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Event-Branche im Corona-Modus : „Wir stehen vor dem Kollaps“

Dunkle Aussichten: Die Veranstaltungsbranche hat große Sorgen. Bild: Wolfgang Eilmes

Keine Aufträge, keine Anfragen: Die Veranstaltungsbranche in der Rhein-Main-Region befürchtet wegen des Coronavirus das Schlimmste. Unterstützung vom Staat sei dringend nötig.

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          Produktpräsentationen, Messen, Hauptversammlungen und große Veranstaltungen: wenn all das nicht stattfindet, trifft das auch Unternehmen, deren Aufgabe es ist, solchen Events zu Glanz zu verhelfen. „Wir befinden uns in einem perfekten Sturm“, sagt Nico Ubenauf, Geschäftsführer des Unternehmens „Satis and Fy“ aus Karben, eines Spezialisten für Veranstaltungen mit mehr als 500 Mitarbeitern. Kündigungen habe man noch nicht ausgesprochen, man setze auf Kurzarbeit, sagt Ubenauf. „In den Produktionsbereichen fahren wir ab 1. April bis zu hundertprozentige Kurzarbeit.“

          Patricia Andreae

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sein Unternehmen trifft das Veranstaltungsverbot hart, denn Satis and Fy sorgt dafür, dass bei Großevents triste Messehallen in Paläste verwandelt werden, dass der Ton stimmt, Bühnen aufgebaut oder die Stühle gestellt werden. Zu den Projekten, die für ihn jetzt ausfallen, zählt Ubenauf etwa die Tourneen der Musikstars Santana, Santiano, Udo Lindenberg und Peter Maffay. Hinzu kommen sämtliche Tagungen und Kongresse sowie große E-Sports-Turniere in ganz Europa, der Rosenball in Berlin, der Festakt zum Jubiläum der Deutschen Bank, aber auch Veranstaltungen für Konzerne wie Metro, DZ Bank, Daimler und Nike. „Wir führen normalerweise circa 300 Veranstaltungen pro Monat durch. Davon sind alle abgesagt oder untersagt.“

          Hilfsprogramme reichen nicht aus

          Die Branche habe es so hart erwischt, dass noch nicht einmal die von der Bundesregierung angekündigten Hilfsprogramme ausreichend helfen könnten. Unternehmen wie das seine stünden nun vor dem Ruin. „Die gesamte Branche erlebt gerade einen Einbruch von 90 bis 100 Prozent“, sagt Ubenauf. Im März könnten noch Stornokosten geltend gemacht werden, von April an aber stehe die Branche bis auf weiteres still: „Keine Aufträge, keine Anfragen“.

          Immerhin: „Durch die unbegrenzten Bürgschaften, die vom Bundeswirtschaftsminister kommuniziert wurden, werden sich unsere Banken bereiterklären, alle vorhandenen Kredite aufrechtzuerhalten. Das ist beruhigend.“ Dennoch lasten Fixkosten auf den Unternehmen, „in unserem Fall sind das 2,5 Millionen Euro im Monat“. Weil man sich aber auf eine längere Veranstaltungssperre vorbereiten müsse, brauche das Unternehmen Liquidität. „Wenn wir die Banken um weitere Kredite dafür bitten, benötigen wir eine positive Weiterführungsprognose – die aber kann niemand in der Branche aktuell geben.“ Die Überschuldung, die entsteht, um den Umsatzausfall zu überbrücken, sei in keinem Risikoplan berücksichtigt. „Wir können weder sagen, wie lange der Lockdown noch geht, noch die nachgelagerten Konsequenzen für die Branche vorhersehen – das sehen die Banken auch so.“

          Bei Unternehmen, in denen es um einen Umsatzrückgang um etwa die Hälfte gehe, funktionierten die Maßnahmen der Regierung, das Überleben sei gesichert. „In unserer Branche geht diese Rechnung betriebswirtschaftlich schlicht nicht auf.“ Die gesamte Veranstaltungsbranche stehe vor dem Kollaps. „Wir erhalten keine weitere Liquidität. Und falls wir sie erhalten, muss es so viel sein, dass wir in eine massive Überschuldung gehen, die die Insolvenz nur nach hinten verschiebt.“

          Sonderregelungen werden gebraucht

          Die einzige derzeit denkbare Lösung seien Cash-Subventionen vom Staat. Ubenauf wünscht sich darum eine Sonderregelung. „Denn wir haben derzeit keinerlei Chancen, andere Einnahmequellen zu erschließen.“ Die Unternehmen der Branche haben konkrete Forderungen an den Staat erarbeitet, wonach Unternehmen für jeden bestehenden Arbeitsplatz einen rückzahlungsfreien Zuschuss in Höhe von 3000 Euro und für jeden Ausbildungsplatz einen Zuschuss in Höhe von 1000 Euro im Monat erhalten sollen.

          Die Auszahlung soll nach Darstellung der Veranstalter diesen Monat beginnen und bis zur behördlichen Freigabe aller Veranstaltungen in Deutschland laufen. Im Gegenzug wollen sich die Unternehmen verpflichten, die bezuschussten Arbeitsplätze bis mindestens 36 Monate nach Zuschussende zu erhalten und bei Zuwiderhandlung die Beträge innerhalb von zwölf Monaten zurückzuzahlen. Seine Branche sei nun mal weit härter getroffen als andere, sagt Ubenauf – und dürfe deshalb nicht in die gleiche Schublade gesteckt werden.

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