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Chemie- und Pharmabranche : Gleicher Lohn für gleiche Arbeit von Anbeginn

Fortschritt: Bei Merck in Hessen verdienen Leiharbeiter kaum weniger als Stammkräfte, wie es beim Konzern heißt. Bild: Merck

In der Chemie- und Pharmabranche sollen Zeitarbeiter von neuen Tarifverträgen profitieren. Der Arzneimittelhersteller Merck orientiert sich daran - Konkurrent Sanofi in Frankfurt-Höchst geht über die Vorgaben sogar hinaus.

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          Gewerkschaften fordern seit Jahren „equal pay“: Betriebe sollen Zeitarbeiter in ihren Reihen genauso entlohnen wie Stammkräfte - auch in der Rhein-Main-Region. Mittlerweile denkt auch Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt laut über diese Art der Gleichstellung nach: Zeitarbeit dürfe kein Instrument zur Reduktion der Arbeitskosten sein. Mehr als ein Appell ist das aber nicht. Zwar sehen die seit Spätherbst 2012 für Leiharbeiter geltenden Tarifverträge Branchenzuschläge vor - aber noch kein „equal pay“. Dessen ungeachtet sollten sie flächendeckend angewandt werden, fordert Hundt. Mehrere Arzneimittelhersteller aus dem Frankfurter Raum folgen seinem Aufruf, wie Nachfragen ergeben haben. Branchenvertreter Sanofi in Höchst geht aber noch einen Schritt weiter: Die deutsche Landesgesellschaft des französischen Konzerns zahlt gleiches Geld für gleiche Arbeit.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Sanofi-Aventis Deutschland GmbH hat mit dem Betriebsrat des Unternehmens eine entsprechende Übereinkunft abgeschlossen - ohne jedoch viel Aufhebens davon zu machen. Auch Betriebsratschef Michael Klippel erwähnt die Vereinbarung eher beiläufig. Allerdings haben die Arbeitnehmervertreter sehr zielstrebig auf diese mittlerweile in Kraft getretene Regelung hingearbeitet, wie er hervorhebt. „Wir hatten vor rund zwei Jahren mit dem Bundesarbeitgeberverband Chemie eine Verständigung über die Leiharbeiter zu erreichen versucht“, berichtet das Mitglied der Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie. Die Gewerkschaft habe eine Art Grundsatzpapier der Sozialpartner mit gemeinsamen Richtlinien angestrebt - allerdings vergebens.

          Finanziell besser gestellt

          Um doch noch zum Ziel zu kommen, habe sie den Kontakt zu den Vertretern der Zeitarbeitsfirmen gesucht, während der Betriebsrat von Sanofi im Industriepark Höchst mit dem Unternehmen verhandelt habe. Dabei sei das Interesse an einer Übereinkunft keineswegs einseitig gewesen. Denn die Geschäftsleitung habe signalisiert, in der Zukunft wieder mehr auf Leiharbeiter setzen zu wollen, um Produktionsspitzen abzufangen. Nachdem es zwischenzeitlich laut Klippel kaum noch Zeitarbeiter in den Betrieben gab, beschäftigt das Unternehmen derzeit eine niedrige zweistellige Zahl solcher Kräfte, wie ein Sprecher sagt. „Prozentual ist das verschwindend gering“, erläutert der Betriebsratschef. Insgesamt zählt Sanofi in Höchst etwa 7400 Beschäftigte.

          Klippel verhehlt nicht die Vorteile, die die „Equal pay“-Übereinkunft für die Zeitarbeiter hat: „Da stellen wir uns im Vergleich mit den Tarifverträgen für Leiharbeiter besser.“ Klippel belegt seine Worte mit Zahlen. Ein Angehöriger der ersten Entgeltstufe („Anlerntätigkeiten“) erhält nach dem für Hessen geltenden Chemie-Tarifvertrag 2282 Euro brutto, umgerechnet sind das gut 15 Euro je Stunde. Dagegen sieht der Zeitarbeitertarif anfangs 8,19 Euro je Stunde vor. Dabei bleibt es zwar nicht: Nach der sechsten Woche im Betrieb steigt der Stundenlohn auf 9,42 Euro, vom dritten Monat an erhält der Zeitarbeiter 9,83 Euro und nach dem neunten Monat 12,29 Euro, wie es beim Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen heißt. Bis zu den etwa 14 Euro je Stunde nach dem Chemie-Tarif bleibt jedoch eine merkliche Lücke. „Der Branchentarif für Zeitarbeiter ist der Versuch, in Richtung ,equal pay‘ zu gehen“, meint Klippel.

          Die Zahl der Leiharbeiter schwanke deutlich

          Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, verteidigt die im vergangenen Jahr vereinbarten Zeitarbeitertarife und die Branchenzuschläge. Denn diese Tarifverträge zielten darauf ab, Zeitarbeiter einmal in die Stammbelegschaft zu übernehmen. Davon ist in der Sanofi-Vereinbarung zwar nicht ausdrücklich die Rede, eine Übernahme sei aber auch nicht ausgeschlossen, sagt Klippel.

          Die Stada Arzneimittel AG mit Sitz in Bad Vilbel entlohnt Leiharbeiter nach dem Zeitarbeitertarif, wie ein Sprecher sagt. Allerdings sei Zeitarbeit bei dem Hersteller von Nachahmerarzneien kein großes Thema. Weniger als fünf Prozent der Belegschaft seien Leiharbeiter - viele von ihnen seien aber länger als ein halbes Jahr bei Stada und würden entsprechend entlohnt. Die meisten von ihnen seien in der Verpackung und im Lager tätig.

          Auch die Merck KGaA orientiert sich an dem Tarifvertrag für die Zeitarbeitsbranche. „Die tatsächlichen Vergütungen der Leiharbeitnehmer unterscheiden sich mittlerweile nur noch marginal von den Monatsentgelten der Festangestellten“, heißt es am Sitz in Darmstadt. Die Zahl der Leiharbeiter schwanke deutlich. Derzeit beschäftigte der Hersteller von Arzneien und Spezialchemikalien etwa 120 solcher Kräfte. Sie würden in der Regel für Auftragsspitzen und für zeitlich befristete Projekte wie die Fertigung von Sonderchargen eingesetzt.

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