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Einzelhandel in Rhein-Main : Wie reagieren die Kunden?

Kein Budenzauber: Viele Händler befürchten leere Innenstädte. Bild: Finn Winkler

Für die Geschäftsinhaber gelten nicht die strengen Lockdown-Beschränkungen wie beispielweise in der Gastronomie. Viele Ladenbetreiber hoffen auf das Weihnachtsgeschäft, andere sind dennoch unsicher, ob die Kunden überhaupt kommen werden.

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          Eigentlich könnten alle froh sein. Anders als im März werden die Einzelhändler nun, im zweiten Lockdown, verschont, sie dürfen weiter öffnen in einer Zeit, in der für viele Händler die wichtigsten Umsatzwochen des Jahres beginnen. Die Hygienekonzepte und Abstandsregeln sind einstudiert, und die neue Beschränkung, die von Montag an gilt – nicht mehr als eine Person pro zehn Quadratmeter Ladenfläche –, ist kein harter Einschnitt angesichts der im Frühjahr erlassenen Regel, wonach nur eine Person auf 20 Quadratmetern erlaubt war.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das alles ist erst einmal ein positives Signal für die Branche. „Ich freue mich, ganz klar“, sagt Goran Dukic, der mit seinem Geschäft für Kleinmöbel und Wohnaccessoires namens Liebesdienste Home am Oeder Weg in Frankfurt das Glück hat, schöne Dinge für zu Hause zu verkaufen – ein Sortiment, das trotz oder gerade wegen Corona gefragt ist. Davon dürfte auch das Weihnachtsgeschäft profitieren.

          Auf die zweite Welle hat sich Dukic schon lange vorbereitet, das Sortiment kleinteiliger aufgestellt, damit zur Möbelbegutachtung nicht ganze Familien in den Laden kommen. Und auch die Waren im Laden hat er im Sinne besserer Abstandregeln anders verteilt. Aus seinem benachbarten Blumengeschäft heraus verkauft er nur noch fertige Blumensträuße, die online bestellt werden können.

          Modebranche ohne finanziellen Ausgleich

          Aufgeräumt hat auch die Galeria Kaufhof an der Hauptwache. „Ich bin froh über die Entscheidung“, sagt Geschäftsführer Frank Bertsch. Die Kaufhaus-Filiale ist gerade dabei, knapp 6000 Quadratmeter zusätzliche Verkaufsfläche im Nachbarhaus zu beziehen. Auch deswegen können Kleiderstangen und Regale großzügiger angeordnet werden. Die Sicherheitsstandards seien sehr hoch, betont der Kaufhaus-Geschäftsführer.

          Doch den Handel plagen viele Fragen. Werden die Kunden in die Stadt kommen, wenn Cafés, Weinstände und Restaurants geschlossen sind und der Budenzauber der Weihnachtsmärkte fehlt? Und wer braucht noch Neues zum Anziehen, wenn Geburtstagsfeiern, Konzerte und Empfänge ausfallen? Die Modebranche hat in der Corona-Krise noch mehr zu kämpfen als ohnehin schon. Da schielt manch einer auf den finanziellen Ausgleich, den die Politik jetzt den Lockdown-Betroffenen für bis zu 75 Prozent des Umsatzausfalls im November verspricht.

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          „Ganz ehrlich, wenn die Umsätze so bleiben wie in den vergangenen Wochen, dann wäre mir ein Shutdown mit finanziellem Ausgleich lieber“, sagt etwa Alexander Desch, der seine Modeboutique Lemli an der Schweizer Straße in Sachsenhausen wegen der hohen Miete in diesem Sommer aufgegeben und stattdessen die Boutique Saint Germain in Bad Homburg übernommen hat. Andere Händler äußern sich hinter vorgehaltener Hand ähnlich. Die Monate September, Oktober, November sind für Desch normalerweise die stärksten des Jahres. Jetzt liegt er beim Umsatz 30 Prozent unter Vorjahr. Es fehlen die Anlässe. „Die Leute brauchen ja nichts“, bedauert er.

          Viele Kunden sind unsicher

          Da geht es Ernst Schmid mit seinen Hifi-Profis-Filialen für Unterhaltungselektronik in der Region besser, auch wenn die Laufkundschaft zurückgegangen ist. „Unser Geschäft läuft ohnehin im zweiten Halbjahr besser als im Sommer. Das liegt in der Natur der Sache, weil alle mehr zu Hause sind“, sagt Schmid, der froh ist, dass er weitermachen darf und nicht versteht, warum dies nicht auch für die Restaurants gilt. Viele Konsumenten seien allerdings verunsichert und hätten im Moment nicht das Geld, viel auszugeben, oder sie hielten es lieber zurück.

          Norman Wähle, Geschäftsführer des Frankfurter Fachgeschäfts Papier Krämer, ist gespannt, wie die nächsten Wochen für den Einzelhandel ausgehen und ob Kunden noch Lust haben, in die Stadt zu kommen und Geld auszugeben.

          Auch für das alteingesessene Papiergeschäft sind die Monate November und Dezember die wichtigsten im Jahr. Ein Viertel vom Umsatz fehlt bisher, ein Teil der 25 Mitarbeiter befindet sich in Kurzarbeit. „Ich wäre schon glücklich, wenn ich ungefähr in die Nähe des Vorjahres käme“, sagt Wähle.

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