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Cap-markt : Mitarbeiter mit Behinderung erwünscht

  • -Aktualisiert am

Ohne Gedrängel: Im Cap-Markt in Pfungstadt herrscht weniger Hektik als sonst an der Supermarktkasse. Bild: Wohlfahrt, Rainer

In Supermärkten der Marke „Cap“ werden Menschen mit Behinderungen auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet.

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          In diesem Supermarkt drängeln und schieben die Kunden nicht, vielmehr warten sie geduldig an der Kasse, bis der Verkäufer Alex Schwarz die Waren über den Scanner zieht. Nur auf den ersten Blick scheint der Cap-Markt ein Supermarkt wie jeder andere zu sein. Hier rührt die Langsamkeit daher, dass der junge Mann geistig behindert ist. Mit ihm arbeiten noch Kollegen mit psychischen Krankheiten oder geistigen Behinderungen, zudem die Marktleiterin, ihre Stellvertretung und eine Einzelhandelskauffrau in dem Markt. Die Kunden aber stört das offenbar nicht, und die Zahl der Neueröffnungen von Cap-Märkten zeigt, wie erfolgreich das Konzept ist. Der Name kommt vom englischen Wort „Handicap“ und deutet auf die Behinderung hin.

          Die Behinderten sollen eines Tages auf dem ersten Arbeitsmarkt unterkommen. So lautet das Ziel dieser Supermärkte. Sie sind nach dem Prinzip des „Social Franchising“ organisiert: Franchisegeber ist die Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Süd in Sindelfingen. Sie übernimmt die zentralen Aufgaben wie den Kontakt zum Lieferanten Edeka, macht Analysen zu möglichen Standorten und beschafft die Dienstkleidung mit dem grün-roten Logo. Die Franchisenehmer, die der Genossenschaft Lizenzgebühren zahlen, sind lokale Träger: entweder ein Integrationsbetrieb, eine Behindertenwerkstatt oder eine Kombination aus beidem. Bundesweit gibt es 93 Filialen mit 1272 Beschäftigten. Davon haben 713 Menschen eine Behinderung.

          Angestellte bekommen Tariflohn

          „Im Markt wird es nie langweilig, es gibt immer neue Arbeiten“, sagt Schwarz, der vorher in der Behindertenwerkstatt Hainbachtal in Offenbach gearbeitet hat und seit der Eröffnung des Cap-Marktes vor fünf Jahren zum Team in Obertshausen gehört. Es sind auch die Werkstätten Hainbachtal gGmbH, die den 780 Quadratmeter großen, mit 9600 Produkten gefüllten Markt in Obertshausen betreiben. Die geistig behinderten Menschen, darunter eine Frau mit Down-Syndrom, ein Autist, aber auch Menschen mit Lernschwäche, werden individuell geschult, damit sie an der Kasse sitzen oder Regale einräumen können. Alternative wäre, dass sie in der Werkstatt eintönige Montagearbeiten verrichten müssten. Hier erhalten sie den üblichen Werkstattlohn vom Landeswohlfahrtsverband Hessen. Dazu kommt ein Schichtzuschlag

          Werden die Märkte als Integrationsbetrieb geführt, bekommen die dort Angestellten einen Tariflohn. Wie im Cap-Markt in Mainz-Weisenau. Dort bezahlt der Träger, die Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen in Mainz, die 17 Mitarbeiter. Ein Zuschuss kommt von der Ausgleichsabgabe, die Unternehmen entrichten müssen, bei denen der Anteil der Mitarbeiter mit Behinderungen geringer ist als die gesetzlich geforderten fünf Prozent. Die Abgabe kann im Monat bis zu 260 Euro für jeden fehlenden Arbeitsplatz betragen.

          Kein Nahversorger mehr

          Obwohl die von einer Werkstatt betriebenen Märkte die Entlohnung nicht erwirtschaften, müssen sie dennoch wirtschaftlich arbeiten. „Ziel ist die schwarze Null“, sagt Thomas Heckmann, der Projektleiter in Sindelfingen. Der Umsatz stimmt sowohl in Obertshausen als auch in Weisenau, was daran liegen mag, dass Konkurrenz in unmittelbarer Nähe fehlt. Die erste Filiale, die 1999 bei Stuttgart eröffnet worden sei, habe gezeigt, dass das Konzept, die Filialen besonders für ältere Bewohner in, was Einkaufsmöglichkeiten anbelangt, unterversorgten Stadtteilen einzurichten, aufgehe, sagt Heckmann. Deshalb siedelten die Märkte abseits der Einkaufszentren an. Oft sind Alten- oder Behindertenheime in der Nähe.

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