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Drohender Stellenabbau : Conti-Beschäftigte umzingeln Börse in Frankfurt

Rittmeister: Vor dem Börsengebäude in Frankfurt protestieren Conti-Beschäftigte gegen einen Stellenabbau und besteigen die Bullenskulptur, die steigende Kurse symbolisiert Bild: Falk Heunemann

Weil der börsennotierte Autozulieferer Continental 13.000 Stellen streichen will, intensivieren die Beschäftigten ihren Protest. In Frankfurt bildeten sie eine Menschenkette um die Börse. Die Politik appelliert an das Unternehmen.

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          Michael Erhardt kann es noch gar nicht fassen. „Sogar von der FDP ist einer gekommen“, sagt der Geschäftsführer der Frankfurter IG Metall. Tatsächlich: Nicht nur mehrere hundert Mitarbeiter des Autozulieferkonzerns Continental sind am Mittwoch ins Frankfurter Stadtzentrum gekommen, um dort erst vor der Hauptwache und dann an der Börse gegen den geplanten Stellenabbau zu protestieren. Auch Vertreter fast aller Parteien sind unter den Demonstranten zu sehen. 13.000 Arbeitsplätze will der Konzern allein in Deutschland streichen, fast jede vierte Stelle.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von insgesamt 1400 Teilnehmern sprechen die Veranstalter später, die Polizei schätzt, dass es eher 400 sind. Es sind jedenfalls genug, um eine lange Menschenkette um das komplette historische Börsengebäude zu bilden, und eine weitere um den Börsenplatz. Aus dem Werk in Aachen, das geschlossen werden soll, sind dafür Beschäftigte in mehreren Bussen angereist.

          „Seid ihr noch gute Christen?“

          Die Protestierenden werfen dem Konzern vor, mehr an seine Aktionäre als an seine Beschäftigen zu denken. Größter Einzelaktionär ist die Unternehmerfamilie Schaeffler. „Arbeitsplatzabbau ist weder innovativ noch dynamisch“, hält der IG-Metall-Bundesvorstand Hans-Jürgen Urban der Konzernleitung vor. Andere Zulieferer, die ebenfalls unter Corona-Krise und Branchentransformation litten, würden deutlich weniger rabiat mit ihren Beschäftigten umgehen.

          Die Gewerkschaften IG Metall und IG BCE haben ihren Protest in den vergangenen Tagen intensiviert, um den Druck auf den Aufsichtsrat des Konzerns zu erhöhen, der Ende September die Sparpläne des Managements formal abnicken soll. In den hessischen Standorten in Karben, Babenhausen, Schwalbach und Frankfurt sollen insgesamt rund 4000 Stellen wegfallen. Dass der Aufsichtsrat den  „Kahlschlag“, wie viele in Frankfurt die Pläne nennen, zurücknimmt, erwartet kaum einer. Die Hoffnung ist aber, dass der Stellenabbau verlangsamt und abgemildert wird. Conti könnte etwa verstärkt Instrumente wie Kurzarbeit und Arbeitszeitverkürzung nutzen, um die Krisenfolgen aufzufangen, argumentieren Gewerkschafter in Frankfurt.

          “Der Vorstand sollte sich mal fragen: Seid ihr noch gute Christen?“, ruft der Frankfurter CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Zimmer den Protestierenden zu. Er habe in der hessischen Verfassung nachgelesen. In Artikel 38 stehe dort, dass die Wirtschaft dem Wohle des ganzen Volkes zu dienen habe. „Da steht nicht, dass die Wirtschaft dem Profit dient“, betont Zimmer.

          Dividende trotz Verlusten

          Ganz ähnlich argumentiert nach ihm die Linken-Politikerin Janine Wissler. „Hier geht es nicht um Zahlen und Bilanzen, sondern um Menschen und ihr Leben.“  Die Politik dürfe nicht zulassen, dass die Coronakrise missbraucht wird und Arbeitsplätze in Billiglohnländer verlagert werden - zumal, da der Konzern weiterhin Dividende an seine Aktionäre ausschütte.

          Tatsächlich hat das Unternehmen im Juli eine Dividende von 3,00 Euro je Aktie für das Geschäftsjahr 2019 beschlossen, ein Drittel weniger als im Jahr zuvor. Der Konzern argumentiert, der Stellenabbau sei nötig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Bis 2023 sollen die Kosten um eine Milliarde jährlich reduziert werden. Die Verschärfung des Sparkurses sei durch den Rückgang der Autonachfrage in Folge der Coronakrise erforderlich. Im ersten Halbjahr hatte das Unternehmen einen Verlust von knapp 450 Millionen Euro verzeichnet. Im ersten Halbjahr 2019 stand unter dem Strich noch ein Gewinn von mehr als einer Milliarde Euro.

          Mit Blick auf den angekündigten Stellenabbau hat die hessische Landesregierung das Unternehmen zu offenen und transparenten Gesprächen über die Zukunft der Standorte aufgefordert. „Der geplante Stellenabbau und die angekündigten Werksschließungen von Continental treffen Hessen“, teilten Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und sein Stellvertreter, Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) am Mittwoch mit. Die Beschäftigten an den vier hessischen Standorten in Karben, Babenhausen, Schwalbach und Frankfurt-Rödelheim seien verunsichert. Veränderungen bei Continental könnten nur gemeinsam mit den Beschäftigten und den Gewerkschaften gelingen. „Wir werden erneut auf Continental zugehen, um die Bedeutung des Unternehmens für Hessen noch einmal deutlich zu machen“, erklärten die beiden Politiker.

          SPD-Politiker aus Frankfurt und Darmstadt erklärten sich in einer Unterstützungsresolution solidarisch mit den Beschäftigten. Man unterstütze die Gewerkschaften IG Metall und IG BCE sowie die Betriebsräte bei der Forderung, von Stellenabbau und Schließungen bei Continental abzusehen. Die betroffenen Standorte in Hessen und Deutschland müssten bestehen bleiben und dürften nicht unter dem Vorwand der Corona-Krise zur Disposition gestellt werden.

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