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Cannabis-Konsum : Legal, illegal - nicht egal

  • -Aktualisiert am

„Prohibition verursacht Probleme, die es im Fall einer Freigabe nicht gäbe“: Der Soziologe Heino Stöver will den Konsum von Cannabis legalisieren. Bild: dpa

Süchtige nicht nur als Kriminelle, sondern als Kranke betrachten: Der Frankfurter Soziologe Heino Stöver will Kiffer entkriminalisieren. Er gehört zu den Pionieren der Drogenhilfe.

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          Nein, Heino Stöver sitzt tagsüber nicht mit seinen Mitarbeitern im Büro und lässt den Joint kreisen. Und selbst zu Weihnachten ist der Konsum von Haschkeksen im Institut für Suchtforschung nicht an der Tagesordnung. Dabei könnte man meinen, dass der Soziologieprofessor von der Frankfurt University of Applied Sciences in eigenem Interesse spricht, wenn er eine Legalisierung von Cannabis fordert. Doch nach eigenen Worten hat Stöver damit nur das Wohl der Suchtkranken im Sinn. Das Rauschgift freigeben und damit den Süchtigen helfen? Für den 58 Jahre alten Professor ist das kein Widerspruch, sondern logische Konsequenz aus seinen Erfahrungen.

          Stöver ist einer der Pioniere der Drogenhilfe, die Süchtige nicht nur als Kriminelle, sondern als Kranke betrachtet. Anfang der achtziger Jahre, als Drogenpolitik vor allem aus Polizeiarbeit bestand, begann er in Bremen, nach pragmatischen Lösungen für Junkies zu suchen. Mit einer Art Guerrilla-Taktik schufen er und seine Mitstreiter Fakten, etwa als sie auf Bürgersteigen Spritzenautomaten aufstellten und Konsumräume einrichteten, während längst noch nicht klar war, ob das legal ist.

          „Prohibition verursacht Probleme“

          Das hatte zum Ziel, die Begleiterscheinungen des Drogenkonsums zu minimieren, im Fall von Heroin ging es darum, Infektionen zu vermeiden. Und da schließt sich für Stöver der Kreis zum Cannabis: „Die Prohibition verursacht Probleme, die es im Fall einer Freigabe nicht gäbe“, meint er. Dazu gehören aus seiner Sicht der unkontrollierte Schwarzmarkt, vermeidbare Gesundheitsrisiken und die Beschaffungskriminalität. Drogenhelfer müssten sich deshalb oft durch ein Dickicht von Nebenwirkungen kämpfen, bevor sie die eigentliche Sucht bearbeiten könnten.

          Fordert mehr Pragmatismus in der Drogenpolitik: Heino Stöver von der FH Frankfurt
          Fordert mehr Pragmatismus in der Drogenpolitik: Heino Stöver von der FH Frankfurt : Bild: privat

          Dass Drogen, werden sie nun im Volksmund als „hart“ oder „weich“ bezeichnet, gewaltige Schäden verursachen können, muss Stöver niemand erklären. Der Professor mit der stets etwas heiseren Stimme, dem norddeutschen Akzent und den wild abstehenden Haaren kennt sich so gut damit aus, dass er vom Sommersemester an einen neuen Masterstudiengang anbietet. Berufsbegleitend können sich dann Sozialarbeiter an der Frankfurt University of Applied Sciences zum Thema „Suchttherapie und Sozialmanagement in der Suchthilfe“ weiterbilden lassen. Die Absolventen sollen bereit sein für Führungspositionen in diesem Feld.

          Stöver organisierte Fachtagung mit

          Als Stöver als Drogenhelfer anfing, hätte er sich eine solche Entwicklung nicht träumen lassen. Erst mit dem Aufkommen von HIV-Infektionen wegen unsauberer Spritzen kamen Sinneswandel, Aufmerksamkeit und Geld für die Arbeit mit Junkies. In die Debatte über eine Haschisch-Freigabe hat die Entwicklung anderer Länder, vor allem in den Vereinigten Staaten, Bewegung gebracht. „Phänomenal“ nennt Stöver die Ankündigung von Frankfurts Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen), einen Modellversuch für die kontrollierte Cannabis-Abgabe zu prüfen.

          Der Soziologe hat seinen Anteil an diesem Prozess. Die Fachtagung, auf der Heilig diesen Schritt verkündete, hatte Stöver mitorganisiert. Ohnehin ist er ein gefragter Gesprächspartner der Politik. Denn während Stadträte und Drogenbeauftragte alle paar Jahre wechseln, ist sein Interesse am Thema von Dauer. Stöver gehört zu den Koryphäen auf diesem Gebiet, ein Aufruf von gut 100 Professoren, der das Cannabis-Verbot in Frage stellt, trägt beinahe selbstredend auch seine Unterschrift. Wäre Stöver ein berufsmäßiger Kiffer, würde er wohl kaum so viel Beharrlichkeit aufbringen.

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