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Querelen um den Eintritt : Einheit bei der Eintracht in Gefahr

Keine voll besetzten Ränge: aufgenommen or dem Anpfiff zum ersten Heimspiel der Saison Bild: REUTERS

Die Krise stellt die Nähe der Eintracht zu ihrer Fan-Basis auf eine harte Probe. Denn nach 18 Monaten Pandemie steht das Unternehmen vor einem Dilemma, das an den Grundfesten des Klubs rütteln könnte.

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          Ausverkauftes Stadion, voll besetzte Business-Logen, sprudelnde Fernseheinnahmen: es gibt unabhängig von Ergebnissen und Tabellen viele Gründe dafür, weshalb sich das Unternehmen Eintracht Frankfurt vor Beginn der Corona-Pandemie im Aufschwung wähnte. Die Warteliste für eine Stadion-Dauerkarte war lang, der Ansturm auf Tickets für Spiele in der Europa-League riesig. Doch nach 18 Monaten Pandemie steht das Unternehmen Eintracht Frankfurt vor einem Dilemma, das an den Grundfesten des Klubs rütteln könnte.

          Daniel Schleidt
          Stellvertretender Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn es besteht die ernsthafte Gefahr, dass das Markenbild, das der ehemalige Skandalklub über Jahre hinweg mühsam aufgebaut hat und das buchstäblich eine Eintracht zwischen Verein und seiner Anhängerschaft zeigt, von der Corona-Krise erheblich beschädigt werden könnte. Die Frankfurter Eintracht hat in der jüngeren Vergangenheit ein besonderes Verhältnis zu ihren Anhängern aufgebaut, was sich nicht nur in Zuschauer-, sondern auch in Mitgliederzahlen niederschlug: Rund 90.000 zählt die Eintracht mittlerweile, das Wachstum in den vergangenen Jahren war atemberaubend. In vielen Spielen, vor allem im Europapokal, wurde die Mannschaft von ihrem stimmgewaltigen Publikum getragen. Im Gegenzug zahlte der Verein diese treue Unterstützung damit zurück, der Fankurve mehr Raum zur Entfaltung zu geben, als andere Klubs das tun, zum Beispiel bei Protesten gegen die inzwischen abgeschafften Montagsspiele.

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          Doch die Pandemie stellt diese Einheit zwischen der aktiven Fanszene, den übrigen Zuschauern und dem Klub auf die Probe. Die Corona-Auflagen sehen derzeit vor, dass das Waldstadion nur knapp zur Hälfte gefüllt sein darf. Anstatt eines riesigen Andrangs auf die geringere Zahl an Tickets jedoch erlebte die Eintracht vergangene Woche beim ersten Liga-Heimspiel gegen den FC Augsburg das: Sie blieb auf 3000 der 25.000 Karten sitzen, weil vor allem die sogenannten „Ul­tras“ und zahlreiche weitere Fanclubs dem Spiel geschlossen fernblieben – und das auch so lange tun wollen, bis alle Auflagen beseitigt sind.

          Ohne Fans fehlen der Eintracht zwei Dinge

          Der Eintracht fehlen ohne ihre treuen, lautstarken Zuschauer zwei Dinge. Erstens: viel Geld. Würde die Saison mit 25 000 Zuschauern durchgespielt, gehen ihr etwa 25 bis 30 Millionen Euro verloren. Nicht minder wichtig ist die zweite, emotionale Komponente: Wenn die aktive Fanszene den Spielen fernbleibt, ist die Stimmung im Stadion deutlich schlechter, weil die organisierte Unterstützung fehlt. Doch genau diese besondere Arena-Atmosphäre, die in Frankfurt zu den besten in Deutschland zählt, ist für viele Zuschauer neben dem Spiel selbst ein Grund, sich Tickets zu kaufen. Es droht ein sich selbst verstärkender Effekt, wonach wenige Zuschauer langfristig zu noch weniger führen könnten.

          Ein Grund für das Fernbleiben der aktiven Fanszene ist, dass die Fangruppen die Gemeinschaft, die sie mit einem Stadionbesuch verbinden, derzeit nicht ausleben können. Dazu gehören Rituale, das gemeinsame Feiern, das faktische und auch sprichwörtliche Zusammenstehen in der Kurve, in der die Stimme des Einzelnen aufgeht in einem lauten Chor. Solange also nicht alle wieder ins Stadion dürfen – und dazu zählt man auch die Gästefans –, soll niemand zurückkehren.

          Neben diesem „Alle oder keiner“-Effekt geht es auch um die Frage, was von den coronabedingten Maßnahmen bleiben wird. Die kritische Fanszene befürchtet, dass Restriktionen zum Dauerzustand werden könnten. So lehnen viele Eintracht-Anhänger die Personalisierung der Eintrittskarten ab, die aus dem Impf- oder Genesenen-Nachweis entsteht.

          Der Fußball entfernt sich immer mehr von seiner Basis, wenn Tickets immer teurer, Sponsoren immer wichtiger und Res­triktionen immer heftiger werden. Die Pandemie als Ausnahmesituation darf keinesfalls dafür sorgen, dass in dieser Zeit eingeführte Notmaßnahmen wie personalisierte Tickets, die einen anonymen Spielbesuch unmöglich machen, dauerhaft Einzug halten. Die Eintracht ist gut beraten, weiter den Schulterschluss mit ihrem Pu­blikum zu suchen und zudem darauf zu dringen, dass der Stadionbesuch nach der Pandemie wieder so sein kann wie zuvor. Sonst könnten viele Zuschauer der Arena dauerhaft fernbleiben. Und das würde dem Unternehmen und der Marke Eintracht großen Schaden zufügen.

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