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Charlotte Link : Die Erfolgserzählerin

  • -Aktualisiert am

Ein Mann, ein Kind und drei Hunde gehören zu ihrer Familie: Charlotte Link mit Moritz. Bild: Röth, Frank

Was Charlotte Link schreibt, wird zum Bestseller, seit Jahren. Ihre Krimis spielen in Großbritannien, sie lebt in Wiesbaden ein grundsolides Leben.

          Manchmal, wenn es sehr gut gelaufen ist und sie ihr Tagespensum von zwei DIN-A4-Seiten schon vor der Zeit fertig hat, wenn sie mit ihnen sehr zufrieden ist und sonst nichts anderes ansteht, dann und nur dann belohnt sie sich. Mit einem Stadtbummel oder einem spontanen Treffen mit einer Freundin. Solche Boni sind allerdings äußerst selten. Weil Charlotte Link nicht zu vorschneller Selbstzufriedenheit neigt. Und weil sie, wenn sie meint, dass sie gut gearbeitet habe, dann meistens doch noch weitermacht. Und recherchiert. Oder ihr Material ordnet der noch einmal das schon Geschriebene durchgeht. Oder Briefe ihrer Fans beantwortet. Irgendwas ist immer, wenn man Schriftstellerin zu sein nicht nur als Berufung, sondern die Schriftstellerei auch als ganz ordentlichen Beruf begreift. Dann wartet man nicht auf dem Golfplatz oder am Pool darauf, dass die Muse mal vorbeischaut, sondern führt das Leben einer mittleren Angestellten.

          Jeden Tag, sagt Charlotte Link, fange sie um halb neun an und arbeite intensiv bis halb vier, „dann kommt meine Tochter aus der Schule“. Fünf Tage die Woche geht das so. Außer, es sind Schulferien oder die Autorin gibt ein Interview. So unglamourös, so diszipliniert und im Klammergriff der Routine schildert sie ihr Schriftstellerleben, als wäre Talent ein enorm hartleibiger Old-School-Arbeitgeber. Sie ruht sich nicht aus auf dem Ruhm, der mit 24 Bestsellern einhergeht und mit mehr als 20 Millionen verkauften Büchern, mit den zahlreichen Verfilmungen ihrer Stoffe und der ein XXL-Ruhekissen abgeben würde. Der Start in diese Karriere war nach Maßstäben der Branche grandios, seine Geschichte kursiert unter Nachwuchsautoren wie eine Art Goldgräberlegende: Mit 14 Jahren erste Prosaversuche, zwei Jahre später den ersten Roman angefangen, „Die schöne Helena“, ein historischer Stoff, der im England des 17. Jahrhunderts spielt. 800 Seiten werden es, bis sie das Manuskript dem Rowohlt-Verlag anbietet, der es um ein Drittel kürzt und das Buch herausbringt. Da ist Charlotte Link 19 und hat an der Christian-Wirth-Schule in Usingen gerade ihr Abitur gemacht. Das Buch wird ein Erfolg. „Ich war kein Shootingstar, auch wenn das manchmal rückblickend so gesehen wird“, sagt Link selbst, in kleinen Schritten sei der Erfolg gekommen, hart erarbeitet. Und überhaupt sei sie „eher der klassische Spätzünder“; unter dieser Überschrift erzählt sie ihre Version ihrer Geschichte.

          Link studiert Jura

          Die beginnt am 5. Oktober 1963, als sie in Frankfurt als älteste von zwei Töchtern eines Richters und der Schriftstellerin und Journalistin Almuth Link geboren wird. Sie ist ein pflegeleichtes Kind, später eine brave Jugendliche. Während andere Partys machten, ihren begriffsstutzigen Eltern auseinandersetzten, weshalb ein Leben ohne Bauchnabelpiercing nicht lohnenswert ist, sitzt Charlotte Link daheim in Frankfurt und liest und liest und liest. „Meine Eltern haben immer gesagt: ‚Leg doch mal das Buch weg, geh raus!“ Die Eltern mahnen, vor allem aber fördern sie die Interessen ihres Kindes. Bis heute verfolgt Almuth Link die Arbeit ihrer Tochter - „obwohl sie sonst nie Krimis liest“, sagt diese. Und ergänzt mit der für sie typischen Bescheidenheit: „Da sie ja keinen Vergleich hat, findet sie das immer toll und irrsinnig spannend.“ Auch der Vater, eher an Geschichte und an juristischer Fachliteratur interessiert, macht für seine Tochter eine liebevolle Ausnahme. „Meine Eltern werden da mit etwas konfrontiert, das sonst nicht zu ihrem Repertoire gehört, aber sie nehmen mit Hingabe und Stolz Anteil.“

          Trotz der elterlichen Unterstützung beim Schreiben und des großen Erfolgs mit den Resultaten - bald folgt auf „Die schöne Helena“ ein weiterer Historienroman - studiert Charlotte Link Jura. Erst in Frankfurt, dann in München. „Ich wollte Anwältin werden, ins Strafrecht gehen. Das hat mich interessiert.“ Damals lernt sie auch viel über jene Sollbruchstellen des Lebens, die sie später in ihren Romanen thematisiert: Wie man beinahe unbemerkt die Grenzen zwischen Gut und Böse passiert und dass zwischen Opfer und Täter manchmal nur ein paar unglückliche Zufälle liegen. Die Zukunftspläne der Jurastudentin Charlotte Link heißen feste Stelle, festes Gehalt, Sicherheit. Bis ihr der Bertelsmann-Verlag einen Vertrag über drei Bücher anbietet. „Da habe ich gemerkt, ich kann nicht mehr beides gleichzeitig, und habe mit dem Studium aufgehört.“

          Nach einer Führung durch einen Schlachtbetrieb wurde sie Vegetarierin

          Die Entscheidung, sagt sie, sei die schwerste ihres Lebens gewesen. Vor allem, weil sie eigentlich ein Mensch sei, der immer fertigstellt, was er beginnt. Sie ist aber auch ein Mensch, der, wenn er etwas versäumt hat, das ganz ordentlich nachholt. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass mir etwas fehlt: der Ausbruch, die Rebellion, ein Leben jenseits der Erwartungen.“ Mit 30 Jahren lässt sie es einmal richtig krachen. Sogar den Pubertäts-Programmpunkt Rauchen holt sie nach, plant einen Umzug nach Berlin. Sie ist schon auf dem Sprung, als sie bei einem Atelierfest einen Rechtsanwalt mit Kanzlei in Wiesbaden kennenlernt. Mit ihm, der aus einer anderen Verbindung einen mittlerweile erwachsenen Sohn hat, der elfjährigen Tochter und ihren drei Hunden lebt sie dort heute.

          Sie isst kein Fleisch, auch er ist Vegetarier, weniger aus grundsätzlich-ethischen Erwägungen, eher als Resultat eines Realitätsschocks. „Er hat aus beruflichen Gründen einmal eine Führung durch einen Schlachtbetrieb mitgemacht.“ Wie sie liebt auch er, ein leidenschaftlicher Segler, Großbritannien, wo all Romane Charlotte Links spielen und wohin das Paar so gern reist. Zum Vergnügen und für die Recherchen: Die Straßenbilder müssen aufgesaugt und dokumentiert werden, die die Hausfassaden, die Geschäfte, die Cottages, die Landschaften, die Busfahrpläne, alles, woraus später schreibend das Lokalkolorit entsteht.

          Ganz normale Menschen werden zu Verbrechern

          Vor dem Lektor ist immer ihr Mann ihr erster Leser. Dem Frieden daheim sei das nicht immer zuträglich, sagt Charlotte Link, lacht und erzählt, wie nützlich seine sehr praktischen Anregungen natürlich trotzdem seien. Zum Beispiel, als sich ihre Heldin in „Der Beobachter“ aus einer verschlossenen Holzhütte regelrecht herausschnitzen muss. „So kommt nie ein Mensch aus einer Holzhütte“, habe ihr Mann da gesagt. „Dann hat er mir minutiös skizziert, wie man das machen muss. Ich habe allerdings nicht alles übernommen. Es wäre sonst ein Buch über Holzarbeiten geworden.“ Krisenträchtig sei bisweilen auch ihre Pünktlichkeit. „Entgegen allen Klischees, dass Männer immer auf Frauen warten, stehe ich immer eine Viertelstunde früher an der Tür als der Rest der Familie.“ Sie sei überhaupt „ziemlich ungeduldig“, sagt sie dann, außer bei ihrer Arbeit.

          In ihren Romanen erzählt Link immer wieder davon, wie erschreckend einfach sich ganz normale Menschen in Verbrechen verstricken. Wie man das Beste will und das Schlimmste provoziert. Ihre Bücher sind deshalb keine Krimis im eigentlichen Sinn, sondern Kriminalromane. Auch weil die Frage nach der Schuld darin mindestens so vielschichtig ist wie die Suche nach dem Täter schwierig. „Mein Motiv zu schreiben ist, dass ich mich so sehr für Menschen interessiere, für das, was sie im Innersten bewegt, was sie zu dem treibt, was sie tun, und was sie letztlich in Situationen geraten lässt, in denen sie glauben, tun zu müssen, was sie tun.“

          Dass sie recht früh schon den Historienroman hinter sich gelassen hat und über den Gesellschaftsroman dann zum psychologischen Thriller kam, wurde ihr weder von ihrem Verlag noch von ihren Fans wirklich übelgenommen. „Letztlich kann man nur schreiben, wonach es einen drängt.“ Sie nimmt es heute gelassen, wenn ihr das Feuilleton so ausdauernd die Anerkennung verwehrt, als hätte man dort ein Gelübde abgelegt, an ihren Büchern Formelhaftigkeit kritisiert und dass man sie rasch vergesse. „Meinen beruflichen Weg hat das nicht beeinflusst“, sagt sie. Kritiken liest sie grundsätzlich nicht mehr. „Ich erhalte mir so meinen inneren Frieden.“ Und sollte der doch einmal gestört sein, „hilft es mir sehr, meine Hunde zu nehmen und ganz, ganz lang zu laufen“. Den Kopf freizubekommen, in der Natur gelinge ihr das immer, sagt sie. Dass sie sich im Tierschutz engagiert („Alle unsere Hunde sind ,Notfallhunde‘“), erwähnt sie fast nebenbei. Ihren Romanen merkt man nicht an, wie sehr ihr gerade dieses Thema am Herzen liegt. „Ich mag es selbst bei Büchern nicht gern, wenn man die Weltanschauung des Autors auf jeder dritten Seite unter die Nase gehalten bekommt.“ Von Botschaften hält sie sowieso nicht viel: „Ich will niemanden belehren, keine Vorschriften machen, ich will einfach Geschichten erzählen.“

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