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Chemieunfall in Frankfurt : „Betriebe nach Höchst verlegen“

Umgekippter Lastwagen: Feuerwehr Einsatz nach dem Chemieunfall im Industriepark Griesheim. Bild: Wolfgang Eilmes

Nach dem Salzsäureunfall im Industriepark Frankfurt-Griesheim wird die alte Forderung laut, Chemiebetriebe nach Höchst zu verlagern. Der Chef des Unternehmens glaubt nach seinen Worten aber nicht, dass jemand diese Idee ernsthaft verfolgt.

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          Thomas Schlimme hat die Sirenen sofort gehört. Ein auf- und abschwellender Ton, etwa eine Minute lang. Er riss ihn aus dem Schlaf. Schlimme stand auf, schaute nach, ob in seinem Haus alle Fenster geschlossen waren. Dann ging er nach oben in die Wohnung seiner noch schlafenden Mutter, die über Nacht gerne das Fenster geöffnet lässt. „Mir war sofort klar, dass das keine Übung ist, sondern etwas Ernstes“, sagt Schlimme. „Mit der Zeit nimmt man das eher gelassen hin. Aber mulmig zumute ist einem trotzdem.“

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          So wie Schlimme ging es vielen Griesheimern gestern Morgen. Gegen 4 Uhr ertönte der erste Alarm, zu diesem Zeitpunkt war noch unklar, was passiert war. Aber über Rundfunk und Twitter folgten nähere Informationen schnell. Aus einem Tankcontainer waren Salzsäuredämpfe ausgetreten.

          Kritische Betrachtung der Vorfälle

          Die Bevölkerung solle Fenster und Türen geschlossen halten, teilte die Feuerwehr mit. Weil unklar war, wie viel von der ätzenden Chemikalie schon in die Luft gelangt war, wurden die Stadtteile Griesheim und Nied schließlich komplett gesperrt. Autos durften nicht mehr hineinfahren, auch der öffentliche Nahverkehr musste eingestellt werden. Gegen 7 Uhr wurden die Sirenen abermals ausgelöst – auch deshalb, weil es in der Zwischenzeit Falschmeldungen gab, dass die Gefahr gebannt sei. „Dem ist nicht so“, sagte ein Feuerwehrsprecher am Morgen. „Der Alarm gilt nach wie vor.“

          Erst gegen 8 Uhr kam schließlich die Entwarnung. „Die letzten Messungen waren negativ“, twitterte die Feuerwehr. So ruhig und gelassen Schlimme solche Meldungen inzwischen aufnimmt, so besorgt ist er doch, was die Zukunft betrifft. Denn es war nicht der erste Vorfall dieser Art rund um das Chemie-Unternehmen Weylchem, das Vorprodukte für Pflanzenschutzmittel herstellt. Schon 2015 war es zu einem Vorfall in dem Werk gekommen. Das Ausmaß war ähnlich groß gewesen.

          „Schnüffler un' Maagucker“

          Nach dem Vorfall gestern könnte nun abermals eine Diskussion darüber aufkommen, ob der Industriepark in dem eng bebauten Stadtteil zu tolerieren ist. Schlimme ist nicht nur Griesheimer Bürger, er gehört für die Grünen dem Ortsbeirat an. Und als Politiker sagt er: „Wir müssen nun abermals darüber diskutieren, ob es ein so großes Chemiewerk in Griesheim überhaupt noch geben muss oder ob es nicht sinnvoller ist, das Unternehmen zieht in den Industriepark Höchst um.“ Laut Schlimme sind kritische Chemiebetriebe in Höchst besser aufgehoben, weil es dort ohnehin eine Vielzahl solcher Unternehmen und die nötige Infrastruktur gebe. „Eine Verlegung“, meint er, „würde Griesheim enorm aufwerten.“

          Der Grünen-Politiker nennt das geplante Gymnasium Nied, das wegen der Seveso-Richtlinie nicht an dem ursprünglich vorgesehenen Standort gebaut werden konnte. Zudem könnte sich Schlimme auch mehr Wohnungen in Griesheim vorstellen, wenn die Chemie-Unternehmen wegzögen. „Das hätte viele Vorteile.“

          Ähnlich hatte sich Schlimme im März als Sprecher der Bürgerinitiative „Schnüffler un’ Maagucker“ in einem Interview mit dieser Zeitung geäußert. Er trägt nun eine Idee weiter, die Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen) schon vor drei Jahren nach dem Unfall 2015 geäußert hatte. Heilig erntete umgehend Widerspruch von DGB, IG Metall und der Chemiegewerkschaft. „Wenn keine Wertschöpfung mehr stattfindet, ist das soziale Leben einer modernen Großstadt schnell am Ende“, gab der damalige Frankfurter DGB-Chef Harald Fiedler zu bedenken.

          Einsparungen oder Umzugskosten?

          „Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Idee ernsthaft erwogen wird“, sagt Weylchem-Geschäftsführer Rafael Reiser mit Blick auf eine denkbare Umsiedlung. Angesichts der von dem Unternehmen zu zahlenden Infrastrukturbeiträge für Ver- und Entsorgung hebt Reiser hervor: „Natürlich hätten wir in Höchst exorbitante Einsparungen, obwohl Höchst nicht günstig ist.“ Nur ließen sich die Chemieanlagen nicht einfach so umsiedeln. Sie müssten neu gebaut werden. Diese Investition beziffert er auf rund 200 Millionen Euro – bei einem Umsatz von 50 Millionen Euro am Standort, die Weylchem mit derzeit 125 Mitarbeitern erwirtschaftet. Reiser meint: „Das kann kein Mensch bezahlen.“

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          Zu bedenken ist noch, dass Weylchem 2016 eine sechs Millionen Euro teure Braunkohlestaub-Anlage zur Produktion von Dampf für Chemiekessel und Strom in Betrieb genommen hat. Zudem haben die Anlagen Bestandsschutz. Im Übrigen sieht die Stadt auf dem ehemaligen Hoechst-Gelände an der Stroofstraße ausdrücklich Industriebetriebe vor.

          Gleichwohl fühlt sich Weylchem nicht genügend unterstützt: „Wir haben den Eindruck, dass Chemie am Standort hier noch geduldet, aber nicht mehr gefördert wird“, sagt Reiser.

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