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Cannabis als Medikament : Ein Joint macht die Muskeln locker

  • -Aktualisiert am

Fahnenträgerin: Ihr Liegerad nutzt Ingrid Wunn auch als Werbefläche für ihr politisches Anliegen. Bild: Eilmes, Wolfgang

Ingrid Wunn nutzt Cannabis, um die Folgen einer unheilbaren Krankheit zu lindern. Ihr Arzt findet das gut. Sie selbst setzt sich für eine generelle Freigabe des berauschenden Krauts ein.

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          Wenn Ingrid Wunn wieder einmal gegen eine Tür gelaufen ist, dann weiß sie, dass es Zeit ist für ihre „Medizin“. Ihre Beine machen nicht immer, was sie will, die Zweiundfünfzigjährige hat große Probleme mit dem Gleichgewicht. Besonders schlimm ist es, wenn sie längere Zeit gesessen hat. Ihre Krankheit, eine Mischung aus multipler Sklerose und Parkinson, lässt dann ihre Muskeln ganz steif werden. Wunns Gegenmittel: Joints, Haschkekse und Cannabis aus dem Verdampfer. „Das macht meine Muskeln locker“, sagt sie.

          Zehn bis 30 Minuten dauert es, bis das Kraut seine Wirkung entfaltet. Andere Medikamente nimmt Wunn nicht mehr gegen ihre Krankheit, die Ärzte vor mehr als 30 Jahren diagnostizierten. Eine mögliche Ursache für ihr Pseudo-Parkinson genanntes Leiden sind Tabletten, die sie als Jugendliche nehmen sollte. Das macht sie skeptisch gegenüber Medizin, die sie statt der illegalen Droge nehmen könnte. „Ich bin doch kein Versuchskaninchen.“ Ihr Arzt versteht das. Cannabis hält er in ihrem Fall für besser als andere Medikamente, die gegen die Gleichgewichtsstörungen helfen könnten. Die Blüten belasten nicht die Nieren, und Wunn fühlt sich besser, wenn sie sie zu sich genommen hat.

          Apotheken bekommen Droge aus Holland

          Dass die Droge Leiden lindern kann, ist mittlerweile weithin anerkannt. Auch wenn das Betäubungsmittelgesetz den Anbau, Besitz und Handel unter Strafe stellt, gibt es Patienten, die Cannabis in der Apotheke erwerben dürfen. Etwas mehr als 200 Ausnahmegenehmigungen hat das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte nach eigenen Angaben erteilt. Etwa doppelt so viele Anträge seien in der Behörde bisher eingegangen, sagt ein Sprecher des Amts, das seinen Sitz in Bonn hat. „Unsere Ärzte prüfen vor allem, ob es andere mögliche Therapien für die Patienten gibt.“ Ist dies nicht der Fall, dürfen sie künftig Cannabis legal kaufen.

          Zusammen mit ihrem Antrag reichen die Patienten Gutachten ihrer Ärzte ein und die Absichtserklärung einer Apotheke, das Cannabis zu importieren. Dafür braucht auch sie eine Genehmigung. Meist stammt die Droge aus Holland, wo die Cannabis-Pflanzen unter kontrollierten Bedingungen gezüchtet werden.

          Legales Haschisch in Frankfurt diskutiert

          Ingrid Wunn ist den Weg durch diese Bürokratie bisher nicht gegangen. Und selbst wenn sie eine Sondergenehmigung hätte: In der Apotheke sei das Cannabis viel teurer als beim Dealer um die Ecke, sagt sie. Und die wenigsten Kassen übernehmen die Kosten für das Medikament. Zehn bis 15 Gramm brauche sie ungefähr in der Woche, sagt Wunn. Sieben bis neun Euro koste das Kraut auf dem Schwarzmarkt.

          Die studierte Sozialarbeiterin arbeitet zwei- bis dreimal wöchentlich in einem Nachbarschaftsbüro in Ginnheim. Seit 2006 sitzt sie für die Linkspartei im Ortsbeirat, obwohl ihr das Sprechen wegen ihrer Krankheit schwerer fällt als anderen. Dass die Stadtpolitik nun wieder über die Freigabe von Cannabis diskutiert, hat viel mit Wunns Engagement zu tun. Ihr Ziel ist es nicht nur, dass Patienten einfacher an cannabishaltige Medikamente kommen können. Sie tritt insgesamt für die legale Ausgabe von Haschisch ein. Ginge es nach ihr, würden in Frankfurt „Cannabis Social Clubs“ eröffnen, in denen die Droge legal zu erwerben wäre. Zudem könnte es dort nach ihren Vorstellungen Beratung und Aufklärung geben.

          Ziel: Einstiegsalter zu erhöhen

          Als abhängig will sich Wunn nicht bezeichnen. In der Regel nehme sie kleinere Mengen zu sich, um die medizinische, nicht aber die psychoaktive Wirkung des Rauschmittels zu spüren. Sich hin und wieder einen stärkeren Joint anzuzünden, um ins Philosophieren zu kommen, wie sie es nennt, lässt sie sich aber nicht nehmen. „Cannabis ist kein Wundermittel, aber man kann damit viel erreichen“, findet sie.

          Mit dieser Meinung ist Wunn nicht allein. Längst ist eine ansehnliche Koalition entstanden, die dafür eintritt, Cannabis auf die ein oder andere Weise zu legalisieren. Manche Kriminalisten sprechen sich dafür aus, weil kleine Vergehen gegen das Cannabis-Verbot zwar viel Arbeit verursachen, aber kaum Strafen nach sich ziehen. Zu den Befürwortern einer Freigabe zählen auch Mitarbeiter der Drogenhilfe wie Jürgen Klee. Sein Ziel ist es, die Stadt zu überzeugen, in Pilotprojekten zu testen, wie sich die kontrollierte Abgabe auf den Schwarzmarkt auswirken würde. Auch solche Ausnahmen müsste das Bonner Bundesinstitut erlauben. „Das Ziel muss immer sein, das Einstiegsalter zu erhöhen“, sagt der Mitarbeiter der Aids-Hilfe. Er weiß aus seiner Arbeit, dass Cannabis Psychosen und Konzentrationsprobleme auslösen kann. Würde das Cannabis kontrolliert verkauft, hätten es Jugendliche schwerer, an die Droge zu gelangen.

          Wunn und Klee setzen einige Hoffnung in eine Fachkonferenz, die Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen) noch für dieses Jahr angekündigt hat. „Es ist gut, über das Thema rational zu diskutieren“, meint Klee. Über die Pflanze an sich sei aber eigentlich alles bekannt, nicht nur aus medizinischer Sicht.

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