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Corona: Kindertheater digital : „Es ist unser Spiel ums Leben“

Jetzt auch als Online-Video: Der „Struwwelpeter“ des Frankfurter Theaters Grüne Soße Bild: Katrin Schander

Auch Kinder und Jugendliche brauchen Theater: Der in Frankfurt ansässige Jugendtheaterverband Assitej bündelt das Angebot zu einem Online-Spielplan und sucht neue digitale Wege.

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          Auch Kinder vermissen ihr Theater: Das stellen nicht nur hiesige Ensembles wie das Theaterhaus Frankfurt fest. Dessen „Erzählzeit“, seit einer Woche auf Youtube, hat schon 3500 Klicks und die ersten Kinder haben ihre selbsterzählten Märchen zurückgeschickt. Während seit Beginn der Corona-Schließungen fast alle deutschsprachigen Theater Inszenierungen ihres Abendspielplans ins Internet stellen oder Kurzformate im Digitalen erproben, sind die Kinder- und Jugendtheater deutlich weniger präsent.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dagegen tun jetzt die beiden größten Verbände des Genres etwas, die in Frankfurt ein Büro teilen: das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik (KJTZ) und der Verband Assitej Deutschland. In Kooperation mit dem Online-Portal nachtkritik.de, das einen täglichen Online-Spielplan erstellt, wird es dort, pünktlich zu Beginn der Osterferien, einen Online-Spielplan auch für das junge Publikum geben. Nikola Schellmann, beim KJTZ für Dialog zuständig, sammelt die ihr zugesandten Links und Angebote der Mitglieder beider Vereinigungen für die Plattform. Das hat weitere Effekte: Meist hat Kinder- und Jugendtheater ein recht lokales Publikum, und anders als beim Erwachsenentheater kennen außerhalb der Fachwelt nur wenige die großen Häuser und die herausragenden Künstler.

          Online-Spielplan auf nachtkritik.de

          Nun stellen Flaggschiffe wie das Junge Ensemble Stuttgart (JES), die Schauburg München, die jungen Tanzkomplizen Berlin und andere ihre Produktionen ins Internet, eine Entdeckungsreise über das Theater am Ort hinaus. Doch viele gerade sehr anerkannte Kinder- und Jugendtheater stehen dem Digitalen auch skeptisch gegenüber. Theater gilt schließlich gerade als ästhetischer und sozialer Gegenentwurf zu einsam verbrachter Bildschirmzeit. Eine umso größere Rolle sollen interaktive Formate und Vermittlung spielen, über die Künstler neu nachdenken. Darin sieht Schellmann auch eine Zukunftschance der jetzigen Digitaloffensive.

          Meike Fechner, Geschäftsführerin der Assitej, verspricht sogar Premieren: Schon am Montag vergeben KJTZ und Assitej zunächst fünf „Mini-Stipendien“ für kurzfristige, innovative digitale Produktionen im Kinder- und Jugendtheater. 500 Euro seien eine kleine Geste – aber immerhin ein Angebot für eine Szene, die „von hundert auf null“ heruntergefahren worden sei. Gut 90 Bewerbungen seien eingegangen, von klassischem Theater bis zu interaktiven Angeboten für Kinder und Eltern. Schon Ende April wollen einige Bewerber online gehen. Das Geld haben KJTZ und Assitej unter anderem aus ihrem Corona-bedingt geschrumpften Reiseetat lockergemacht. „Wir hoffen auf Nachahmer und darauf, auf zehn Stipendien ausbauen zu können“, so Fechner.

          Brigitte Dethier, Intendantin des Stuttgarter JES und Vorsitzende der Assitej Deutschland

          Auch das Frankfurter Theater Grüne Soße hat sich beworben. Nachdem es zunächst nur einen Mitschnitt ihres preisgekrönten Stücks „Struwwelpeter“ auf die Plattform Vimeo gestellt hat, habe das Theater nun den Spieß umgedreht, erklärt Ensemblemitglied Detlef Köhler: Die Kinder- und Jugendensembles, die ihre gemeinsamen Proben vermissen, werden zu den Regisseuren der erwachsenen Schauspieler. Sie schicken noch bis Sonntag Szenen ein, spielbar maximal zu zweit, mit Abstand, und korrigieren per Video den Probenprozess. Am Ende soll es einen öffentlich sichtbaren Film geben. Auch den Schulen, die ins Theater gekommen wären, will die Grüne Soße Videos anbieten – zum gemeinsamen Anschauen im Klassenzimmer. Auch für zu Hause empfiehlt Köhler das gemeinsame Anschauen, damit die soziale Komponente des Theaters spürbar bleibe.

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