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Cannabis-Freigabe in Wiesbaden : Suchthelfer sieht Risiken

Legal oder nicht legal? Diese Frage diskutiert nun auch Wiesbaden, wenn es um eine Cannabis-Freigabe geht. Bild: dpa

Auch in Wiesbaden diskutieren Fachleute über eine Cannabis-Freigabe - und das kontrovers. Suchthelfer sagen, die Zahl der Cannabis-Abhängigen steigt. In ihrem Arbeitsalltag sehen sie, dass die Droge „nicht so harmlos ist“.

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          Die in Frankfurt und im Landtag aufgekommene Debatte über eine Freigabe von Cannabis sorgt auch unter Fachleuten in Wiesbaden für kontroverse Debatten. Die Meinungen seiner zwanzig Mitarbeiter seien differenziert und zum Teil gegensätzlich, berichtet der Leiter des dortigen Suchthilfezentrums, Cetin Upcin. Er macht aber kein Hehl daraus, dass er persönlich der Forderung nach einer Liberalisierung des Betäubungsmittelgesetzes skeptisch gegenübersteht.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Bestraft werden gegenwärtig der Besitz und der Handel mit Cannabis. Es enthält psychoaktive Wirkstoffe, die als Haschisch oder Marihuana konsumiert werden. Zweifel an der Effektivität des Verbots kommen vor allem aus den Reihen der Polizei und von Strafrechtlern. Die Strafverfolgung sei nicht nur wirkungslos, sondern mit einer überbordenden Bürokratie verbunden, lautet eines der Argumente.

          Mehr Cannabis-Abhängige

          Diese Bedenken stoßen vor allem unter den Grünen auf große Resonanz. In Frankfurt spricht sich die Grünen-Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig für einen Modellversuch mit anderen Großstädten aus. Sie verspricht sich davon, wie die SPD-Fraktion im Rathaus Römer, mehr über den gesundheitlichen Nutzen von Cannabis und Auswirkungen auf den Jugendschutz zu erfahren. Die CDU lehnt solche Pläne ab. Sie fürchtet, es würde ein falsches Signal an Kinder und Jugendliche senden, die Droge zu legalisieren.

          Suchthelfer berichten davon, dass die Zahl der Klienten mit Cannabis-Abhängigkeiten seit Jahren steige. Nach den Worten des Sozialarbeiters Upcin konsumiert etwa ein Fünftel der Suchtkranken, die in seiner Wiesbadener Beratungsstelle betreut werden, Cannabis. Das entspricht dem hessischen Schnitt. Die meisten der Klienten sind älter als zwanzig und jünger als fünfzig Jahre und haben körperliche oder seelische Schwierigkeiten.

          „Alles nicht so harmlos“

          „Zu uns kommen nicht die Leute, die alle vier Wochen mal einen Joint rauchen“, konstatiert Upcin. Er habe es mit Menschen zu tun, die seit Jahren Cannabis konsumierten und dabei psychisch erkrankt seien. Viele hätten keine Ausbildung und fänden keine Stelle. Es hänge mit dem Konsum von Cannabis zusammen, wenn sie zu Terminen bei Behörden oder potentiellen Arbeitgebern nicht erschienen. „Das ist alles nicht so harmlos.“ Im Übrigen zeigten auch die Erfahrungen der Niederlande, dass kleine Hürden in Gesetzesform nicht falsch seien. „Ich weiß nicht, ob wir uns mit einer Liberalisierung einen Gefallen tun würden“, sagt Upcin, der seit 17Jahren in der Szene arbeitet.

          Im Wiesbadener Suchthilfezentrum suchen im Jahr rund tausend Jugendliche und Erwachsene den Rat von Experten. Hinzu kommen die „aufsuchende Sozialarbeit“ und die Prävention. Außerdem werden knapp 500 Abhängige betreut, die regelmäßig Opiat-Ersatzmittel wie beispielsweise Methadon bekommen.

          In Wiesbaden sind 14 Ärzte für die Behandlung zugelassen. Es gelten strenge gesetzliche Bestimmungen und Richtlinien der Bundesärztekammer. Die Apotheken geben die Ersatzstoffe aus. Die sozialtherapeutische Betreuung übernimmt das Suchthilfezentrum. Dessen Arbeit schlägt im Jahr mit einer halben Million Euro zu Buche. Den bei weitem größten Teil übernimmt die Stadt Wiesbaden. Hinzu kommen Zuschüsse anderer Einrichtungen – dazu gehören das Bistum Limburg, das Land Hessen und der Sozialfonds der Europäischen Union.

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