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Helmut Schwan (hs.)

Kommentar : Authentisch selbst demontiert

  • -Aktualisiert am

Soll in Haft: Ardi Goldman Bild: Helmut Fricke

Ardi Goldman wollte den Prozess um Korruption am Frankfurter Flughafen offensiv angehen. Nun stellt sich die Frage, ob er sich in der Hauptverhandlung nicht in weiten Teilen selbst demontiert hat.

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          Ob schon allein der Prozess, nicht erst ein Schuldspruch eine Existenz gefährden kann, ist eine Frage, die Richter umtreibt. Die Folgen, die ein Verfahren über das eigentliche Urteil hinaus für den Angeklagten zeitigt, muss nach dem Gesetz beim Strafmaß berücksichtigt werden.

          Der Frankfurter Investor Ardi Goldman, gestern wegen Bestechung verurteilt, hatte in seinem letzten Wort das Gericht darum gebeten, es möge nicht vollends zerstören, was er in 25 Jahren aufgebaut habe. Geldgeber seien, seitdem die Ermittlungen gegen seinen Mandanten publik wurden, kaum mehr bereit, Vorhaben zu finanzieren, berichtete sein Anwalt. Die Unschuldsvermutung, so hoch sie gehalten werden soll, feit einen im wirtschaftlichen Verkehr nicht davor, dass Geschäftspartner schon lange vor einem rechtskräftigen Urteil auf Distanz gehen.

          Goldman wollte den Prozess offensiv angehen, verzichtete darauf, dass wie bei den anderen Angeklagten Fotos von ihm verpixelt werden mussten, und gab anfangs fröhlich und stets mit neuem Hut seine Unschuld kund. Seit gestern stellt sich verstärkt die Frage, ob Goldman sich in der Hauptverhandlung vor dem Frankfurter Landgericht nicht in weiten Teilen selbst demontiert hat. Die demonstrative Authentizität, das Pathos, das dem zuvor als schillernd und kreativ einsortierten Projektentwickler nie fremd war, wandelte sich, je länger der Prozess dauerte und sich für ihn die Beweislage verschlechterte, in Aggressivität und Verbissenheit bis hin zu Diffamierungen.

          Auch wenn einem Angeklagten zuzubilligen ist, sich mit allen Kräften zu verteidigen und nicht gegen die eigene Überzeugung gestehen zu müssen: Klug hat sich Goldman vor Gericht nicht verhalten, souverän schon gar nicht. Irgendwann ließ er sich nicht mehr einfangen. Jetzt ist Zeit, sich zu besinnen.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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