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„Cirque du Soleil“ : Das große Fest des Staunens und der Wunder

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Sehenswert: Artistin des „Cirque du Soleil“. Bild: dpa

Mit der Show „Quidam“ kehrt der kanadische „Cirque du Soleil“ zurück. Die Produktion ist schon 17 Jahre alt, hat von ihrem Zauber aber nichts verloren.

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          Hätte es zu jener Zeit, als Fritz Rau noch der führende Konzertveranstalter der Republik war, schon den „Cirque du Soleil“ gegeben, hätte der von Mick Jagger einmal als „Godfather“ bezeichnete Impresario die Shows dieser außergewöhnlichen Truppe gewiss nach Deutschland geholt. Schließlich wollte Rau immer die Besten unter Vertrag nehmen - und das kanadische Zirkusunternehmen mit allein sieben Shows in Las Vegas und mehreren Tour-Produktionen präsentiert nun einmal die weltweit besten Bühnenspektakel mit den besten Artisten.

          Inzwischen hat die Aufgabe des „Primo Impresario“ Raus legitimer Nachfolger Marek Lieberberg übernommen. Und in dieser Funktion lässt der Frankfurter die mehr als 17 Jahre alte Produktion „Quidam“ noch einmal durch Deutschland und Österreich touren. Allerdings nicht in einem der makellos weißen „Cirque du Soleil“-Zelte, sondern als Hallen-Version. In Frankfurt ist das surreale Märchen um ein von seinen Eltern vernachlässigtes Mädchen, das sich in eine Traumwelt flüchtet, vom 30. Oktober an eine Woche lang in der Festhalle zu sehen.

          Zweite Wahl darf es bei diesem Zirkus nicht geben

          Aber wie hält man eine Show 17 Jahre lang so attraktiv, dass Abend für Abend die Zuschauer in Scharen kommen? Im Falle von „Quidam“ hat Luc Ouellette, der künstlerische Leiter dieser Produktion, dafür zu sorgen, dass keine Routine aufkommt, Schlampereien vermieden werden und die künstlerische Spannung dauernd hoch bleibt. In New Orleans, wo „Quidam“ vor kurzem gastierte, hat der Mann mit der Glatze sein Credo in dem Satz zusammengefasst: „Ich beschütze das Konzept.“ Soll heißen: Er achtet darauf, dass die einstige Inszenierung von Franco Dragone und Gilles Ste-Croix nicht verwässert wird, auch wenn im Laufe der Jahre die Darsteller und Artisten ebenso wie das technische Personal immer wieder gewechselt haben.

          Zweite Wahl darf es beim „Cirque du Soleil“ nicht geben. Das ist ein eherner Grundsatz der Kanadier. „Wir versuchen die besten Artisten und Künstler zu bekommen - in jeder Disziplin“, sagt denn auch „Quidam“-Chef Ouellette. Das gelingt in der Regel, denn ein Engagement beim „Cirque du Soleil“ gilt in Artistenkreisen als die Krönung einer Karriere. Im Hauptquartier in Montreal findet sich eine Datenbank mit Zehntausenden von Videos, Fotos und Künstlerdaten aus aller Welt. Bei Castings in Amerika, Europa und Asien werden geeignete Bewerber getestet, Scouts melden der Zentrale, wenn sie irgendwo einen Künstler mit einer besonderen Fähigkeit oder einer originellen Nummer entdeckt haben. Wer den Ritterschlag erhält und unter Vertrag genommen wird, bekommt zuerst einmal in Montreal eine spezielle Bühnenausbildung, die ihn auf den Einsatz in einer der Shows vorbereitet.

          Wie ineinander verschmolzen

          Grace de Moura etwa, die schöne Seil-Akrobatin aus „Quidam“, war einst in ihrem Heimatland Brasilien Wettkampf-Turnerin. Sie hat an zwei Castings teilgenommen, bevor sie nach Montreal eingeladen wurde, wo sie vier Monate lang ein allgemeines Training in Tanz, Theater, Gesang und Akrobatik und zwei weitere Monate ein Seil-Training absolvierte. Nun ist sie, wenn sie Abend für Abend mit drei Kolleginnen an Seilen über die Bühnen fliegt, ein Star. Einer unter vielen, denn in der „Quidam“-Show treten fast 50 Künstler auf.

          So zum Beispiel auch der phantastische Ghislaine Ramage, der mit seinem Rhönrad den Reigen eröffnet. Oder der unvergleichliche Wei Liang Lin, der mit drei anderen Artisten die Diabolos so geschickt rollen und springen lässt, dass man als Zuschauer an Wunder zu glauben beginnt. Großartige Künstler sind auch die Bodenakrobaten Natalia und Alexander Pestova, die bei ihren Hebefiguren ineinander zu verschmelzen scheinen.

          Seit der Premiere 1996 nicht gealtert

          Shows wie „Quidam“ sind Gesamtkunstwerke. Artistik, Clownerien, Tanz, Musik, Gesang, Lichteffekte, originelle Kostüme - sie alle tragen ihren Teil bei zum großen Fest des Staunens und der Wunder. Dem Zuschauer ergeht es wie dem Mädchen Zoé, dessen Vater und Mutter auf ihren Spießersesseln in die Luft entschwinden und ihre Tochter in einer surrealen Welt zurücklassen - in der Welt von „Quidam“, die Zoés Imagination entspringt und von Quidams, von Irgendwelchen, bevölkert wird, die dem Mädchen zu Spielkameraden werden.

          Während die Vorgängerproduktionen des „Cirque du Soleil“ wie „Alegria“ oder „Saltimbanco“ überquollen vor Lebensfreude, ist „Quidam“ verrätselter, gedämpfter, theatralischer. Die eine oder andere Figur wie etwa der kopflose Mann in blauem Anzug und mit aufgespanntem Regenschirm könnte direkt einem Gemälde René Magrittes entsprungen sein. Auf Worte wird ganz verzichtet, selbst der phantastische Clown Toto Castiñeiras aus Buenos Aires kommt ganz ohne Sprache aus, dafür kann er verblüffend gut Geräusche machen. Unterstützt werden er und alle anderen Künstler von einer Liveband, deren Repertoire von Klassik über Rock bis zu Country reicht. Höchstes Bestreben der Musiker sei es, die Klänge den Bewegungen der Artisten anzupassen, sagt Olaf Grote, der deutsche Gittarist der Band.

          1996 hat „Quidam“ in Montreal seine Premiere erlebt. Seither ist die Produktion durch viele Städte und Länder getourt - ohne dabei zu altern. Ewiges Leben, das wünschen sich alle Produzenten für ihre Shows. Doch meistens reicht es nach ein paar Jahren nur noch zu nostalgischen Wiederaufnahmen wie etwa jetzt bei André Hellers Zirkusproduktion „Afrika! Afrika!“. Der „Cirque du Soleil“ dagegen hat scheinbar das Wundermittel gegen Alterung entdeckt. „Quidam“ jedenfalls ist so jung wie am Tag der Premiere.

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