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Alltag von Grundschülern : Unterricht ohne Distanz genießen

Konferenzpause: Ein Schüler daheim am Schreibtisch Bild: Andreas Pein

Manche Schüler wissen erst dank Video, wie die anderen ohne Maske aussehen. Und ein Viertel der Grundschüler sitzt täglich im Klassenraum.

          2 Min.

          Die zweite Woche Distanzunterricht nach den Weihnachtsferien neigt sich dem Ende zu, und die Urteile von Schülern, Lehrern und Politikern, wie es bisher so klappt, gehen auseinander. Seit Dienstag steht fest, dass alles bis Mitte Februar erst einmal so bleiben soll: Außer denen, die bald Abschlussprüfungen haben, erhalten alle Schüler Distanzunterricht. Eigentlich. Denn von den hessischen Grundschulkindern nutzt fast ein Viertel die Möglichkeit, trotzdem in die Schule zu kommen, wenn es nicht anders geht: 24,4 Prozent laut Kultusministerium. Insgesamt gingen vorige Woche 18 Prozent der Erst- bis Sechstklässler in die Schule, diese Woche 19 Prozent. In den Schulamtsbezirken im Rhein-Main-Gebiet liegen die Zahlen noch höher: 23 Prozent in Frankfurt, 22 Prozent in Wiesbaden und dem Rheingau-Taunus-Kreis, genauso im Kreis Groß-Gerau und im Main-Taunus-Kreis. Im Hochtaunus- und im Wetteraukreis wie auch in der Stadt Darmstadt und im Kreis Darmstadt-Dieburg sind es 20 Prozent, in Stadt und Kreis Offenbach 19.

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          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch viele der Daheimgebliebenen sehnen sich danach, einander sehen zu können. Vor dem Bildschirm nutzen sie die kurzen Pausen zwischen Doppelstunden zum Quatschen – und freuen sich, wenn der Lehrer aus der Videokonferenz fliegt, denn auch dann können sie sich austauschen. „Man nutzt jede Gelegenheit“, sagt eine Elftklässlerin. Die Gesichter vieler Mitschüler aus ihren Kursen kennt sie erst seit dem Lockdown: Vor der Kamera muss niemand eine Maske tragen. Während das Mädchen Video-Unterricht „besser als 1000 Aufgaben auf dem Schulportal“ findet, sieht ein gleichaltriger Schüler darin „keinen Mehrwert“: Er habe in Video-Stunden „noch nichts gelernt“.

          „Wir machen das ja erst seit dem 11. Januar“

          Lehrer sagen, diese Form des Distanzunterrichts sei für Jüngere unabdingbar. „Sechstklässler können sich eine Einheit Grammatik nicht allein aneignen.“ Oft ruckelt es noch, technisch und pädagogisch. Manche mahnen zur Geduld. „Wir machen das ja erst seit dem 11. Januar“, sagt ein Referendar. „Ich merke allmählich, wie ich Hemmungen verliere, in der Videokonferenz ganz normal zu reden.“

          Wahrscheinlich bleibt genug Zeit, das Format zu verbessern. Zwar kündigte Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Donnerstag auch in einem Brief an die Eltern an, dass Hessen bald zum Wechselunterricht übergehen könnte. Aber das hängt von den Inzidenzzahlen und Entscheidungen der Bund-Länder-Konferenz ab. Wechselunterricht hatte die SPD im Landtag schon gefordert, als Lorz im vorigen Jahr noch am Präsenzunterricht festhielt.

          „Schulschließungen durch die Hintertür“

          Jetzt sollen halbe Klassen also der erste Schritt aus dem Lockdown sein, den die SPD-Fraktion „Schulschließungen durch die Hintertür“ nennt. Für die Jüngeren gäbe es bei einem Wechselmodell laut Ministerium eine Notbetreuung für jene Zeiten, in denen die eigene Gruppe gerade nicht mit Präsenzunterricht dran ist. Die Landesregierung würde die Grundschulen im März gern wieder ganz öffnen. Aber auch das hängt von den Infektionszahlen und der Bundespolitik ab.

          Bis dahin gilt es durchzuhalten – und für viele Eltern, von Woche zu Woche neu zu entscheiden, ob sie ihr Kind zu Hause lernen lassen oder in die Schule schicken. Außer der Wohn-, Arbeits-, Nerven-, W-Lan- und Gerätesituation zu Hause beschäftigt dabei viele auch noch eine Frage. Zwar sollen alle Kinder denselben Stoff lernen. Aus Grundschulen ist jedoch zu hören, dass zwar nach demselben Lernzeitplan gearbeitet wird wie zu Hause, aber im Grunde normaler Unterricht stattfindet – bloß mit weniger Kindern, Abstand und einer Lehrerin, die sich intensiver um Einzelne kümmern kann. Anders als in einer Notbetreuung, in der auch Nicht-Pädagogen mit den Kindern malen und spielen könnten, findet jetzt eben Unterricht mit den vertrauten und – hoffentlich – versierten Lehrern statt.

          Im Ministerium ist man mit den Zahlen zufrieden. Weil genug Familien auf den dringenden Appell von Bundes- und Landespolitik eingegangen seien, zu Hause zu bleiben, ließen sich die Abstände in den Schulen wahren. Die Behörde hält es für richtig, den Eltern die Entscheidung zu überlassen, weil diese ihre eigene Situation am besten kennten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hingegen meint, etliche Grundschulklassen seien derzeit „viel zu voll“, die Regierung drücke sich „vor ihrer Verantwortung und schiebt sie auf die Eltern ab“.

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