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Übernahmegespräche in Dreieich : Chinesen wollen Biotest

Ausbau: Biotest investiert bis Ende 2019 rund 250 Millionen Euro in die Spezialarznei-Produktion in Dreieich Bild: Wolfgang Eilmes

Investoren aus China sind in Rhein-Main weiter auf Einkaufstour. Neuestes Ziel ist der Spezialarznei-Hersteller Biotest. Die einen sehen Chancen - andere geißeln den angestrebten Kaufpreis.

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          Normalerweise geht das so: Ein Investor teilt die Bereitschaft zur Übernahme eines Unternehmens mit und nennt einen von ihm angestrebten Preis. Wenn der Übernahmekandidat an der Börse gehandelt wird, schießt dessen Aktie nach dem Angebot in der Regel in die Höhe. Denn gemeinhin liegt der Kaufpreis je Anteilsschein deutlich über dem Aktienkurs. Nicht so im Fall Biotest: In der Nacht zum Donnerstag teilte der in Dreieich ansässige Hersteller spezieller Arzneien aus Blutplasma mit, er spreche mit dem chinesischen Investor Creat über einen möglichen Zusammenschluss.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vorstand und Aufsichtsrat „begrüßen“ die Verhandlungen und sehen Chancen. Und die Biotest-Vorzugsaktie? Sie fiel um gut fünf Prozent. Heißt es doch, der angestrebte Angebotspreis betrage 19 Euro je Vorzugs- und 28,50 Euro je Stammaktie. Der Haken: Tags zuvor waren die Vorzüge mit 18,92 Euro aus dem Handel gegangen.

          Investitionen in unterschiedliche Branchen

          Angesichts dessen spricht Biotest-Kenner Thilo Müller, der die in Dreieich 1100 Mitarbeiter zählende Biotest AG schon seit Jahren als Fondsmanager von MBFund Advisory beobachtet und bewertet, von einem „indiskutablen“ Preis. „Die Chinesen haben nicht mehr genannt, als sie unbedingt mussten.“

          Dessen ungeachtet zeigt dieser Fall: Chinesische Investoren suchen auch in der Rhein-Main-Region nach weiteren, lohnenden Kaufgelegenheiten. Das bisher letzte Beispiel ist der Hunsrück-Flughafen Hahn, den die HNA Airport Group übernehmen möchte. Das Land Rheinland-Pfalz hat seine Anteile von 82,5 Prozent schon verkauft, Hessen will seine 17,5 Prozent am Hahn erst veräußern, wenn Unklarheiten nach einem Gesellschafterwechsel auf chinesischer Seite geklärt sind. Schon diese beiden Transaktionen zeigen: Investoren aus dem Riesenreich in Fernost blicken auf unterschiedliche Branchen, um ihr Geld unterzubringen.

          So erwarb der Mischkonzern Fosun im vergangenen Jahr die Frankfurter Privatbank Hauck&Aufhäuser und stieg zudem bei der deutschen Modemarke Tom Tailor ein. Inwieweit sich der vor wenigen Tagen nach dem Rücktritt des Unternehmensgründers bekanntgewordene Wechsel an der Fosun-Spitze auf die Privatbank auswirken wird, muss sich weisen. Vielleicht ist der Chefwechsel sogar günstig. Schließlich war der Fosun-Gründer im Dezember 2015 mehrere Tage lang nicht auffindbar gewesen und hatte Zweifel an seiner Zuverlässigkeit genährt.

          Chinesischer Konzern als Rettungsanker

          Der Maschinenbau als deutsche Kernbranche kennt auch schon chinesische Besitzer und Miteigentümer. Der Nutzfahrzeugbauer Weichai hält seit Jahren fast die Hälfte der Anteile am Wiesbadener Gabelstapler-Hersteller Kion. Dagegen scheiterte der Verkauf des Unternehmens Aixtron an Chinesen am Einspruch aus Übersee: Die Obama-Regierung legte ihr Veto aus Furcht ein, die Produkte dieses Spezialmaschinenbauers könnten auch für militärische Zwecke genutzt werden. Dagegen hatte der Aixtron-Vorstand die Übernahme durch staatlich kontrollierte Fonds aus Fernost befürwortet.

          Ein Gerücht blieb es 2016, Chinesen wollten Teile des aus der Hoechst AG hervorgegangenen und wie Kion in Wiesbaden ansässigen Kohlenstoff-Konzerns SGL Carbon kaufen. Bisher auch nicht über den Gerüchtestatus hinaus gekommen ist das Interesse eines Pharmakonzerns aus China an der Bad Vilbeler Stada AG, um die Finanzinvestoren werben. Zumindest als Rettungsanker scheint sich ein chinesischer Konzern für den gebeutelten Solar-Zulieferer Singulus aus Kahl zu erweisen.

          Angebotener Preis nur Startschuss

          Doch zurück zu Biotest und der Kritik am angestrebten Angebotspreis. Fondsmanager Müller weiß, der Konzern baut gerade seine Produktion am Stammsitz aus. „Die Chinesen bekommen das Neueste vom Neuen.“ 250 Millionen Euro steckt das im Kleinwerte-Index SDax gelistete Unternehmen in seine Anlagen. Biotest stellt dort Arzneien für Bluter und frisch Transplantierte her. Die Medikamente gelten für die Patienten als lebensnotwendig. Zudem hat Biotest laut Müller hochinteressante Produkte in der Forschung.

          Auf diesem Feld ist der potentielle Bieter Creat auch schon tätig. Wie es bei Biotest heißt, besitzt Creat den größten Blutplasma-Hersteller Chinas. Zudem kauften die Chinesen im vergangenen Mai für etwa eine Milliarde Euro den britischen Branchenvertreter Bio Products Laboratory. Derzeit gelten die Grifols aus Spanien und die amerikanischen Konzerne Baxter und CSL Behring als größte Spieler. Mit einem Kauf von Biotest könnte Creat sich dieser Liga annähern, wie es heißt. Doch müssen sie den Aktionären mehr bieten, vor allem der Gründerfamilie, die die Mehrheit der Stammaktien hält und bei Aktionärsversammlungen die Richtung bestimmt, wie Müller meint. Der in Rede stehende Preis ist aus seiner Sicht nur der Startschuss.

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