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Chaos-Campus oder verweigerte Planung : Eine große städtebauliche Chance

Visionär: Anstelle des gesprengten AfE-Turms könnten neue Türme entstehen Bild: dpa

Die Politik ist drauf und dran, eine der großen städtebaulichen Chancen in Frankfurt zu verspielen. Viele Hoffnungen wurden für das Uni-Areal in Bockenheim geweckt, doch es fehlt der Mut zu Entscheidungen. Am Ende wird wohl niemand zufrieden sein.

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          So langsam entsteht ein Bild vom Kulturcampus in Bockenheim. Es wird dem des alten Campus ziemlich ähnlich sein, viel ähnlicher, als noch vor einigen Jahren zu erwarten war. Das Philosophicum wird saniert und zum Wohnhaus umgebaut werden, das kann inzwischen als sicher gelten. Auch das Studierendenhaus steht unter Denkmalschutz und wird erhalten. Das gilt auch für den Jügelbau der Frankfurter Universität, der von seinem neuen Nutzer, dem Senckenberg-Museum, eine metallenes Dach verpasst bekommt.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Etwas mehr Wandel wird es zur Bockenheimer Warte und zur Senckenberganlage hin geben: Anstelle der neuen Mensa soll ein Neubau entstehen. Der größere Teil der Fläche wird jedoch in einen öffentlichen Platz samt Grünfläche verwandelt werden. Für den Nachfolgebau des Labsaals an der Ecke von Senckenberganlage und Bockenheimer Landstraße liegt der Architektenentwurf schon vor.

          Zugiger Platz, große Solitäre

          Die größte Unbekannte ist, was auf das Juridicum folgt. Doch selbst wenn dort Weltklassearchitektur entstünde, städtebaulich wäre mit ihr nichts mehr zu retten. Fest steht schon jetzt: Große Solitäre unterschiedlichster Architekturhaltungen werden sich um einen zugigen Platz gruppieren. Es ist, als würde eine längst überwunden geglaubte Stadtplanung Wiederauferstehung feiern.

          Wie konnte es so weit kommen? Als die Goethe-Universität vor etwa 15 Jahren beschloss, ihren Campus in Bockenheim aufzugeben und ins Westend umzuziehen, war die Euphorie noch groß. Ein beinahe 17 Hektar großes Areal in bester Lage würde frei werden - ein Traum für Stadtplaner. Ein städtebaulicher Wettbewerb, der 2003 entschieden wurde, ließ den beteiligten Büros große Freiheiten. Abgesehen von den historischen Gebäuden aus der Jahrhundertwende durften sie alles überplanen.

          Zubau: Der Wohnblock neben dem Bockenheimer Depot ist schon im Bau, rechts der Platzhalter für die Musikhochschule nebst Studiobühne Bilderstrecke

          Selbst die Siegerentwürfe wirkten allerdings sehr schematisch, doch es gab die Hoffnung, mit einer Überarbeitung etwas zu retten. Das Planungsamt machte sich an die Arbeit. Als es fast fertig war, wurden jedoch die Grundlagen verändert. Der damalige hessische Finanzminister Karlheinz Weimar (CDU) ließ sich für die Idee eines Kulturcampus gewinnen. Im Jahr 2010, kurz vor seinem Rücktritt, verkündete er, dass auf dem Areal der Universitäts- und Stadtbibliothek für die Musikhochschule ein Neubau entstehen solle. Auch Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) ließ sich für die Idee begeistern. Außer der Hochschule, die eine Einrichtung des Landes ist, sollten auch städtische Institutionen der Hochkultur - unter ihnen das Ensemble Modern, die Junge Deutsche Philharmonie und die Forsythe Company - ein gemeinsames Domizil auf dem Campus errichten.

          So groß war die Euphorie, dass kritische Stimmen, wer das alles bezahlen solle, kaum zu vernehmen waren. Dabei hatte der ursprüngliche Plan gelautet, aus dem Verkauf der Bockenheimer Grundstücke den Umzug der Universität ins Westend zumindest in Teilen zu finanzieren. Die Summe, auf die sich das Land als Verkäufer und die städtische Wohnungsgesellschaft ABG Holding als Käufer nach langwierigen Verhandlungen einigten, war aufgrund von Marktpreisen für eine Nutzung aus Büros, Läden und Wohnungen kalkuliert.

          Die kühne Ankündigung von Weimar und Roth befeuerte jedoch Hoffnungen von Bürgerinitiativen in Bockenheim, nun auch ihrerseits Wünsche für Nutzungen auf dem Areal äußern zu können. Das süffige Label vom Kulturcampus griffen sie dafür auf: Es sollte auch Raum für Stadtteilkultur entstehen, außerdem günstige Wohnungen. Kurz vor der Kommunalwahl im März 2011 wollte die schwarz-grüne Koalition Volkes Stimme nicht ungehört verhallen lassen und richtete eine Planungswerkstatt ein. An deren Ende stand ein sogenannter Konsensplan. Das Studierendenhaus sollte für kulturelle Zwecke zur Verfügung stehen, das Philosophicum, für das sich eine Genossenschaft interessiert, sollte möglichst erhalten und für eine Wohnnutzung hergerichtet werden. Auch viel Grün wurde vorgesehen.

          Wer finanziert schöne Ideen?

          Die Stadtverordneten akzeptierten die Vorschläge weitgehend und beauftragten das Stadtplanungsamt, sie in einen Bebauungsplanentwurf einzuarbeiten. Dieser wird derzeit im Stadtparlament und im Ortsbeirat diskutiert, nach der Offenlage wird er vermutlich noch im Laufe des Jahres zur Abstimmung gestellt werden.

          Der Bebauungsplanentwurf lässt Raum für alle Wünschen und Hoffnungen, die die Vertreter von Hochkultur und Stadtteilkultur hegen. Doch die entscheidenden Fragen sind nicht geklärt: Wer finanziert die schönen Ideen? Und was passiert mit den Flächen, falls die guten Absichten scheitern sollten?

          Was den Bau der Musikhochschule angeht, verweisen die Spitzen der schwarz-grünen Koalition im Römer an die Landespolitik. Bisher fehlt eine verbindliche Zusage aus Wiesbaden, einen Neubau der Musikhochschule zu finanzieren. Der Bau einer Studiobühne auf dem schmalen dreieckigen Grundstück südlich des Depots ist immerhin gesichert. Doch für ein neues Domizil der Musikhochschule müsste zunächst einmal die Universitätsbibliothek auf den Campus Westend ziehen. Einen Termin dafür gibt es bisher nicht.

          Verbindliche Aussagen notwendig

          Was das Philosophicum und das offene Haus der Kulturen angeht, scheuen sich vor allem die Politiker der Grünen vor einer Entscheidung. Die Genossenschaft, die das Philosophicum nutzen möchte, kann den Kaufpreis nicht aufbringen. Der ABG-Geschäftsführung ist es aber schon aus rechtlichen Gründen nicht erlaubt, den Preis zu senken. Eine Subventionierung durch die Stadt wäre ein heikler Präzedenzfall. Für die Sanierung des Studierendenhauses (7,5 Millionen) und die Miete (80.000 Euro im Monat) wiederum ist kein Etat vorhanden. Aus sich selbst heraus wird es sich aber kaum tragen.

          Die Situation ist einigermaßen verfahren und ziemlich absurd: Weil die Politik den Mut nicht aufgebracht hat, die Bürger vor überzogenen Erwartungen zu warnen, ist ein Bebauungsplan um Luftschlösser herum entstanden. Ein nicht unwahrscheinliches Szenario sieht daher folgendermaßen aus: Im Philosophicum werden Luxuswohnungen für Freunde minimalistischer Architektur entstehen, das Studierendenhaus wird notdürftig an gewerbliche Kunden vermietet, und anstelle des Juridicums entsteht ein 08/15-Bürohaus.

          Das alles ließe sich noch verhindern. Es müsste nur irgendjemand im Magistrat den Mut haben, sich für zuständig zu erklären, Entscheidungen zu fällen und die ganze Planung noch einmal zu überarbeiten. Im besten Falle fände sich gleichzeitig auch die Landesregierung bereit, verbindliche Aussagen für den Standort der Musikhochschule zu machen. Da sowohl in Frankfurt als auch in Wiesbaden Schwarz-Grün das Sagen hat, sollte das machbar sein. Eigentlich.

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