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Constanze Becker : Nicht besessen, aber leidenschaftlich

„Ich lehne Pathos ab“: Constanze Becker gehört seit 2009 zum Ensemble des Frankfurter Schauspiels. Bild: Wonge Bergmann

Große tragische Rollen liegen ihr. Derzeit steht Constanze Becker im Frankfurter Schauspiel als Medea auf der Bühne.

          4 Min.

          So streng, wie immer behauptet wird, ist sie gar nicht. In der Kantine des Frankfurter Schauspiels jedenfalls hat Constanze Becker für jeden Kollegen, der hereinschneit, ein Lächeln parat und ein paar nette Worte: für Ulrich Matthes, ihren Partner aus „Onkel Wanja“ am Deutschen Theater Berlin (Regie: Jürgen Gosch), oder für Sven Lehmann, den Maurermeister John, ihren Gatten aus den „Ratten“, mit denen das DT (Regie: Michael Thalheimer) jüngst in Frankfurt gastierte. „Wenn mein Leben nur streng wäre, wäre es fürchterlich“, kommentiert die Schauspielerin das Schubladendenken. Seit 2008/09, als sie von der Fachzeitschrift „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gekürt wurde, hätten ihr die Kritiker alles Lustige, das sie auch gern spiele, übelgenommen. „Aber meinen Beruf nehme ich ernst.“

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Herbst 2009 kam Constanze Becker mit dem neuen Schauspiel-Intendanten Oliver Reese nach Frankfurt. Das Deutsche Theater, wo Reese zuvor Chefdramaturg gewesen war, habe etwas aus ihr gemacht, verriet sie damals dem Jahrbuch „Theater heute“ und kündigte an: „Die nächste Herausforderung wäre, dass ich etwas aus einem Theater mache.“ Ihr schauspielerisches Selbstbewusstsein ist unter Kollegen bekannt, aber als größenwahnsinnig möchte sie doch nicht missverstanden werden. Es habe sie gereizt, etwas aufzubauen, an dem Prozess einer neuen Intendanz teilzunehmen: „Ohne Wettbewerbsdenken, ohne Superlative“, erläutert sie. Dennoch greift die Kritik gern zu Superlativen, wenn es um ihre schauspielerische Leistung geht. Als Medea unter Michael Thalheimers Regie wird sie landauf, landab gefeiert. „Epochal“ - so das jüngste Kunsturteil.

          Ein bisschen zugeknöpft

          Eine Tragödin? Heroine gar? Schließlich war sie auch vor drei Jahren, ebenfalls unter Thalheimers Regie, als Sophokles’ Antigone und Iokaste in Frankfurt angetreten. Wenn sich Constanze Becker solche Wörter anhören muss, verdreht sie die Augen. „Die Leute sehen immer nur das Spektakuläre. Aber die kleinen Sachen gehören auch dazu und machen nicht weniger Arbeit“, sagt sie und verweist auf die „B“, ihre Rolle in Lars Noréns „Liebesspiel“, das derzeit in den Kammerspielen zu sehen ist. „Ich lehne Pathos ab. Ich versuche, die Emotion aus dem Inhalt zu filtern, nicht aus der Form, die den Inhalt vertritt.“ Sie möchte eine Geschichte erzählen, anstatt etwas darzustellen. „Außerdem spiele ich nicht nur für die Resonanz, sondern auch, um mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.“

          Jetzt wirkt sie doch streng. Und auch ein bisschen zugeknöpft, wenn es um ihre Person jenseits der Bühne geht. Doch ihr Leben lässt sich auch ganz diskret erzählen. Vor 34 Jahren in Lübeck geboren, wuchs die Tochter eines Graphikers und einer Antiquitätenhändlerin in einem holsteinischen Dorf auf. Ihre Eltern nahmen sie häufig mit ins Theater nach Hamburg und Lübeck. Die Mitarbeit in diversen Theatergruppen, unter anderem im Jugendclub des Thalia Theaters, ließ den Wunsch in ihr reifen, Schauspielerin zu werden. Nach dem Abitur sprach sie an der „Ernst Busch“-Schule Berlin vor und wurde sofort aufgenommen. Dokumentarfilmer Andres Veiel begleitete sie und drei andere Schauspielschüler vier Jahre lang mit seiner Kamera bei der Ausbildung und verpasste ihr das erste Etikett: die „Spielwut“.

          Schon immer die tragischen Rollen

          „Ich mache meinen Beruf nicht obsessiv. Er ist zu neunzig Prozent einfach ein Arbeitsprozess, ein Job“, sagt Constanze Becker. „Ich will nicht meine Besessenheit auf der Probe loswerden. Aber eine große Leidenschaft steht schon dahinter.“ Manchmal gebe es Sternstunden, das sei dann ein großes Glück. Die Arbeit an Euripides’ „Medea“, sagt Becker, sei sehr klar, sehr einfach gewesen. Thalheimer habe sich auf langen Leseproben mit dem Ensemble darauf geeinigt, wie sie das Stück über gekränkte Gattenliebe und Kindermord erzählen wollten: ohne Uminterpretation, ohne Aktualisierung. Einzig um den Text sei es gegangen und darum, die Titelfigur emotional und psychisch nachvollziehbar zu machen.

          Schon während ihrer Ausbildung war die Schauspielerin für die großen tragischen Rollen ausgewählt worden. Auch in Leipzig, wo sie danach für zweieinhalb Jahre unter Vertrag stand, war das nicht anders, So gab sie die Elisabeth in Schillers „Maria Stuart“. In Düsseldorf, ihrer zweiten Station, lernte sie den mittlerweile gestorbenen Jürgen Gosch kennen: neben Thalheimer der zweite prägende Regisseur ihrer Wanderjahre. Unter seiner Regie spielte sie die Warwara in Gorkis „Sommergästen“ und die Jelena Andrejewna in Tschechows „Onkel Wanja“. Da war sie aber schon in Berlin, am Deutschen Theater. Hier erlebte sie unter Thalheimers Regie ihren künstlerischen Durchbruch als Klytämnestra in Aischylos’ „Orestie“ und als Frau John in Gerhart Hauptmanns „Ratten“ - zwei Frauen, die in tragischer Verstrickung zu Mörderinnen oder zumindest Helfershelferinnen von Mördern werden.

          Ein Glück für das Publikum

          Vier Arbeiten mit Thalheimer, zwei mit Gosch. Was hat sie bei diesen Regisseuren „gelernt“? Da sträubt sie sich: „Es geht nicht ums Lernen, sondern darum, was der Regisseur in einem entdeckt, um es freizusetzen.“ Thalheimer arbeite halt lange am Tisch, um herauszufinden, wie eine Szene funktioniere, um argumentative Bögen zu schlagen. Gosch dagegen habe nicht die Form, sondern den Schauspieler in Alltagsklamotten zum Ausgangspunkt seiner Arbeit gemacht: „Es gab immer einen fließenden Übergang zwischen Schauspieler und Rolle.“ Aber selbst die besten Regisseure konnten sie nicht länger als zwei Jahre in Berlin halten: „Mir ist der zentralistische Hauptstadt-Hype der Wahlberliner auf die Nerven gegangen.“ Deshalb sei sie erst recht in die „Provinz“ gegangen: nach Frankfurt.

          Ein Glück für die hiesige Publikum, das nicht gerade verwöhnt ist von Schauspielern solchen Formats und solcher Präsenz. Auch Constanze Becker fühlt sich wohl in Frankfurt. Sie schätzt den „geschlossenen Stadtkern“ im Gegensatz zu den Kiezen in Berlin und dass es für die Stadt ein Theater gibt, „in dem man alles unter einen Hut bringen muss“. Der Main hat es ihr auch angetan, ein Fluss, der, anders als die Spree, die ganze Stadt präge. Im Gutleutviertel ist sie mit Mann und Sohn untergekommen. Mehr will sie über ihr Privatleben nicht verraten. „Ich bin kein öffentlicher Mensch. Ich bin gern zu Hause.“ Dann rückt sie doch noch mit etwas heraus: „Ich habe einen Schrebergarten. Ein bisschen Normalität braucht der Mensch. Wenn ich so wäre wie Medea, säße ich nicht hier.“

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