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Constanze Becker : Nicht besessen, aber leidenschaftlich

Schon immer die tragischen Rollen

„Ich mache meinen Beruf nicht obsessiv. Er ist zu neunzig Prozent einfach ein Arbeitsprozess, ein Job“, sagt Constanze Becker. „Ich will nicht meine Besessenheit auf der Probe loswerden. Aber eine große Leidenschaft steht schon dahinter.“ Manchmal gebe es Sternstunden, das sei dann ein großes Glück. Die Arbeit an Euripides’ „Medea“, sagt Becker, sei sehr klar, sehr einfach gewesen. Thalheimer habe sich auf langen Leseproben mit dem Ensemble darauf geeinigt, wie sie das Stück über gekränkte Gattenliebe und Kindermord erzählen wollten: ohne Uminterpretation, ohne Aktualisierung. Einzig um den Text sei es gegangen und darum, die Titelfigur emotional und psychisch nachvollziehbar zu machen.

Schon während ihrer Ausbildung war die Schauspielerin für die großen tragischen Rollen ausgewählt worden. Auch in Leipzig, wo sie danach für zweieinhalb Jahre unter Vertrag stand, war das nicht anders, So gab sie die Elisabeth in Schillers „Maria Stuart“. In Düsseldorf, ihrer zweiten Station, lernte sie den mittlerweile gestorbenen Jürgen Gosch kennen: neben Thalheimer der zweite prägende Regisseur ihrer Wanderjahre. Unter seiner Regie spielte sie die Warwara in Gorkis „Sommergästen“ und die Jelena Andrejewna in Tschechows „Onkel Wanja“. Da war sie aber schon in Berlin, am Deutschen Theater. Hier erlebte sie unter Thalheimers Regie ihren künstlerischen Durchbruch als Klytämnestra in Aischylos’ „Orestie“ und als Frau John in Gerhart Hauptmanns „Ratten“ - zwei Frauen, die in tragischer Verstrickung zu Mörderinnen oder zumindest Helfershelferinnen von Mördern werden.

Ein Glück für das Publikum

Vier Arbeiten mit Thalheimer, zwei mit Gosch. Was hat sie bei diesen Regisseuren „gelernt“? Da sträubt sie sich: „Es geht nicht ums Lernen, sondern darum, was der Regisseur in einem entdeckt, um es freizusetzen.“ Thalheimer arbeite halt lange am Tisch, um herauszufinden, wie eine Szene funktioniere, um argumentative Bögen zu schlagen. Gosch dagegen habe nicht die Form, sondern den Schauspieler in Alltagsklamotten zum Ausgangspunkt seiner Arbeit gemacht: „Es gab immer einen fließenden Übergang zwischen Schauspieler und Rolle.“ Aber selbst die besten Regisseure konnten sie nicht länger als zwei Jahre in Berlin halten: „Mir ist der zentralistische Hauptstadt-Hype der Wahlberliner auf die Nerven gegangen.“ Deshalb sei sie erst recht in die „Provinz“ gegangen: nach Frankfurt.

Ein Glück für die hiesige Publikum, das nicht gerade verwöhnt ist von Schauspielern solchen Formats und solcher Präsenz. Auch Constanze Becker fühlt sich wohl in Frankfurt. Sie schätzt den „geschlossenen Stadtkern“ im Gegensatz zu den Kiezen in Berlin und dass es für die Stadt ein Theater gibt, „in dem man alles unter einen Hut bringen muss“. Der Main hat es ihr auch angetan, ein Fluss, der, anders als die Spree, die ganze Stadt präge. Im Gutleutviertel ist sie mit Mann und Sohn untergekommen. Mehr will sie über ihr Privatleben nicht verraten. „Ich bin kein öffentlicher Mensch. Ich bin gern zu Hause.“ Dann rückt sie doch noch mit etwas heraus: „Ich habe einen Schrebergarten. Ein bisschen Normalität braucht der Mensch. Wenn ich so wäre wie Medea, säße ich nicht hier.“

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