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Co-Working : Teilen als Geschäftsidee

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In New York inspiriert: Die Heimathafen-Gründer Dominik Hofmann (links) und Abi von Schnurbein. Bild: Röth, Frank

Mal für einen Tag, aber gerne auch länger: Zwei Jungunternehmer versuchen sich in Wiesbaden mit Co-Working, einer Form des Miteinander- oder Nebeneinanderher Arbeitens.

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          Wer den „Heimathafen Wiesbaden“ betritt, weiß erst einmal nicht so recht, wo er gelandet ist. Im Erdgeschoss eines lichtdurchfluteten Altbaus ist vor einer vom Putz befreiten Backsteinwand eine Bühne aus Paletten errichtet. Zwischen aufeinandergestapelten Stühlen ragt eine blümchenbeschirmte Stehlampe hervor, gegenüber steht eine verglaste Holztheke. Im ersten Stock prangt ein riesiger Anker auf einer pistaziengrünen Wand, davor stehen charmant abgewetzte Schreibtische. Ist der Heimathafen ein Ort für Veranstaltungen? Eine Bar? Oder doch ein Büro?

          „Wir sind ein Co-Working-Café“, erklärt Dominik Hofmann und lacht. Zusammen mit dem zwei Jahre älteren Abi von Schnurbein hat der 28 Jahre alte Mann den „Heimathafen Wiesbaden“ gegründet. Die Idee: Sie stellen Arbeitsplätze zur Verfügung, die von Freiberuflern aus allen Branchen flexibel angemietet werden können - von nur einem Tag bis zu einem Monat. Viele Freiberufler stünden vor ähnlichen Fragen und Schwierigkeiten, sagt Hofmann. „Wir sind viel stärker, wenn wir uns zusammenschließen.“ Im Erdgeschoss wollen die Unternehmer ein Café eröffnen. Hier finden auch Vorträge statt, die sich mit Titeln wie „Arbeiten in der digitalen Cloud“ besonders an Freischaffende richten.

          Er wurde zu Co-Worker, ohne es zu wissen

          Jedes Detail im Wiesbadener Heimathafen - der an die Wand gezeichnete Seemann, das Glas mit Ahoi-Brausebonbons, die schwere Industrielampe - verrät, dass für die beiden Gründer hier mehr entsteht als nur eine neue Form des Zusammenarbeitens. „Es ist unser Baby“, sagt Hofmann und streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Zusammen mit seinem Kompagnon sitzt er am langen Konferenztisch, der noch die Spuren eines wilden Kneipenlebens trägt. Fast alle Möbel haben die Freunde gebraucht gekauft, in Vintage-Boutiquen oder auf Flohmärkten. Co-Working sei auch ein politisches Thema, findet Hofmann. „Wir stehen für Nachhaltigkeit, weil wir Ressourcen teilen.“

          Die Geschichte des Heimathafens begann in der Ferne. 2008 ging Dominik Hofmann, damals noch Student der Publizistik und Betriebswirtschaftslehre, mit seiner heutigen Frau nach New York. Von der amerikanischen Metropole aus bloggte Hofmann über den Präsidentschaftswahlkampf und die Finanzkrise. Viele Stunden hackte er in einer Tealounge in Brooklyn in die Tasten, neben vielen anderen digitalen Nomaden, die alle vom Café aus arbeiteten. Dort wurde Hofmann zum Co-Worker, ohne es zu wissen. Als sein Sitznachbar angerufen wurde, gab dieser seinem Gesprächspartner zu verstehen, dass er nicht so lange sprechen könne. Das störe sonst seinen Co-Worker, der neben ihm sitze. So wurden aus Fremden Kollegen, wenn auch nur für ein paar Stunden. Die Idee des geteilten Arbeitsraums behielt Hofmann von da an im Kopf.

          Nichts für Dauertelefonierer

          Heute, fast fünf Jahre später, treffen im Heimathafen Wiesbaden die Freiheiten des Freelancer-Daseins auf die Annehmlichkeiten eines Angestelltenverhältnisses. Um die Infrastruktur kümmert sich das Heimathafen-Team. Der Co-Worker muss sich nicht mit einer zickige Internetverbindung, der Stromrechnung oder dem Putzen herumärgern, sondern kann sich nur mit den Aufträgen seiner Kunden befassen. Mittlerweile arbeiten 15 bis 20 flexible und acht feste Co-Worker im Heimathafen. Gemietet wird hier monatsweise. Das sei besonders für noch junge Unternehmen praktisch, sagt Hofmann. „Wenn es schiefgeht, können sie einfach zum nächsten Monat kündigen.“ Flexible Co-Worker zahlen 195 Euro monatlich, klappen morgens ihr Notebook an einem freien Tisch auf und räumen ihn abends wieder. Wer länger bleiben will, für den beträgt die Miete im Monat 295 Euro. Damit verfügt er über einen persönlichen Arbeitsplatz, ein Schließfach sowie einen Hausschlüssel und kann die Konferenzräume des Heimathafens nutzen. Freiberufler, die nur sporadisch kommen, können Tagestickets für 12,50 Euro kaufen.

          Für Dauertelefonierer und Geheimniskrämer ist Co-Working allerdings nichts. Vertraglich verpflichten sich alle zum Stillschweigen, aber wer für welchen Kunden arbeitet und wie viel die Kollegen am Tag verdienen, bekommt ein Co-Worker im geteilten Büroraum zwangsläufig mit. Das Konzept ist nicht immer einfach zu vermitteln. Für Wiesbaden sei Co-Working noch ein neues Thema, räumt Hofmann ein, „wir müssen noch Missionsarbeit leisten“. Wahrlich ist die hessische Landeshauptstadt bislang nicht gerade als Hort ungewöhnlicher Ideen solcher Art bekannt. „In Berlin sprudelt die kreative Energie an jeder Ecke“, sagt Hofmann. Dort gebe es mittlerweile 70 „Co-Working-Spaces“.

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