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Kommentar : Anlass zur Beunruhigung

Bisher sind es Einzelfälle, in denen Menschen in Frankfurt wegen des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ gedroht wurde. Beunruhigend sind sie trotzdem. Die Parteien im Römer sind nun gefragt.

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          Es ist beunruhigend, auch wenn es Einzelfälle sind und es sich bisher nur um verbale Ausfälle handelt. Einem Kioskbesitzer in Frankfurt wird verdeutlicht, dass er besser keine Satirezeitschriften mehr verkaufe, die Mahnung erfolge nur einmal. Einem Zeitungsleser wird in der Straßenbahn seine Ausgabe der F.A.Z. zerfetzt, weil auf der Titelseite das Foto einer Frau zu sehen ist, die „Charlie Hebdo“ liest. Zum Abschied stößt der muslimische Mann mit marokkanischen Wurzeln eine Drohung aus.

          Besonders besorgniserregend ist, dass die Angreifer im öffentlichen Raum und vor Zeugen agieren. In der Straßenbahn, an einem Kiosk - sie scheinen sich ihrer Sache sicher zu sein und auch des Umstandes, dass ihnen keine Konsequenzen drohen. Auf die von Politikern vielbeschworene Zivilcourage zu bauen könnte sich als fahrlässig erweisen. Der Kollege, dem die Zeitung zerrissen wurde, nahm jedenfalls unter den anderen Fahrgästen keine Zeichen von Solidarität wahr.

          Nicht aus heiterem Himmel

          Die Beschwichtiger werden nun sagen, dass es in der aufgeheizten Atmosphäre nach den Attentaten von Paris und der anschließenden starken Präsenz von Karikaturen zu Gegenreaktionen kommen musste. Sie werden auch argumentieren, dass es sich überwiegend um junge Männer handele, die nun einmal ein erhöhtes Aggressivitätspotential hätten.

          Mag sein. Aber was derzeit zu erleben ist, kommt nicht aus heiterem Himmel. Man denke an den Übergriff auf ein Kunstwerk im „Portikus“ und auf die Bedrohung von westlich gekleideten muslimischen Mitarbeiterinnen in einem Jugendhaus im Gallus. In bestimmten islamischen Milieus wird eine Fremdheit gegenüber den Werten der hiesigen Gesellschaft geradezu ostentativ gepflegt.

          Die Spielregeln der Demokratie

          Manche Grundschullehrerin weiß zu berichten, dass ihr muslimische Väter grundsätzlich nicht die Hand geben und sie verächtlich behandeln. Die Leiterin einer Kindertagesstätte erzählte neulich von einem arabischen Vater, der zum Gespräch seine Frau als Dolmetscherin mitbringt. Dabei spricht er selbst perfekt Deutsch, möchte aber keinen direkten Austausch mit der Leiterin.

          Der Islam gehört zu Deutschland und erst recht zu Frankfurt. Das ist zunächst eine Feststellung. Es spricht auch nichts dagegen, sie wie Kanzlerin Angela Merkel zum Bekenntnis zu machen. Allerdings nur unter der Bedingung, dass die Spielregeln unserer säkularen Demokratie beachtet werden. Es wäre gut, wenn die Parteien auch im Römer das verstärkt einfordern würden, gerade jene aus dem linken Lager. Sie folgen aus dem Geist einer falsch verstandenen Toleranz zu oft noch ihren alten abwiegelnden Reflexen. Die Freiheit braucht jetzt Verteidiger.

          Matthias Alexander
          Redakteur im Feuilleton.

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