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Choreographin : Raffaële Giovanola lässt Tanzmainz gehen

Man kann so viel mehr daraus machen als Fortbewegung: In „Sphynx“ geht es eine knappe Stunde lang um Erkundigungen im Universum des Gehens. Bild: Andreas Etter

Raffaële Giovanola denkt immer wieder neu über den menschlichen Körper nach. Mit Tanzmainz hat die Bonner Chefin von Cocoon Dance nun den Gang erforscht.

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          Das „Ministry of Silly Walks“ hätte allerhand zu tun, das zu katalogisieren. Oder doch nicht. Denn „komisch“, wie die merkwürdigen Fortbewegungsweisen im legendären Sketch von Monty Python, ist nichts an den 14 Tänzerinnen und Tänzern, die dem Gehen da so konsequent neue Perspektiven abringen. Ab und an, ja, da muss man unwillkürlich lächeln. Weil ein bestimmter Rhythmus so ganz und gar dem natürlichen Schwingen der Arme im Gang entgegensteht. Oder ein Pulk auf allen vieren an Mogli in Disneys „Dschungelbuch“ erinnert, wenn er versucht, es den Elefanten gleichzutun.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Die Tänzer von Tanzmainz sehen, natürlich, bei allem, was sie tun, unvergleichlich viel eleganter aus als Kinder im Vierfüßlerstand, Komiker oder Trickfiguren. Das macht den Charme der knappen kaleidoskopartigen Stunde aus, in der die Choreographin Raffaële Giovanola mit ihnen das Universum des Gehens erkundet. Eine jede und ein jeder hat zu Beginn einen charakteristischen Gang, entwickelt ihn über die Länge der Bühne hinweg, von Gasse zu Gasse, der eine setzt die Zehen zuerst auf, der andere strukturiert den natürlichen Pendelrhythmus der Arme um, eine Dritte zieht die Hüften bei jedem Schritt in die Höhe – Charakteristika, die im späteren Verlauf immer wieder auftauchen.

          Knappe Shorts und Tops

          So wie Tiago Cerqueiras eingängige Elektromusik an- und abschwillt, geschieht das mit dem Tanz. Die symme­trischen Reihen, noch strukturiert von Rechtecken aus Licht und Schatten (Wil Frikken), werden zum Pulk, die schicken glänzenden Kostüme (Mathilde Grebot) werden verändert, abgelegt, bis nur mehr ähnliche knappe Shorts und Tops die Tänzergruppe zur pulsierenden Einheit gestalten.

          Das Ganze geschieht, mit einigen wenigen bewussten Stopps, in einem andauernden, sich in winzigen Nuancen wandelnden Fluss. Das erinnert hier und da durchaus an die Stücke von Sharon Eyal, die ebenfalls mit Tanzmainz arbeitet. Aber die bisweilen regelrecht unheimlichen Zugriffe auf das Unbewusste, die Eyals Tänzen gelingen, strebt „Sphynx“, so der Titel von Giovanolas erster abendfüllender Arbeit in Mainz, wohl gar nicht an. Entstanden aus einer neunwöchigen Forschungs- und Probenarbeit, setzt sie sich auch eher dem forschenden Blick des Publikums aus. Faszinierend sind diese sich wandelnden Körper und Haltungen allemal, vor allem, wenn aus den Einzelnen akrobatische Geh-Duette werden, Körper sich verbinden und wieder auseinandergleiten, für einen kurzen Moment seltsame Doppelwesen bilden, immer in Bewegung, bis auf einen kurzen Moment des Stillstands.

          „Transhumanismus“

          Erst in der Weihnachtszeit war Giovanola in der Region, am Staatstheater Darmstadt mit „Body Shots“. Mit ihrer eigenen, im Jahr 2000 gegründeten und seit Langem in Bonn ansässigen Compagnie Cocoon Dance war sie zwei Jahre lang in der sogenannten Doppelpass-Förderung Partnerin in Darmstadt.

          Am Staatstheater Mainz wiederum hat Cocoon Dance mit eigenen Stücken schon mehrfach gastiert, demnächst wird die Compagnie mit dem Frankfurter Ensemble Modern arbeiten. In gut 20 Jahren hat sich Giovanola, einst Tänzerin am Ballett Frankfurt, einen Namen gemacht mit ihrer Körperforschung, die sich in sehr kleinen Gruppen aus meist nicht mehr als einem halben Dutzend Tänzern immer wieder neu die Aufgabe gibt, gewissermaßen über den Körper und seine herkömmlichen Funktionen und Bewegungsmöglichkeiten hinauszudenken. „Transhumanismus“ ist ein Schlagwort, das immer wieder fällt, wenn sie selbst oder andere ihre Arbeit beschreiben.

          Wesen jenseits des Menschen

          Nun aber, in dem deutlich größeren Ensemble von Tanzmainz, tritt noch mehr zutage, was auch schon Arbeiten wie „Vis Motrix“ oder jüngst in Darmstadt „Body Shots“ auszeichnet. Giovanola geht es weniger darum, Wesen jenseits des Menschen tänzerisch vorwegzunehmen. Eher ist es eine Suche nach dem Menschlichsten, die sie antreibt, in der Befragung dessen, was wir als „human“ definieren oder empfinden. Mit mehr als doppelt so vielen Tänzern wie in den meisten Arbeiten von Cocoon Dance tritt das Virtuose, das auf akribischer gemeinsamer Arbeit beruht, beeindruckend hervor.

          Das die Gedanken anregende Befremdende, das Arbeiten wie „Body Shots“ entfalten, hat „Sphynx“ nicht – aber eine große ästhetische Attraktivität. Weshalb man sehr neugierig darauf ist, was Giovanola wohl das nächste Mal gemeinsam mit einer großen hiesigen Compagnie einfallen mag. Das Premierenpublikum jedenfalls riss es von den Sitzen und zu rhythmischem Applaus hin.

          Nächste Vorstellungen am 2., 3. und 6. Februar von jeweils 19.30 Uhr an, am 15. Februar von 18 Uhr an im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz

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