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Rückkehr in die Büros : Wie sich Firmen auf das Ende des Homeoffice vorbereiten

Ob von Zuhause oder im Büro: wo gearbeitet wird entscheidet der Arbeitgeber. (Symbolbild) Bild: dpa

Immer mehr Unternehmen in Rhein-Main holen ihre Mitarbeiter in die Büros zurück. Arbeitgeber setzen auf pragmatische Regelungen für die Rückkehr aus dem Homeoffice.

          3 Min.

          Nicht nur Kellner, Friseure und Fitnesstrainer sind an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt und geben dem Leben wieder einen normaleren Anstrich. Ein weiteres Stück Alltag kehrt zurück, wenn Banken, Versicherungen, Ämter, Werbeagenturen und andere ihre Angestellten aus dem Homeoffice wieder in die Büros rufen. Mancher wird dann zögern, aber das Wort vom Chef gilt: Rechtlich betrachtet bestimmt der Arbeitgeber, wo gearbeitet wird.

          Inga Janović

          Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vorausgesetzt, er kann einen sicheren Arbeitsplatz bieten – und das ist in Zeiten der Corona-Pandemie nirgendwo einfach. Die Pflicht zu Abstand und noch mehr Hygiene verändert gewohnte Sitzordnungen, Wege durch Bürotürme, die Verpflegung der Mitarbeiter, das Zutrittsrecht zur Kaffeeküche. „Jedes Unternehmen hat im Rahmen seiner Möglichkeiten Fürsorgepflichten und muss sich genau anschauen, was im Sinne des Arbeits- und Infektionsschutzes zu tun ist“, erklärt die Rechtsanwältin Nadja Draxinger. Nur wenn der Arbeitgeber nachweislich alle Auflagen erfüllt, um das Infektionsrisiko für seine Mitarbeiter so gering wie möglich zu halten, müssen die Angestellten ins Büro.

          Draxinger betreibt in Darmstadt eine Kanzlei, Arbeitsrecht ist eines ihrer Spezialgebiete, auf ihren Rechtsverstand vertrauen Betriebsräte, Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Seit die Quarantäne-Regeln gelockert werden, beobachtet sie, dass produzierende Unternehmen die Auflagen zum Infektionsschutz zügiger umsetzen. „Sie sind beim Thema Gefahrenbeurteilung meinem Eindruck nach geübter und weiter als die Dienstleistungsunternehmen mit mehrheitlich Büroarbeitsplätzen“, sagt Draxinger. Viele der Mittelständler seien gezwungen, Umsatz zu generieren, ohne auf die Möglichkeit des Homeoffice zurückgreifen zu können. Gewerkschafter berichten von einem „Flickenteppich“ bei den Rückkehrregelungen, die Qualität der Schutzmaßnahmen falle höchst unterschiedlich aus.

          Abstandsregeln auch im Großraumbüro

          Da scheint es leichter, noch eine Weile zu Hause zu bleiben. Unternehmen etwa aus der Finanz- und Versicherungsbranche holen ihre Mitarbeiter nur sehr langsam zurück. Bei der R+V-Versicherung beispielsweise sind etwa 15 Prozent der Belegschaft wieder am Stammsitz in Wiesbaden anzutreffen, bei der Deutschen Börse AG dürfte die Hälfte schon am Firmensitz in Eschborn arbeiten. „Aber so viele sind es noch längst nicht, auch wenn es täglich mehr werden“, sagt ein Sprecher. Die Deutsche Bank kündigt an, dass die Rückkehr an die Arbeitsplätze „wohlüberlegt und nicht von heute auf morgen“ geschehen soll.

          Alle könnten sowieso nicht kommen. Aus Arbeitgebersicht steht vor allem der überall vorgeschriebene Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern dagegen. Deshalb muss beispielsweise bei der Börse jeder zweite Schreibtisch im Großraumbüro frei bleiben. Bei solch einem Platzbedarf kann so gut wie kein Unternehmen seine volle Belegschaft unterbringen.

          Auf der Arbeitnehmerseite sind es in erster Linie gesundheitliche Bedenken, die gegen eine Rückkehr sprechen. Wer aufgrund von Erkrankungen oder seines Alters zur Risikogruppe gehört, sollte ein ärztliches Attest vorlegen. Was aber, wenn es der Ehepartner ist, der wegen seiner Diabetes im Falle einer Ansteckung Schlimmeres zu befürchten hätte? „Wenn man der Einberufung ins Büro nicht folgen möchte, wird man seine Gründe dem Arbeitgeber offenlegen müssen“, sagt Boris Dzida, Partner und Arbeitsrechtexperte der Großkanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer. Nur wenn er diese Gründe kennt, könne der Arbeitgeber die Risikogruppen auch schützen.

          Pragmatische Lösungen finden

          Wobei der Chef nicht in jedem Wunsch folgen muss. „Wenn alle Vorkehrungen getroffen sind, damit auch Risikogruppen geschützt sind, könnte er auch die Rückkehr dieser Personen verlangen. Vorausgesetzt, er ist bereit, die Verantwortung zu übernehmen“, sagt Draxinger. Das Argument, der Arbeitsweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln sei derzeit zu gefährlich, zählt rechtlich aber nicht: „Der Weg zur Arbeit liegt in der Verantwortung des Arbeitnehmers, dafür muss der Arbeitgeber nicht geradestehen“, so Draxinger. Das gilt auch für die Kinderbetreuung. Dass Kita und zum Teil Schule noch immer zu sind, ist letztlich Privatsache, Vergünstigungen kann man vom Chef erbitten, aber nicht erwarten. „Deshalb hat der Staat ja corona-spezifische Entschädigungsregelungen für den Arbeitsausfall wegen Kinderbetreuung eingeführt“, erinnert Draxinger. Damit solle der Lohnausfall für Eltern gemindert werden, wenn die bisherigen Mechanismen nicht mehr greifen.

          Teilweise geben sich Arbeitgeber kulant: „So lange die Kinderbetreuung nicht gewährleistet ist, haben wir Verständnis dafür, wenn Eltern noch nicht zurück ins Büro kommen“, sagt etwa der Börsen-Sprecher. In der Corona-Krise sei eben seltener die reine rechtliche Lehre, sondern häufig Pragmatismus die Basis des Handelns, fasst der Jurist Dzida zusammen. Das fing schon beim Einzug in die heimischen Büros an: „Ohne eine formale Regelung zum Thema Homeoffice beziehungsweise mobilem Arbeiten kann der Arbeitgeber niemanden dazu verpflichten, zu Hause zu arbeiten“, sagt Dzida.

          Aufgehalten hat das kaum jemanden, und seitdem sehen Chefs wie Mitarbeiter darüber hinweg, dass es meist private Internetanschlüsse sind, die jetzt genutzt werden, und dass der heimische Arbeitsplatz nicht den Normen entspricht. Das bestätigt auch Draxinger, indem er sagt: „Aktuell haben wir vermutlich viele nicht arbeits- und datenschutzgerechte, improvisierte heimische Arbeitsplätze, die kein Dauerzustand sind, sondern nur eine improvisierte Arbeitsplatzverlagerung darstellen.“

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