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Chilly Gonzales in Frankfurt : Monster im Hausmantel

  • -Aktualisiert am

Die Cellistin: Stella Le Page stört auch nicht weiter: Chilly Gonzales Bild: Carlos Bafile

Wohlklang und Rap, klassische Herrengarderobe und Hausmantel: Chilly Gonzales gibt mit Begleitung den betörenden Bösewicht in der Alten Oper.

          Nur seine Zugaben absolvierte der große Udo Jürgens stets im weißen Bademantel. Chilly Gonzales hingegen trägt im Rampenlicht stets Hausmantel zu braunen Hauspantoffeln. Darunter klassische Herrengarderobe in gedeckten Farben. In dieser Kostümierung verwandelt sich das als Jason Charles Beck im kanadischen Montreal geborene und aufgewachsene Multitalent in die Kunstfigur Chilly Gonzales. Für sein Pseudonym entschied sich der 46 Jahre alte Beck 1999 in der Fremde. Genauer gesagt in Berlin, als er sich selbst zum „President Of The Berlin Underground“ ausrief.

          Auch in der komplett bis auf den letzten Platz ausverkauften Alten Oper lässt der seit einigen Jahren in Köln beheimatete Beck seinem selbstgeschaffenen Ungeheuer Gonzales freien Lauf. Wenn er zumindest für die linke Saalhälfte mit dem Rücken zum Publikum am Flügel hantiert, um virtuos instrumental Neoklassisches zum Besten zu geben, erinnert er an den verarmten britischen Earl Victor Rhyall in der köstlichen Hollywood-Komödie „Vor Hausfreunden wird gewarnt“. Wegen finanzieller Engpässe muss der smarte Adelige alias Cary Grant darin die eigene Nobelbehausung mit sich selbst in der Rolle des Touristenführers zur Besichtigung freigeben.

          Chilly Gonzales hingegen führt zwei Stunden lang durch eine stilistisch höchst unterschiedliche Werkschau – inklusive gelegentlichen Bürstens der pomadisierten Haarpracht. Ein Unterfangen nicht ohne Haken und Ösen. Neigt der fiktive Charakter Gonzales doch zur Hinterhältigkeit, was sich unmittelbar in Gestik, Mimik und Wort Ausdruck verleiht. Etwa, wenn er zwischen Medleys aus seiner mittlerweile als Trilogie abgeschlossenen Albenreihe „Solo Piano“, die einen ob ihres überirdisch ätherischen Wohlklangs geradezu schweben lassen, wie ein römischer Imperator die rechte Hand hebt, um mit ein, zwei oder drei Fingern zu signalisieren, mit wie vielen Songs die Besucherschar noch rechnen darf. Oder aber er setzt gezielt Spitzen, wenn er in nahezu akzentfreiem Deutsch preisgibt: „Ab und an leiste ich mir ein Sabbatical Year – ohne Konzerte, Studioaufnahmen, Blitzlicht und Twitter. Vor allem aber ohne euch, Folks.“ Wie kollektiv vom Sadomasochismus ergriffen, lechzt das Publikum geradezu nach den Boshaftigkeiten.

          Zwischen dem gemeinen Gefrotzele bricht in Chilly Gonzales auch mal der Musikprofessor durch. Dann erläutert er und spielt vor, wie Bach sich in der Populärkultur niedergeschlagen hat: Etwa in Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, das er mit „Riecht wie Jugendliche“ übersetzt. Als weiteres Beispiel führt er „... Baby One More Time“ von Britney Spears an. Wenn Romantik zu sehr auf die Spitze getrieben wird, sagt er: „Das klingt wie Chopin vom Aldi.“ Nicht fehlen dürfen Querverweise an seine Alben auf Berliner Label Kitty-Yo als Elektro-Rapper Gonzales: Minutenlang fabuliert er über Rap, lässt ein Metronom den Takt vorgeben, demonstriert seine Reimfähigkeiten in beachtlicher Turbogeschwindigkeit. Sein Talent lässt er mal allein, dann mit Gesang spielen, mit Cellistin Stella Le Page oder auch im Trio mit Schlagzeuger Joe Flory. Selbst im Zugabenteil bricht das Monster Gonzales durch: „Was wollt ihr hören?“, fragt es scheinheilig, um dann keinen einzigen der Vorschläge aufzugreifen. Hach, der maliziöse Herr Gonzales macht halt, was er will.

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