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Komponist und Direktor : Vorliebe für den grotesken Ton

Der Komponist und Musikwissenschaftler Christian Ridil in Spiesheim. Bild: Samira Schulz

Der frühere Musikdirektor der Frankfurter Universität komponiert und verbreitet noch immer seine zahlreichen Werke. Sein Leben und seine Musik haben einiges gemeinsam.

          3 Min.

          Wer Christian Ridil noch beim Unterrichten an der Goethe-Universität erlebt hat oder dort unter seiner Leitung im Orchester gespielt oder im Chor gesungen hat, erinnert sich bestimmt sein Leben lang an ihn. Denn mit seiner agilen, humorvollen, herzlichen und persönlichen, im Bedarfsfall allerdings auch streitbaren Art, vor allem aber mit seiner Musikbegeisterung ist der frühere Frankfurter Universitätsmusikdirektor eine unverwechselbare Persönlichkeit, die man nicht so einfach vergisst. Er selbst vergisst umgekehrt aber auch niemanden: Der Gedächtniskünstler Ridil kennt offenbar noch jeden ehemaligen Studenten mit Namen und Geburtsort und weiß genau, was später aus ihm geworden ist. So kann Ridil kettenweise kuriose Geschichten erzählen.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Insofern ist Ridil ganz der Alte, wenn man ihn, nun fern des Großstadtlebens, in seinem modernen Holzhaus mit Badeteich vor der Terrasse und Blick auf rheinhessische Weinberge in dem kleinen Ort Spiesheim bei Alzey trifft. Nur zu gut ist vorstellbar, wie er da oben in seinem Arbeitszimmer vor der geöffneten Balkontür mit der geliebten Pfeife sitzt, um sich als Pensionär verstärkt einer Tätigkeit zu widmen, die für ihn neben der Lehre immer besonders wichtig war: Der Komponist Christian Ridil hat jetzt mehr Zeit, seine Noten zu schreiben, wenngleich er dies sicherlich – wie einst im Harmonielehre-Unterricht für die Musikwissenschaftler an der Uni – immer noch in rasendem Tempo tut.

          „Auf keinen Fall langweilig“

          Ridils Werkliste ist lang, gut sechs Seiten umfasst allein die Aufzählung („in Auswahl“) in der Festschrift des Collegium Musicum und des Musikwissenschaftlichen Instituts, die unter dem Titel „Zwischen Theorie und Praxis“ 2018 zu seinem 75. Geburtstag erschienen ist: Chormusik aller Art vor allem, auch mit Solisten und Orchester, darunter etwa die große Kantate „Von den Verdambten und Seeligen“ nach Angelus Silesius, Orchesterwerke samt der groß besetzten ersten Symphonie „Pictures of a city“, viel Orgelmusik und noch mehr Kammermusik. Eine CD mit ausgewählter Kammermusik ist jetzt erschienen und erweitert die Diskographie Ridils lohnend für jeden Hörer, der einen Eindruck von seinem Stil bekommen möchte: zeitgenössisch im Ton, aber nicht avantgardistisch, gern grotesk, witzig, meist rhythmisch raffiniert, oft tänzerisch, handwerklich und formal perfekt. Manches erinnert an die französischen Neoklassizisten der „Groupe des Six“, etwa an Francis Poulenc oder Darius Milhaud, oder an Jean Françaix, den Ridil sehr schätzt. Sein ebenfalls schon auf CD erschienenes Fagottkonzert „Brahms en France“ gibt ein gutes Beispiel solch deutsch-französischer Verquickung.

          „Musik ist für mich jedenfalls eine Schöpfung eines Menschen aus Fleisch und Blut“, sagt Ridil und meint damit, dass Musik nicht zu „verkopft“ oder konstruiert wirken dürfe und „auf keinen Fall langweilig“. Witz und Esprit gehören für ihn daher bis heute zu seinem Stil: „Im Studium habe ich noch frecher, kesser geschrieben.“ Das heißt nicht, dass Ridil, der ein Faible für ungewöhnliche und heterogene Besetzungen hat, nur spaßig schreibt. Im Gegenteil, der ernste, sakrale Ton ist geradezu die Kehrseite. Wie Poulenc erscheint Ridil eine Mischung „Lausbub und Mönch“ zu sein.

          Traum- und traumahafte Zeiten

          Seine katholische Prägung ist dabei unverkennbar und nicht wegzudenken. Geboren 1943 in Breslau, landete er als Kind einer Flüchtlingsfamilie in Regensburg und dort bald bei den Domspatzen. Gegenüber dem Internat des berühmten Chores habe seine Mutter eine Wohnung gefunden, nachdem sein Vater, der bei der Polizei den Fuhrpark leitete, mit 42 Jahren gestorben war und die Dienstwohnung verlassen werden musste, erzählt Ridil. Dass er ins Internat nicht einziehen musste, sondern als „Stadtschüler“ seine Freizeit zu Hause verbringen durfte, war wohl ein Glück angesichts all der spät enthüllten Misshandlungen bei den Domspatzen: „Verhauen mit dem Rohrstock für das ,Aufsetzen einer impertinenten Miene‘, Watschen, Kopfnüsse, psychischer Terror“ – Ridil wirkt angeekelt, wenn er davon berichtet. Sexueller Missbrauch blieb ihm aber erspart.

          Die musikalische Ausbildung am Musikgymnasium der Domspatzen von 1954 bis zum Abitur 1963, ein Jahr also bevor Georg Ratzinger Domkapellmeister und Leiter des Chores wurde, beschreibt Ridil gleichwohl als „traumhaft“: „Die Abiturprüfung war schwerer als die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule.“ Da er sich schon während der Stimmbruch-Zeit neben dem Klavier- und Geigenspiel fürs Komponieren interessiert hatte, studierte Ridil dann an der Musikhochschule in München nicht nur Schulmusik, sondern auch Komposition bei Günter Bialas. Nach beiden Staatsexamina wurde er von 1969 an zunächst als Gymnasiallehrer in Neusäß bei Augsburg tätig, ehe er 1984 als „Oberstudienrat im Hochschuldienst“ an die Frankfurter Goethe-Uni berufen wurde. Bis zu seiner Pensionierung 2008 hat er hier 24 Jahre lang vor allem die musikwissenschaftlichen Propädeutika unterrichtet: Harmonielehre, Kontrapunkt und Tonsatzanalyse.

          Anerkennung für sein Wirken

          Als „Kärrnerarbeit“ bezeichnet Ridil rückblickend daneben den Aufbau des Chores und des Orchesters mit Studenten aller Fachbereiche: „Einen typischen Uni-Chor gab es 1984 nicht“, sagt er und vermutet „eine Spätfolge der Achtundsechziger“. Bis zu 70 Sängerinnen und Sänger sangen schließlich unter seiner Leitung im großen Chor, zu dem bald noch der Kammerchor kam, etwa 40 Musiker spielten im Orchester. Die meist rappelvollen Semesterabschlusskonzerte in der Alten Aula waren Ridils Herzensangelegenheit, wochenlang per Mundpropaganda und mit den Plakaten beworben.

          Dass es ihm gefiele, wenn nun seine eigenen Kompositionen noch mehr unters Volk kämen, ist Ridil auf angenehme Art anzumerken: Große Aufführungen wie die im Mainzer Dom, wo 2008 seine vielstimmige Psalm-Vertonung „Der Herr ist mein Hirte“ erklang, bedeuten für ihn Anerkennung eines bedeutenden Teils seines musikalischen Wirkens. Der derzeitige Universitätsmusikdirektor Jan Schumacher hat Ridil beauftragt, ein Werk für Chor und Orchester zu schreiben, das dann 2023 zum achtzigsten Geburtstag des Komponisten erklingen soll.

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