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Stellenabbau in Babenhausen : Kampfansage an Continental

Graue Zukunft: Ganz geschlossen werden soll der Standort aber nicht. Bild: Michael Kretzer

Der Konzern will die Fertigung von Tachometern aufgrund zu hoher Kosten ins Ausland verlagern. Gewerkschafter und Politiker reagieren mit Entsetzen und scharfer Kritik, denn der Abbau zahlreicher Arbeitsplätze würde für die Region herbe Verluste bedeuten.

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          Einen massiven Stellenabbau am Standort des Autozulieferers Continental in Babenhausen bei Darmstadt wollen der Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall nicht kampflos hinnehmen. Die Vertreter der Arbeitnehmer kündigten „massiven Widerstand“ gegen die Pläne an. Tatsächlich steht viel auf dem Spiel. Der Zuliefererkonzern Continental ist der größte Arbeitgeber im Landkreis Darmstadt-Dieburg, die Kleinstadt Babenhausen mit knapp 17.000 Einwohnern hängt sehr stark von dem Großunternehmen ab. Streicht dieses nun tatsächlich 2200 Stellen und entlässt Beschäftigte, träfe das den Wirtschaftsstandort Südhessen hart.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie der Continental-Konzern bereits am Mittwoch mitgeteilt hatte, soll die gesamte Serienproduktion in Babenhausen bis zum Jahr 2025 geschlossen werden. So sieht es ein Plan des Vorstands vor, über den nun mit den Arbeitnehmervertretern verhandelt wird. Betroffen sind demnach 1800 Stellen in der Produktion. Entlassungen wolle man „sozialverträglich“ abwickeln. Zudem ist vorgesehen, in der Entwicklungsabteilung die Hälfte der Arbeitsplätze zu streichen, das betrifft weitere 450 Mitarbeiter.

          Keine Schließung trotz Stellenabbaus

          Insgesamt sind am Standort Babenhausen 3600 Personen beschäftigt. Dort werden Anzeige- und Bedienelemente für Autos hergestellt, das heißt elektronische Tachometer und Bildschirme für das Armaturenbrett, außerdem Steuergeräte wie Touchpads. Auch ohne diese Serienproduktionen bleibe der Standort Babenhausen erhalten, sagte ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage. Die Hälfte der Entwickler bleibe, die Fertigung von Kleinserien in einer Manufaktur werde fortgesetzt. Auch solle Babenhausen weiterhin der Sitz der Leitung des Geschäftsbereichs für Fahrzeuginstrumente sein.

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          Als Grund für den Stellenabbau nennt Continental ausdrücklich die hohen Kosten an dem südhessischen Standort, mit denen man im Wettbewerb nicht mehr bestehen könne. Die Digitalisierung schreite so rasch voran, dass für Autos andere Anzeigen verlangt würden als der klassische Tachometer. Außerdem habe die Automobilindustrie mit einem Absatzrückgang zu kämpfen. Daher müssten die Fertigung und ein Teil der Entwicklung an „günstigere Standorte“ verlagert werden, vermutlich ins Ausland, sagte der Continental-Sprecher dieser Zeitung.

          Kritik der IG Metall

          Das sieht der Bezirksleiter der IG Metall Mitte, Jörg Köhlinger, naturgemäß anders: „Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben einer Schließung von deutschen Standorten nicht zugestimmt. Wir werden uns auf einen harten Konflikt in Babenhausen einstellen.“ Die Beschäftigten dort hätten sich „weit über die Belastungsgrenzen hinaus“ eingesetzt, wenn die Auftragslage es erfordert habe. Bei nachlassender Konjunktur, setze man nun zu einem „Kahlschlag“ an, das sei keine gute Unternehmensführung.

          Jochen Homburg, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Darmstadt, wies darauf hin, dass 2019 der Ergänzungstarifvertrag für den Standort Babenhausen auslaufe. Das nutze das Unternehmen nun „bei der ersten Schwierigkeit am Markt“ für eine „unverhältnismäßige Schließung“. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter liege bei 41 Jahren, von fast jedem Arbeitsplatz sei also eine Familie abhängig. Der Vorsitzende des Betriebsrats, Roland Weihert, sagte: „Wir können das Vorgehen des Vorstandes nicht verstehen und akzeptieren. Unsere Geschäftsführung hat keinen Plan, wie wir Arbeitsplätze in Babenhausen sichern können.“

          Heftige Auswirkungen für Stadt und Region

          Die Stadt Babenhausen sei „schockiert“ über den Verlust von so vielen Arbeitsplätzen, wie der Bürgermeister Joachim Knoke (SPD) sagte. Continental sei der einzige große Betrieb im Ort, deshalb werde der Stellenabbau die Kleinstadt existentiell treffen, das Gemeinschaftsleben des Orts werde leiden. Denn wenn die Conti-Beschäftigten nicht wüssten, ob sie in Zukunft noch Arbeit hätten, seien sie wohl nicht mehr bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Auch finanziell werde die Stadt leiden. Zwar habe man für dieses Jahr wegen einer Gewinnwarnung von Continental aus dem Juni ohnehin nicht mit Einnahmen aus der Gewerbesteuer gerechnet. „Aber langfristig trifft uns das hart und heftig“, sagte der Bürgermeister.

          Die Stellenstreichung bedeute für die ganze Region einen herben Verlust, bestätigte Landrat Klaus Peter Schellhaas (SPD). Der IG-Metall-Bevollmächtigte Homburg wies darauf hin, auch bei anderen südhessischen Unternehmen würden Arbeitsplätze abgebaut, etwa bei Opel in Rüsselsheim und bei Automobilzulieferern. Das bedeute einen Verlust von rund 10.000 Stellen. Damit werde die Kaufkraft in Südhessen schwächer.

          Bei der Industrie- und Handelskammer in Darmstadt ist man über den Schritt des Vorstands von Continental „überrascht“, wie ein Sprecher sagte. Bisher habe man angenommen, der Autozulieferer hätte sich in Babenhausen „für die Zukunft aufgestellt“. Weil bei den Unternehmen in der Umgebung Fachkräfte gesucht würden, hätten aber zumindest die ausgebildeten Facharbeiter Chancen auf neue Arbeitsplätze. In Südhessen spiele das produzierende Gewerbe immer noch eine wichtige Rolle.

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