er seine Buchmessenparty ausfallen lassen wird: „Ich kann es beim besten Willen nicht verantworten.“

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