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Joblinge für Geflüchtete : Mit einem besonderen Kompass zum Berufsabschluss

  • -Aktualisiert am

Banklinge: Die syrischen Brüder Bashir Zaitouni (rechts) und Qusay Zaitouni machen eine Lehre im Rahmen des Joblinge-Programms der Commerzbank. Bild: Wolfgang Eilmes

Mitarbeiter von Unternehmen und Banken im Rhein-Main-Gebiet fördern als Joblinge-Mentoren junge Geflüchtete. Das kommt auf beiden Seiten gut an.

          Bashir Zaitouni war verzweifelt. Gerade hatte er den Brief, der über seine Zukunft entscheiden sollte, geöffnet und überflogen. Zwar war das Deutsch des 24 Jahre alten Syrers noch nicht perfekt, doch das Wort „Ablehnung“ war deutlich am Anfang des Schreibens zu lesen. Für Zaitouni stand damit fest: Obwohl er ausgebildeter Apotheker ist, gab es keine Chance, in Deutschland als Pharmazeut zu arbeiten. Das Darmstädter Regierungspräsidium erkannte die syrische Ausbildung nicht an.

          Hätte Bashir Zaitouni keine Hilfe gehabt, hätte er den Brief vielleicht beiseitegelegt und den Plan verworfen, in seinem eigentlichen Beruf in Deutschland zu arbeiten. Doch war Zaitouni zu diesem Zeitpunkt schon Mitglied im Hilfsprogramm „Joblinge-Kompass“ für junge Geflüchtete. Das gemeinnützige Programm, hinter dem die Boston Consulting Group und die Eberhard-von-Kuenheim-Stiftung von BMW stehen, fördert ausgewählte begabte Migranten und hilft ihnen bei der Suche nach einem Ausbildungs-, Praktikums- oder Arbeitsplatz. Die Initiative Joblinge existiert seit 2007 und ist seit 2011 in Rhein-Main aktiv. Seit Anbeginn will sie benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene auf ihrem Weg in die Arbeitswelt unterstützen. Seit etwa einem Jahr gibt es ein Unterprogramm speziell für junge Flüchtlinge. Die Initiative arbeitet mit verschiedenen Partnerunternehmen zusammen, deren Angestellte ehrenamtliche Mentoren oder Sprachlehrer für die jungen Flüchtlinge werden können.

          Frankfurter Commerzbank unterstützt Programm

          In Frankfurt machen etwa 100 Geflüchtete mit. Ein großer Teil davon wird von Mitarbeitern der Commerzbank betreut. Eine davon ist Touria Jandusch, die eigentlich im IT-Risiko-Management der Bank arbeitet. Jandusch meldete sich für das Projekt und wurde Bashir Zaitounis Mentorin. Nachdem der angehende Apotheker das Ablehnungsschreiben erhalten hatte, meldete er sich bei ihr. Die beiden setzten sich zusammen. „Ich wusste nicht, was ich machen soll“, erzählt Zaitouni. Er spricht mit leiser, sanfter Stimme, drückt sich im Deutschen an einigen Stellen sehr gewählt aus, an anderen fehlen ihm manchmal die Worte. 2015 flüchtete er mit seinem Bruder Qusay vor Krieg und Terror aus Syrien nach Deutschland, seit etwa einem Jahr lernt er Deutsch.

          Touria Jandusch erinnert sich noch gut an das Treffen mit ihrem Schützling. „Dieser Brief war wirklich erschreckend. Bashir kann schon sehr gut Deutsch, aber diese Behördensprache ist ja selbst für uns manchmal eine Herausforderung“, sagt die Frau mit den dunklen Haaren. Nach drei Stunden sei endlich klargeworden: Zaitouni hatte doch noch eine Chance. Um in einer Apotheke als pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA) arbeiten zu können, sollte er nach seiner Ausbildung in Syrien lediglich einen sechs Monate laufenden Anpassungslehrgang in Deutschland absolvieren.

          „Ganz viele Sachen organisieren“

          Doch dafür mussten der Syrer und seine Mentorin schnell handeln und einige Formalitäten klären: „Innerhalb einer Woche mussten wir ganz viele Sachen organisieren. Wir durften die Frist im Brief nicht überschreiten“, sagt Jandusch. Zaitouni musste eine Apotheke finden, in der er seinen Anpassungslehrgang absolvieren konnte. Der Apotheker dort sollte sich außerdem bereit erklären, bei einer Abschlussprüfung dabei zu sein. Außerdem suchten Jandusch und Zaitouni nach einer PTA-Berufsschule für den theoretischen Teil der Ausbildung.

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