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Chefärztin Elke Jäger : „Krebs ist kein Todesurteil“

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Medizinische Wunder: Gibt es nicht jeden Tag, aber Elke Jäger hat schon einige erlebt. Bild: Wolfgang Eilmes

Obwohl sich bösartige Zellen ziemlich gut tarnen, erwartet die Chefärztin für Onkologie am Nordwestkrankenhaus ein „Feuerwerk“ an neuen Behandlungsmethoden. Elke Jäger über rothaarige Tumorzellen und Sport als Therapie.

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          Wie reagiere ich richtig, wenn mir ein Freund berichtet, dass er Krebs hat?

          Angemessen ist, das als sehr ernste Nachricht aufzunehmen. Wenn der Betroffene sehr mutlos ist, sollte man vermitteln, dass es zunächst darum geht, die Erkrankung richtig aufzuarbeiten und dass es sehr gute Behandlungsmöglichkeiten gibt, die den Schrecken der Chemotherapie verloren haben. Die Diagnose Krebs ist heute kein Todesurteil mehr.

          Und der wiederkehrende Krebs?

          Wenn Krebs nach einer Operation zurückkehrt und dann nicht mehr operabel ist, muss auch das kein zwingendes Todesurteil sein. Mit dem Arsenal der in den letzten Jahren neu entwickelten Medikamente sind heute Krankheiten gut behandelbar geworden, für die es noch vor fünf, sechs Jahren überhaupt keine Therapie-Option gab, zum Beispiel Nierenkrebs. Inzwischen haben wir etwa acht sehr gut wirkende Medikamente. Die Patienten werden in der Regel nicht geheilt, aber die Krankheit bleibt kontrollierbar, oft über viele Jahre.

          Und wenn der Krebs schon metastasiert?

          Das ist eine Variante des fortgeschrittenen Krankheitsstadiums, auch das ist eine Situation, die wir heute dank neu entwickelter Medikamente meist gut und langfristig behandeln können.

          Wenn man schon Krebs kriegen muss, welcher ist der am wenigsten bösartige?

          Die Auffassung dazu ändert sich. Vor zwanzig Jahren waren fast alle Krebsformen sehr schlimm, weil kaum Behandlungsmöglichkeiten für fortgeschrittene Stadien verfügbar waren. Heutzutage gibt es verfeinerte Operations- und Bestrahlungsverfahren und viele neue Medikamente. Gute Chancen haben zum Beispiel Patienten mit Prostatakrebs oder Brustkrebs, Krankheiten, die sich auch bei Vorliegen von Metastasen langfristig sehr gut behandeln lassen.

          Was alle Männer interessiert: Was sagt der PSA-Wert?

          Man denkt, der Wert zeige das Ausmaß der Krankheit an, das stimmt aber nicht. Zwar deutet ein sehr hoher PSA-Wert schon auf Prostatakrebs hin, aber ein Normalwert schließt die Erkrankung nicht aus.

          In Deutschland bekommt jährlich eine halbe Million Menschen die Diagnose Krebs. Könnten es weniger sein, wenn die Vorsorge ernster genommen würde?

          Ja. Vorsorge verhindert zwar nicht das Auftreten von Krebs, aber sie führt doch dazu, dass die Krankheit früher festgestellt wird und dann mit größerer Aussicht auf Heilung behandelbar ist. Das gilt besonders für Dickdarm-, für Brust- und für Lungenkrebs.

          Ist irgendwann eine Impfung gegen Krebs vorstellbar?

          Ja, mein Forschungsgebiet ist ja die Tumor-Immunologie. Das heißt, ich beschäftige mich seit zwanzig Jahren mit der Erforschung der Zusammenhänge zwischen Immunsystem und Krebs. In internationalen Forschungsprojekten haben wir gelernt, dass es Krebszellen gibt, die vom Immunsystem erkannt und attackiert werden. Damit ist vorstellbar, dass man einen Menschen gegen diese Krebs-Merkmale impfen, also das Immunsystem speziell sensibilisieren kann.

          Wie kamen Sie darauf?

          Wir hatten Anfang der achtziger Jahre eine Patientin, die an Schwarzem Hautkrebs erkrankt war und die auf die damals verfügbaren Medikamente nicht mehr ansprach. Von operierten Tumor-Metastasen wurden Zellkulturen angelegt, und man konnte sehen, dass die Tumorzellen von einer bestimmten Sorte Abwehrzellen der Patientin, den sogenannten T-Lymphozyten, zerstört wurden. Daraus schlossen wir, dass die Abwehrzelle an der Tumorzelle etwas erkennt, das sie als attackierenswert erscheinen lässt. So wurde in enger Kooperation mit Forschungsinstituten in Mainz, Brüssel und New York das erste menschliche Tumor-Antigen identifiziert. In der Folge konnten wir zeigen, dass etliche Krebsarten auf eine Impftherapie ansprechen oder langfristig stabil gehalten werden können. Außer dem Schwarzen Hautkrebs sind das auch der Nieren- und der Eierstockskrebs und bestimmte Formen des Lungenkrebses.

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