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Cirque Bouffon in Wiesbaden : Gäste aus dem gesegneten Zirkusland

In den Wiesbadener Reisinger Anlage zeigen die Artisten des kleinen Cirque Bouffon große Kunst - poetisch, amüsant und surreal.

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          Da hat der Cirque Bouffon Wiesbaden ja ein schönes Ei in den Park gelegt. Ein Nandu-Ei, gefüllt mit bunten Illusionen. „Nandou“, heißt die Show, und die Bouffon-Künstler bringen darin den an für sich flugunfähigen Laufvogel, von dem dieses Ei stammt, zwei unterhaltsame Stunden lang zum Fliegen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Reisinger Anlagen, in denen sich bei schönem Wetter gerne Zeitgenossen herumtreiben, die das Rauschmittelgesetz nicht bis auf den letzten Buchstaben beachten, haben sich seit Ankunft der Gaukler-Truppe zu einer Insel der Seligen verwandelt. Verzückt folgen in einem dort aufgeschlagenen Zelt seit Donnerstag jeden Abend drei- bis vierhundert Zuschauer den Späßen eines durchgedrehten Komikerpaars, den Kunststücken von Jongleuren oder Equilibristen und nicht zuletzt den Klängen dreier wunderbarer Musiker, die selbst den kältesten Fisch mitwippen lassen.

          Ein Zirkus mit Poesie

          Bouffon - das ist ein französisches Wort für Faxenmacher, Possenspieler, Narren. Tatsächlich kommt der Cirque Bouffon aus Frankreich, jenem gesegneten Land, in dem Artisten und Clowns offiziell als Künstler anerkannt sind und Zirkus-Shows manchmal vom Staat gefördert werden wie das Theater oder die Oper. So ist in unserem Nachbarland die Bewegung des Cirque Nouveau entstanden, deren imposanteste Frucht, der kanadische Konzern Cirque du Soleil, seit Jahren mit aufwendigen Shows durch alle Kontinente zieht und darüber hinaus Las Vegas okkupiert hat.

          Frédéric Zipperlin, der künstlerische Leiter des Cirque Bouffon, ist drei Jahre lang mit diesem Cirque du Soleil durch die Welt getourt, hat sich aber 1999 entschlossen, seinen eigenen Zirkus zu gründen, einer, der die ursprünglichen poetischen Qualitäten des Sonnenzirkus bewahrt, ein Cirque du Soleil en miniature sozusagen. Nun endlich ist der Cirque Bouffon auch einmal in hessischen Landen zu sehen. Der Sozialunternehmer Hans Reitz hat seinen alten Freund Zipperlin dazu bewegt, sein Zelt in der Landeshauptstadt aufzuschlagen und dort einen Monat lang dem Nandu Flügel zu verleihen.

          Küsse, die ohnmächtig machen

          Da steht der komische Vogel also, mitten im Zelt auf einer kleinen Bühne, rundherum umgeben von Zuschauerreihen. Dem tapsigen Goos Meeuwsen gelingt es prompt, sich mit seinem Finger im Schnabel des Nandu zu verhaken. Das ist nur eines von vielen Mißgeschicken, die dem Komiker im Laufe des Abends unterlaufen: Einmal wird er vom Punch-Ball, mit dem er trainiert, niedergeschlagen, dann fällt er während einer Kuß-Orgie mit seiner kongenialen Partnerin Helena Bittencourt von einer Ohnmacht in die andere, später rutsch er, Arien singend, von der Leiter. Erstaunlich, was dem seltsamen Paar alles an Unsinn einfällt.

          Eingebettet in diesen humoristischen Grundstrom sind die Nummern der Körperartisten. Besonders auffällig wirkt Linda Sander am Trapez. Doch auch die Reifenfrau Natalie Nebrat hat zwei große Auftritte, und das Duo mit der geigespielenden Daniella und dem Handstandartisten Michal mag ebenfalls zu gefallen. Starke Bilder, die in Erinnerung bleiben, liefert der Pierrot Evgeny Pimonenko, wenn er mit seinen weißen Halskrausen auf einer Leiter stehend jongliert.

          Und die Zirkusdirektorin singt

          Sergej Sweschinskij, der Mann am Baß, hat eine mitreißende Bühnenmusik komponiert, die genau auf die Nummern abgestimmt ist. Mit dem Trommler Adam Tomaszewski und dem Akkordeonisten Rudik Yakhin hat er ausgezeichnete Mitspieler gefunden. Dazu singt die Zirkusdirektorin Anja Krips in einer traumverloren-surrealen Weise, wie man dies aus den Produktionen des Cirque du Soleil kennt. Es ist großer Zirkus, den der kleine Cirque Bouffon bietet.

          Der Cirque Bouffon ist noch bis zum 6.Oktober in den Reisinger Anlagen an der Bahnhofstraße in Wiesbaden zu sehen. Vorstellungen mittwochs bis freitags von 20 Uhr an, samstags von 15 und 20 Uhr an, sonntags von 14 und 17 Uhr an.

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