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Chinesische Touristen : Elf Länder in fünfzehn Tagen

  • -Aktualisiert am

Immer mehr chinesische Touristen kommen nach Frankfurt. Für den Tax-Free-Umsatz der Mainmetropole sind sie unentbehrlich.

          Also Frankfurt. Raus aus dem Reisebus, auf die Berliner Straße, zu Fissler, Zwilling, und in den „Mianshuidian“, den Duty-Free-Laden. Alles schön und gut, aber: „Wo kriege ich Ledergürtel?“, fragt Zhou. „Bei Galeria Kaufhof“, antwortet der Reiseleiter: „Ihr habt eine Stunde Zeit.“ Also Kaufhof. 60 Minuten, die Zeit läuft.

          Wenn chinesische Reisegruppen auf Europa-Tournee in der Mainmetropole Shopping-Station machen, bleibt meist nicht viel Zeit für Besinnung und Müßiggang. Elf Länder in fünfzehn Tagen sieht Zhous Reiseplan vor. 51 Minuten vor Ablauf der Shopping-Zeit hastet er mit rund zwanzig Landsleuten aus der südchinesischen Stadt Kanton Richtung Hauptwache. Im Erdgeschoss von Kaufhof informiert der Etagenplan auf Chinesisch darüber, dass die „Herren-Welt“ im dritten Obergeschoss liegt. Also drittes Geschoss.

          Ledergürtel sucht er

          Immer mehr Chinesen kommen nach Frankfurt. Längst ist das aufstrebende Reich der Mitte nicht mehr nur Reiseziel polyglotter Westler. Es spült auch seine kaufkräftige und reisefreudige Mittelschicht in alle Winkel der Welt, in Frankfurt etwa auf Einkaufsstraßen wie die Goethestraße oder die Berliner Straße. Die chinesische Touristen-Welle in Zahlen: Rund 180400 Nächte verbrachten Chinesen 2012 in Frankfurt - im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Zuwachs von 22 Prozent. Die Stadt am Main ist für Chinesen das beliebteste deutsche Shopping-Ziel. Als Reisende aus einem Nicht-EU-Staat können sie in Deutschland mehrwertsteuerfrei einkaufen. 616 Euro gaben Chinesen 2012 im Durchschnitt pro Kopf in Frankfurt aus. Das geht aus einer Statistik von Global Blue hervor, einem Unternehmen, das Tax-Free- Einkäufe abwickelt. Insgesamt erwirtschaften chinesische Touristen mehr als die Hälfte des gesamten mehrwertsteuerfreien Umsatzes in Frankfurt.

          Auch Zhou hat sich heute vorgenommen, den Frankfurter Tax-Free-Umsatz zu steigern. 45 Minuten vor Ablauf der Shopping-Zeit gleitet der kleinwüchsige Chinese mit dem schwarzen Bürstenhaarschnitt auf der Rolltreppe aufwärts. Sein Blick durchforstet die Etagen nach Ledergürteln. Die Reisegruppe hat sich zerstreut; auf der Fahrt nach oben kommen Zhou bereits abwärtsfahrende Landsleute entgegen, die ihm lautstark zurufen, wo was zu bekommen sei. Seine Frau hakt sich entzückt bei ihm unter, als sie einen angeleinten Hund in der Menge entdeckt: „In Kanton sind Hunde in Kaufhäusern verboten.“

          Anspruchsvolle Geschäftsreisende

          Nach wie vor reisten Chinesen am liebsten in der Gruppe, sagt Annette Biener, Referentin für Auslandsmarketing der städtischen Vermarktungsgesellschaft Tourismus und Congress. Seit einigen Jahren kämen aber zudem vermehrt chinesische Individualreisende nach Frankfurt. „Es gibt einen neuen Typ chinesischer Touristen“, sagt Biener. Der neue chinesische Tourist habe im Ausland studiert, spreche Englisch, sei weltgewandt und anspruchsvoll.

          Als anspruchsvoll gelten auch chinesische Geschäftsreisende. Es sei schwierig, unter den chinesischen Frankfurtbesuchern Touristen und Geschäftsleute auseinanderzudividieren, sagt Biener. Die in Frankfurt ansässige Deutsche Zentrale für Tourismus geht im Jahr 2010 von 64 Prozent chinesischen Urlaubern und 34 Prozent Geschäftsreisenden bundesweit aus. Zwei Prozent der chinesischen Deutschlandreisenden besuchten laut der Marketingorganisation Verwandte und Bekannte.

          Danach nach Heidelberg

          18 Minuten vor Ablauf der Shopping-Zeit lehnt Zhou erschöpft an einem Regal mit Wollpullovern. Mit den Gürteln im dritten Stock war er nicht zufrieden gewesen. Es folgte eine Rolltreppen-Odyssee durch die Skylounge im siebten Stock, zu den Uhren im Erdgeschoss und abermals in die dritte Etage. Jetzt kann er nicht mehr. Zhou arbeitet für eine Renovierungsfirma. Für seine erste Europareise sparte er mehrere Jahre. Außer Shopping stand in Frankfurt noch die Paulskirche auf dem Programm. Auf die Frage, ob ihm die Stadt gefalle, antwortet seine Frau: „Die Luft ist gut. Und die Autos sind schön.“

          Während seine Frau zwischen Wollpullovern wühlt, versucht sich Zhou daran zu erinnern, wie die nächste Station seiner Europatour lautet. Schweiz? Österreich? Der herbeigerufene Reiseleiter hilft ihm auf die Sprünge: „Heidelberg“.

          Zahl der Touristen wird sich vervierfachen

          Nach einigen Atemzügen Pause taut Zhou auf. Wie viel man in Deutschland im Durchschnitt so verdiene? Und wie teuer eine Wohnung sei? Plötzlich legt sich sein Gesicht in Falten: „Und was hatte dieser Hitler eigentlich gegen Juden?“

          2010 reisten etwa 3,8 Millionen Chinesen nach Europa. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Z-Punkt und des Touristikanbieters Tui ist davon auszugehen, dass sich diese Zahl bis zum Jahr 2020 vervierfacht. Chinesischer Europatourismus sei ein Wachstumsmarkt und eine Geschäftschance für diejenigen, die chinesische Touristen verstehen und auf ihre Bedürfnisse eingehen können, schreiben die Verfasser der Studie.

          Anstrengendes Europa-Hopping

          Auf der Berliner Straße fühlt sich Zhou verstanden. In den Schaufenstern von Fissler, Zwilling und des Duty-Free-Shops prangen Werbung in chinesischen Schriftzeichen und Poster mit chinesischen Models, die Läden wimmeln von chinesischsprachigem Personal. Sechs Minuten vor Ablauf der Shopping-Zeit hat Zhou sein Ziel, sich einen Ledergürtel made in Germany zu kaufen, begraben. Nach einem letzten Foto am Liebfrauenberg hetzt er mit seiner Frau ins Chinarestaurant Jing Hai. Das Jing Hai ist zur Mittagszeit fest in chinesischer Hand. Man sieht keinen deutschen Gast. Vor der Tür tummeln sich Trauben von Chinesen, die rauchen und Visitenkarten austauschen. Drinnen sitzen sie dicht um runde Tische, heben mit Essstäbchen Huhn in ihre Schälchen und prosten sich lauthals zu.

          Das Europa-Hopping sei schon ein bisschen anstrengend, sagt Zhou auf der Schwelle des Jing Hai. „Aber es macht Spaß.“ Da tritt der Reiseleiter aus dem Restaurant und sammelt seine Gruppe ein. Also Heidelberg.

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