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Computerspiele : Schüsse im Plenarsaal

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Er will nun fördern, dass hessische Unternehmen noch viel mehr mit dem Computer möglich machen: Florian Rentsch (FDP). Bild: Kaufhold, Marcus

Mit 800 000 Euro fördert Hessen im nächsten Jahr seine Computerspieleentwickler. Das Geld soll Innovationen ermöglichen, die weit über den bloßen Zeitvertreib hinaus eingesetzt werden können.

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          Im Armbrustschießen ist Florian Rentsch gar nicht schlecht. Nah an der Mitte der Zielscheibe landen alle drei Pfeile, die der Wirtschaftsminister abschießt - und das mitten im Plenarsaal des alten Landeshauses in Wiesbaden, in dem heute sein Ministerium untergebracht ist. Der Computer macht es möglich, wie so vieles. Und Rentsch (FDP) will nun fördern, dass hessische Unternehmen noch viel mehr mit dem Computer möglich machen. 800 000 Euro stellt das Wirtschaftsministerium im nächsten Jahr für die Entwicklung von Spielen für Computer, Spielekonsolen und Smartphones zur Verfügung, nach 300 000 Euro in diesem Jahr.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Da viele bei diesen Begriffen immer noch zuerst an Ballerspiele und Amokschützen denken, setzen die Branche und auch Rentsch viel daran, die tatsächliche Vielfalt und den Nutzen von Computerspielen zu vermitteln. Zur Vergabe der ersten Förderbescheide zeigten daher mehrere Entwickler und Hochschulen aus der Region ihre Produkte im Ministerium. Seine Armbrustkünste - eine sehr friedliche Form des Egoshooters - stellte Rentsch am Stand der Bitcomposer Entertainment AG unter Beweis.

          In „Essential Bytes“ wird der Spieler zum Kommunalpolitiker

          Das 30 Mitarbeiter zählende Eschborner Studio hat die beliebte Fernsehshow „Schlag den Raab“ mit ihren vielen Sport-, Geschicklichkeits- und Wissensspielen für die Nintendo-Konsole Wii aufbereitet. Statt einer echten Armbrust hat der Wirtschaftsminister also nur eine Art Fernbedienung in der Hand. Auch für das Smartphone will Bitcomposer nun solche Fernsehshows aufbereiten. Und ein besonderer Clou dabei soll sein, dass der Spieler während einer Livesendung mitraten oder -spielen kann.

          Diese Neuerung ist eine von drei Ideen, die das Wirtschaftsministerium als förderwürdig erachtet. 57 000 Euro erhält das 2009 gegründete Unternehmen aus dem Programm, das Innovationen fördern soll, die auch über das einzelne Spiel hinaus eingesetzt werden können. Die Fördersumme decke etwa ein Viertel der Entwicklungskosten, sagt Bitcomposer-Vorstand Wolfgang Duhr. Die Unterstützung des Landes sei wichtig, weil privaten Finanzierern die Entwicklung ganz neuartiger Konzepte wie das interaktive Mitspielen in Live-Sendungen oft zu riskant sei. Wie vielfältig Computerspiele sein können, zeigen die anderen beiden Projekte, die das Ministerium fördert: 85 500 Euro erhält die Frankfurter Code Sustainable GmbH, die unter anderem im Auftrag der Vereinten Nationen Programme zur Simulation von Krankheitsepidemien entwickelt. In deren Spiel „Outbreak Control“ kann sich ein Spieler auf Mission nach Ostafrika begeben, wo er mit bestimmten Mitteln eine Malaria-Epidemie eingrenzen soll. „An den Schalthebeln der Macht“ von Essential Bytes aus Wiesbaden ist eine Simulation, in der der Spieler zum Kommunalpolitiker wird - was nicht zuletzt den Sozialkunde-Unterricht lebhafter machen könnte.

          Die Entwickler müssen mindestens 51 Prozent der Kosten selbst tragen

          Auch in der Pflege alter und behinderter Menschen oder in Schulungen werden längst solche Serious Games eingesetzt. Die Möglichkeiten zum Technologietransfer in andere Wirtschaftszweige, etwa in Form von Simulatoren in der Architektur, im Flugzeug- oder im Eisenbahnbau, nannte Rentsch als weitere Gründe für die staatliche Förderung der Branche, in der in Hessen rund 100 Unternehmen mit 2000 Arbeitsplätzen tätig seien.

          Anträge im Volumen von 1,5 Millionen Euro hat das Wirtschaftsministerium für das mit 300 000 Euro dotierte Programm 2012 erhalten. Grund genug für Rentsch, nun ein weiteres Programm zur Prototypenförderung aufzulegen: Mit einem Volumen von 500 000 Euro will das Ministerium Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern ermöglichen, einfache Grundversionen von neuen Spielideen zu programmieren, mit denen sie dann die großen Verleger überzeugen können, die weitere Entwicklung zu finanzieren. Damit dabei keine staatlich geförderten Ballerspiele herauskommen, dürfen die Spiele keiner Altersbeschränkung unterliegen. Außerdem müssen die Entwickler mindestens 51 Prozent der Kosten selbst tragen.

          Man kennt die Verlockung der Fördertöpfe

          Um die Prototypenförderung hatte sich der regionale Branchenverband Gamearea FRM seit Jahren bemüht. Denn viele andere Bundesländer stellen solche Fördermittel schon länger zur Verfügung. -Joerg Weber, Sprecher der Gamearea, sagte, er wisse von vier Unternehmen, die aufgrund der fehlenden Förderung in Hessen nach Hamburg oder Berlin gegangen seien. Diese Orte versuchten, Frankfurter Unternehmen abzuwerben.

          Auch bei Deck 13 kennt man die Verlockung der Fördertöpfe. Als das Studio vor gut zehn Jahren mit fünf Mitarbeitern angefangen habe, habe man für die ersten Finanzierungen viele Klinken putzen müssen, berichtete Spieledesigner Timo Mylly, während Rentsch die neue Adaption des Moorhuhns des Unternehmens ausprobierte. München etwa habe vor einigen Jahren mit recht großen Summen versucht, die Spieleentwickler anzuwerben. Inzwischen zählt das Unternehmen 40 Beschäftigte und arbeitet mit einigen internationalen Partnern zusammen. Daher sei Deck 13 ganz froh, dass man seine Zentrale am Hauptbahnhof belassen habe, sagt Mylly - nur wenige Zugminuten vom Frankfurter Flughafen entfernt.

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