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Ladenöffnung in Corona-Zeiten : „Es ist ein Anfang, aber ein holpriger“

Strenge Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie: die menschenleere Einkaufsmeile „Zeil“ in Frankfurt Bild: Reuters

Nach Wochen des Stillstands sind Einzelhändler in der Rhein-Main-Region froh über die ersten Lockerung. Doch ein Ende der Corona-Krise ist noch nicht in Sicht.

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          „Aufmachen ist schöner als schließen“, sagt Claudia Cattacchio. Die Schuhhändlerin aus Frankfurt gehört zu den glücklichen Geschäftsleuten, die in einem ersten Schritt in der nächsten Woche ihre Ladentüren wieder öffnen dürfen. Das gilt nach den Lockerungsregeln, auf die sich Bund und Länder am Dienstag geeinigt haben, für alle Geschäfte bis 800 Quadratmeter, zudem für alle Buchhandlungen, Autohäuser und Fahrradgeschäfte, egal wie groß sie sind.

          Petra Kirchhoff
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch wenn Fragen zu Abstandsregeln und anderen Details noch offen sind, die hessischen Händler sind froh, dass es nach nahezu fünf Wochen Stillstand jetzt weitergeht. Zwar hatten alle genug zu tun mit Anträgen auf Kurzarbeitergeld, auf Zuschüsse und Kredite. Auch hatten viele den Ansporn, trotz geschlossener Ladentüren weiter zu beraten und zu verkaufen. Doch dürfte es allen recht sein, wenn jetzt wieder mehr Geld in die Kasse fließt und die Geschäfte in geregelteren Bahnen laufen.

          Das Improvisieren war anstrengend und aufwendig. „Aus kaufmännischer Sicht hätten wir besser ganz geschlossen“, sagt Franz Steul, Chef des Spielzeug- und Haushaltswarengeschäfts Meder in Frankfurt. „Doch wir wollten auch durchhalten und Präsenz zeigen“, sagt der Kaufmann. Dass sich das auszahlen wird, davon ist Andrea Schütz von der Frankfurter Boutique Tutto überzeugt. „Wir haben gemacht und getan“, sagt sie. Ihre Kunden hätten sich nicht beirren lassen.

          Die Modehändler vor allem sind erleichtert, dass sie wieder öffnen dürfen, hängen die Kleiderstangen doch voll mit Frühjahrsware. Schütz gibt sich zuversichtlich: „Die Kunden haben Lust auf Mode und stehen in den Startlöchern.“

          „Das ist ein Anfang“

          Joachim Stoll ist weniger optimistisch. „Das ist ein Anfang“, sagt der Sprecher der Frankfurter Händler und Inhaber eines Koffergeschäfts. Allerdings bezweifelt er, dass der Umsatz reichen werde, um die Kosten zu decken. Viele Verbraucher hätten aktuell nicht viel Kaufkraft. Stoll rechnet daher auch nicht mit vollen Innenstädten am Montag, zumal Cafés und Restaurants weiter geschlossen bleiben müssten. „Wer in die Stadt geht, will aber auch mal einen Kaffee trinken.“ Von daher rechne er eher mit einem „holprigen Start“.

          Mit Unverständnis reagiert Stoll wie viele seiner Händlerkollegen auf die Kriterien, nach denen jetzt gelockert wird. Warum ein Fahrradhändler mit 6000 Quadratmeter Fläche verkaufen darf, die Textilhändler, die in vielen Kleinstädten um die 1000 Quadratmeter Fläche hätten, aber nicht, sei schwer nachzuvollziehen, sagt Stoll. „Die Zeil bleibt komplett außen vor.“

          Geschlossen bleiben vorerst auch die großen Ankermieter in Shopping-Centern wie dem Main-Taunus-Zentrum und My Zeil. Es sei denn, die Landesregierung legt fest, dass große Häuser Teilflächen bis zu 800 Quadratmetern für den Verkauf einrichten dürfen. „Alles ist besser als ein geschlossenes Geschäft“, sagt Philipp Keller, Chef des Frankfurter Haushaltswarengeschäfts Lorey, das im Sommer ins My Zeil umziehen wird. Die Corona-Krise ist mitten den Räumungsverkauf geplatzt. Der Handelsverband Hessen fordert die Möglichkeit der Teilöffnung nach dem Vorbild anderer Bundesländer.

          Vorbereitung auf Ladenöffnungen

          Unabhängig von den vielen Wenns und Abers sind alle Händler zurzeit dabei, sich auf die Ladenöffnung vorzubereiten. Auf der Einkaufsliste stehen Desinfektionsmittel, Handschuhe, Mundschutz. Zudem müssen Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückgeholt, muss Spuckschutz für die Kassen organisiert werden. Schutzscheiben gebe es, sagt Meder-Chef Franz Steul, „aber man muss eine seriöse Firma finden“. Er selbst wartet noch auf die Lieferung.

          Vorkehrungen müssen auch die Manager der Shopping-Center in der Region treffen, etwa dahin gehend, welche Eingänge und Parkplätze geöffnet und wie Besucher gelenkt werden. „Wir denken seit Tagen alle Szenarien, Ideen und Ansätze durch“, sagt Daniel Quaas, Center-Manager im Main-Taunus-Zentrum. Auch My-Zeil-Manager Marcus Schwartz ist dabei, die Checkliste mit den Mietern abzuarbeiten. Mit lediglich drei Zugängen zum Center sei der Betrieb gut zu regeln meint er. Quaas macht allerdings deutlich: Bummeln und sich in Ruhe umschauen ist vorerst nicht erwünscht.

          Dass das Ende des Shutdowns für einen Teil der Geschäfte keine Rückkehr in die Normalität bedeutet, ist den Händlern bewusst. „Das wird nicht mehr so sein wie vorher“, sagt Marc Denfeld, Juniorchef von Denfeld Radsport in Bad Homburg. Er rechnet in der nächsten Woche mit einer großen Nachfrage. Die Fahrradgeschäfte haben gerade Saison. Mit der ganzen Familie durch die Ausstellung schlendern, zusammen mit dem Verkäufer Fahrrad und Helm einstellen – all das werde nicht möglich sein, sagt der Fahrradhändler. „Der Aufenthalt muss auf das Nötigste begrenzt werden.“

          Warum 800 Quadratmeter?

          Dass von Montag an nur Geschäfte öffnen dürfen, die nicht größer als 800 Quadratmeter sind, begründet die Hessische Landesregierung mit dem Baurecht. Dieser Wert trenne den Einzelhändler vom „großflächigen“ Handel. In Gesetzen ist die Zahl aber nicht zu finden, und in der Baunutzungsverordnung des Bundes wird als Grenzwert nur „1200 Quadratmeter Geschossfläche“ konkret aufgeführt. Von dieser Größe an sind Geschäfte nur in Kern- und Sondergebieten zulässig, es muss geprüft werden, ob sie negative Folgen für den Verkehr, die Lärmbelastung, das Landschaftsbild und die Umwelt haben, und ob sie zu viele Kunden aus Innenstädten abziehen. Die Trennung in normalen und „großflächigen“ Einzelhandel sei eine Folge des jahrzehntelangen Kampfs der Tante-Emma-Läden gegen Discounter, erklärt Michael Griem, Anwalt und Geschäftsführer der auf Baurecht spezialisierten Kanzlei SMNG in Frankfurt. „Die 800 Quadratmeter selbst hat dann das Bundesverwaltungsgericht 2005 festgelegt.“ In dem Grundsatzurteil heißt es, das Verhältnis von Verkaufsfläche zu Geschossfläche von 2:3 basiere „auf den Erfahrungen der Praxis“, der Rest seien etwa Lager. Aus „Gründen der praktischen Handhabbarkeit in der Rechtsanwendung“ werde die Grenze daher auf 800 Quadratmeter festgelegt. Zugleich betonten aber die Richter, dass sich „eine lediglich an der Verkaufsfläche und der Geschossfläche anknüpfende schematische Handhabung“ verbiete. Je größer etwa die Stadt, desto geringer seien die negativen Folgen der Großflächigkeit. Geschäfte mit spezifischem Warenangebot wie etwa Möbel- und Autohäuser konkurrierten gar nicht mit kleinen Läden. Anwalt Griem stellt daher die jetzige Orientierung an einer Flächengröße von 800 Quadratmetern in Frage. Er regt stattdessen an, Vorgaben zu machen, wie viele Kunden je Quadratmeter erlaubt seien – unabhängig von der Größe des Ladens. fahe.

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