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Hotels und Restaurants : „Das Schlimmste steht uns noch bevor“

Sorgen: Die Branche steckt in der Krise – auch wenn die Außengastronomie wieder in Schwung gekommen ist. Bild: Diana Cabrera Rojas

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband befürchtet ein Sterben von Hotels und Restaurants. Die Lage sei schlechter, als sie aussehe. Betriebe hätten Angst vor dem Herbst.

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          Eine Insolvenzwelle, die im Herbst beginnt, über das Land zu rollen, befürchtet der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Hessen. Die Lage sei dramatisch, sagte Hauptgeschäftsführer Julius Wagner am Donnerstag in Wiesbaden. Der Verbandspräsident und Wiesbadener Hotelier Gerald Kink sprach von bis zu 1500 möglichen Betriebsaufgaben in den nächsten Monaten. Angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung des Gastgewerbes für das Bundesland sei das „ein herber Schlag“.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seine Einschätzung der Lage speist der Verband aus mehreren Quellen. So seien nach den jüngstem verfügbaren Daten der Bundesagentur für Arbeit Ende Mai 140.000 der 200.000 im hessischen Gastgewerbe Beschäftigten in Kurzarbeit gewesen. Inzwischen sei zwar eine erhebliche Zahl von Hotels, Pensionen und Campingplätzen, Restaurants, Cafés und Imbissen wieder geöffnet. Die Geschäfte aber liefen oft schlecht. Clubs und Diskotheken, die in Hessen nach wie vor geschlossen bleiben müssen, und daneben die von Geschäftsreisenden und dem Tagungsgeschäft abhängige Stadthotellerie kämpften mit akuten Existenzsorgen. Das sei eines der Ergebnisse einer Branchenumfrage des Dehoga-Landersverbands. Die Antworten zeichneten ein zum Teil erschütterndes Bild.

          Mit Sonderkrediten über Wasser halten

          „Wenn man in den Städten an einem warmen Tag die vollen Straßencafés sieht, dann glaubt man, die Gastronomie funktioniere wieder. Das stimmt aber nicht“, sagte der Frankfurter Gastronom Robert Mangold, Geschäftsführer der Tiger-Palmen-Gruppe und Vizepräsident des Dehoga Hessen. Plätze in Innenräumen seien oft nur schwer zu besetzen, was an der Scheu von Gästen liege, aber auch daran, dass die Landesregierung die Corona-Regeln für die Gastronomie noch immer zu streng fasse. Das verhindere Möglichkeiten, Umsätze etwa durch größere Feiern zu generieren, und wirke auch grundsätzlich abschreckend. Mangold wiederholte in diesem Zusammenhang die Forderung an die Landesregierung, die Verordnung neu zu fassen, die den Wirten und Hoteliers den Umgang mit den Beschränkungen definiert, die sie im Zuge der Pandemie-Bekämpfung beachten müssen.

          Auf seine Umfrage zur Lage des Gastgewerbes in Hessen hat der Dehoga Rückmeldungen von 1000 Betrieben erhalten. Angesichts der Kleinteiligkeit und der Heterogenität der Branche sei das eine sehr hohe Zahl, sagte Wagner. Die Aussagen fasste er so zusammen: „Während die speisegeprägte Gastronomie in Stadt und Land überwiegend davon ausgeht, die Krise gerade so zu überstehen, gibt rund ein Viertel der Hotellerie in Hessen an, bis zum Jahresende Insolvenz anmelden zu müssen.“ Gut die Hälfte der Betriebe gebe an, dass ihr Umsatz in den aktuellen Sommermonaten um 50 Prozent unter dem des Vorjahreszeitraums liege. Bei einem weiteren Drittel liege der Umsatzeinbruch zwischen 40 und 20 Prozent, bei den übrigen sei er höher als 70 Prozent. Die Schätzungen für die Zeit bis Ende August seien mit diesen validierten Umsatzzahlen nahezu identisch, sagte Wagner. Zahlreiche Unternehmen seien nur noch am Markt, weil sie sich mit Sonderkrediten über Wasser hielten.

          Kollaps des Gastgewerbes ein Kollateralschaden der Pandemie?

          Das Bürgschaftsvolumen der Bürgschaftsbank Hessen, die gegenüber den Hausbanken Kredite der Unternehmen durch Bürgschaften absichert, lag im Juni bei 44,2 Millionen Euro, was einen Zuwachs von 57 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (28,1 Millionen Euro) bedeute. Das sagte am Donnerstag der Geschäftsführer der Bürgschaftsbank Hessen, Sven Volkert. An dem genannten Volumen habe das Gastgewerbe einen Anteil von 4,4 Millionen Euro. Im Zuge der Corona-Krise habe die Bürgschaftsbank ihr Portfolio ausgebaut, Kredite könnten bis zu 90 Prozent besichert werden, die Obergrenze für neue Bürgschaften sei auf 2,5 Millionen Euro verdoppelt und der Zugang zu der besonders schnell verfügbaren Expressbürgschaft erleichtert worden. Oft seien Tilgungen ausgesetzt worden, was Liquidität habe begünstigen können.

          Die Branche blicke dennoch mit Sorge in die Zukunft, sagte Verbandspräsident Kink. „Das Schlimmste steht uns noch bevor.“ Die Lasten müssten jetzt verteilt werden. Auch die Immobilienwirtschaft und die Banken müssten ihren Teil beitragen und sich an die Seite vor allem kleiner Betriebe stellen. Deren Hausbanken verweigerten zu oft Darlehen, Vermieter zeigten sich zu oft unnachgiebig, wenn es um mehr als eine Stundung der Pacht gehe. Ändere sich das nicht, werde der Kollaps des Gastgewerbes der Kollateralschaden der Pandemie-Bekämpfung sein. „Und in den Innenstädten werden wir die von innen zugeklebten Fenster der leeren Läden sehen.“

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