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Cannabis-Freigabe : Jetzt bloß nicht das L-Wort sagen

  • Aktualisiert am

Kiffen soll wieder cool sein - das berichten Jugendhelfer. Bild: Reuters

Die Befürworter einer Cannabis-Freigabe haben in Frankfurt die Diskussion fest im Griff. Doch von der schwarz-grünen Stadtregierung ist kein großer Wurf zu erwarten. Sie feiert sich lieber für kleine Schritte.

          „Lukas“ hat da mal eine Frage zu Drogentests: Wie das denn sei mit dem Passivrauchen, will er wissen. Hinterlasse es Rückstände in den Haaren, wenn er öfter mal Cannabis-Rauch einatme? „Oder ist generell passives Einatmen von Canabis in keiner Weise nachweisbar?“ Vielleicht hätte der Internetnutzer nachfragen sollen, ob Kiffen eine Rechtschreibschwäche auslöst, aber das ist ein anderes Thema. Das Team des elektronischen „Suchtbriefkastens“ im Frankfurter Gesundheitsamt jedenfalls weiß Rat. „Lukas“ wird es nicht gefreut haben, zu erfahren, dass sein Passivrauchen zu einem positiven Ergebnis führen kann. Spuren könnten sich im Urin, im Blut und in den Haaren finden, schreiben die Experten. Das Leben könnte so schön sein, gäbe es keine Drogentests.

          „Lukas“ ist nicht der Einzige, den dieser Gedanke beschleichen dürfte. Im „Suchtbriefkasten“ finden sich Dutzende ähnlicher Einträge, immer mit der Frage, wie lange eine bestimmte Droge noch nachweisbar ist. Oft geht es um Cannabis, um die Gefährlichkeit dieser Droge geht es hingegen selten. Insofern ist das Frage-Antwort-Spiel auf der Internetseite des Frankfurter Gesundheitsamts ein Spiegel der Verhältnisse. Das „Ob“ des Cannabis-Konsums spielt für viele keine Rolle, viel öfter geht es um das „Wie“ und um die Vereinbarkeit von Fahrerlaubnis und Entspannungs-Joint.

          Cannabiskonsum kann IQ schmälern

          Wer mit offenen Augen und aufmerksamer Nase durch die Stadt geht, hat ohnehin keinen Zweifel daran, dass Cannabis für einige so selbstverständlich zum Leben gehört wie für andere Zigaretten und eine Flasche Bier. Die Dealer an der Konstablerwache gehen ihren Geschäften in aller Seelenruhe nach, der Duft ihrer Arbeit liegt an vielen Orten in der Luft, selbst dort, wo es nicht gerade an Ordnungshütern mangelt, wie in den Fankurven der Fußballstadien. Für eine illegale Droge ist das schon erstaunlich.

          Kiffen ist wieder cool, berichten Jugendhelfer, fast so cool, wie es das Rauchen war, als der Marlboro-Mann noch im Fernsehen dabei zu beobachten war, wie er durch die Prärie ritt. Doch sei es bedauerlich, dabei zuzusehen, wie Jugendliche sich verändern, wenn sie es übertreiben mit dem süßen Kraut, berichtet die Mitarbeiterin eines Frankfurter Jugendhauses. Einmal davon abgesehen, dass die Droge vielen den Antrieb nimmt. Manche entwickelten Wahnvorstellungen, einer ihrer Besucher verlasse seine Wohnung nur noch mit einem Helm auf dem Kopf, um sich vor der Strahlung zu schützen, die ihn angeblich umgibt. „Dabei ist er eigentlich ein kluger Mensch.“ Vielleicht muss die Sozialarbeiterin bald sagen: „Er war ein kluger Mensch.“ Denn Studien haben ergeben, dass Cannabis den Jugendlichen nicht nur den Elan, sondern auch einige Punkte ihres Intelligenzquotienten aussaugen kann.

          „Weiche Drogen“ im Kommen

          Ein Arbeitsvermittler aus dem Jobcenter berichtet, dass Cannabis mittlerweile das Potential habe, Jugendliche nachhaltig vom Arbeitsmarkt fernzuhalten. Vor allem Kinder aus eher ungebildeten Elternhäusern hätten Probleme, von dem Stoff loszukommen. Glaubt man einer Studie der Frankfurter Goethe-Universität, setzt sich ein steigender Anteil der Jugendlichen diesem Risiko aus. Der Studie zufolge haben zuletzt gut 40 Prozent der Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen wenigstens einmal gekifft.

          So weit die Analyse. Aus der steigenden Beliebtheit der „weichen“ Droge Cannabis lassen sich verschiedene Schlüsse ziehen. In Frankfurt arbeiten besonders viele Fachleute, die der Meinung sind, dass es an der Zeit ist, über eine grundlegende Cannabis-Reform nachzudenken, soll heißen: Schritte in Richtung einer Freigabe zu machen. Der FH-Professor Heino Stöver vermeidet aber konsequent das Wort „Legalisierung“. Er spricht lieber von einer „Cannabis-Regulierung“. Klingt besser, meint aber letztlich das Gleiche. Nach Ansicht des Soziologen überlässt der Staat den Markt für Cannabis bisher kriminellen Banden, statt lenkend einzugreifen. Er gebe damit jeglichen Einfluss auf. Mit staatlichen, streng kontrollierten Verkaufsstellen könne dem Schwarzmarkt der Hahn abgedreht werden und Jugendlichen der Zugang zu Cannabis verwehrt werden. Und das Geld, das bisher für die Strafverfolgung ausgegeben werde, könne der Prävention zugutekommen.

          Für die CDU „stellt sich die Frage nicht“

          Stöver hat einen guten Draht zur Grünen-Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig. Er half mit, eine großangelegte Tagung zu dem Thema zu organisieren. An deren Ende sagte Heilig, dass sie nun auch den Eindruck habe, dass die Stadt neue Wege beim Umgang mit der Hanf-droge gehen sollte.

          Die Frankfurter CDU, die für sich in Anspruch nimmt, auch Antworten auf Großstadt-Fragen zu haben, hatte zuvor lange geschwiegen und damit der Legalisierungslobby das Feld überlassen. Erst nach der Tagung schien ihr so richtig aufgegangen zu sein, dass auch sie eine Meinung zu dem Thema entwickeln sollte. Um es kurz zu machen: Eigentlich sieht die CDU keinen Handlungsbedarf. „Die Frage stellt sich nicht“, ist schon fast die Langform der Unions-Argumentationskette.

          So ist es kein Wunder, dass die Befürworter einer Freigabe noch immer die Diskussion beherrschen. Unter ihnen sind vernünftige Leute wie Stöver, aber auch Freizeitkiffer, die den Hanf am liebsten für alle freigeben würden. Und dann gibt es die Fraktion, der vor allem der medizinische Nutzen des Krauts am Herzen liegt. Langsam, ganz langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass das zwei völlig verschiedene Diskussionen sind. Diese Differenzierung hat in Frankfurt immerhin dazu geführt, dass sich die Stadtregierung überhaupt auf etwas einigen konnte.

          Heiligs Freude über das „Pilotprojekt“

          Der kleinste gemeinsame schwarz-grüne Nenner in der Cannabis-Debatte hat eine Telefonnummer, eine E-Mail-Adresse und jede Woche zwei Stunden lang Sprechstunde im Gesundheitsamt. Seit kurzem bilden Michael Schmidt und Markus Cronjäger neben ihren eigentlichen Jobs das Personal des „Medical Marihuana Projects“. Der Arzt und der Jurist haben schon lange mit Cannabis zu tun. Im Auftrag des Drogenreferats sollen sie fortan Kranke beraten, die glauben, dass Cannabis-Medikamente ihnen helfen könnten.

          Der Stadträtin Heilig hat es vor wenigen Wochen große Freude bereitet, die beiden Herren vorzustellen. „Pilotprojekt.“ „Bundesweit.“ „Einmalig.“ Welche Kommunalpolitikerin nimmt diese Worte nicht gern in den Mund? „Dabei können wir eigentlich gar nicht viel tun“, sagt Schmidt. Sie dürfen weder Cannabis verschreiben, noch haben sie geheime Informationen, wie an die begehrten Ausnahmegenehmigungen für Cannabis-Blüten oder die Rezepte für Medikamente auf Cannabis-Basis zu kommen ist. Trotzdem haben die beiden Fachleute schon alle Hände voll zu tun.

          Andere Städte reformieren mehr

          Schmidts Aufgabe ist es, zu prüfen, ob Cannabis-Produkte den Patienten überhaupt helfen könnten. Bei chronischen Schmerzen, Formen von Multipler Sklerose und ADHS kann das durchaus der Fall sein. Eine Chance auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse haben Patienten aber nur bei ganz eng abgegrenzten Indikationen. Viele bringt das dazu, ihre Medikation über den Schwarzmarkt sicherzustellen. Schmidt sagt, dass viele dieser Patienten aus der Mitte der Gesellschaft kommen. „Die will man eigentlich nicht auf die Szene schicken.“

          Auf diese Idee ist auch schon die Bundesregierung gekommen. Konkrete Formen haben die Pläne aber noch nicht angenommen, die dazu führen sollen, dass mehr Patienten an die begehrten Produkte kommen, ohne zwielichtigen Straßenhändlern vertrauen zu müssen.

          Frankfurt, das sich mit einigem Recht zugutehält, in der Vergangenheit viele richtige Schritte für Drogenabhängige getan zu haben, gehört beim Cannabis nun nicht zur Speerspitze der Reformer. Derzeit gehen die Stadtstaaten voran. In Hamburg hat sich der rot-grüne Senat eine „ergebnisoffene Prüfung“ der Legalisierungsfrage in den Koalitionsvertrag geschrieben. In Altona könnte bald ein Pilotprojekt zur Abgabe an Erwachsene konkrete Formen annehmen. In Bremen wollen die Regierenden den Konsum entkriminalisieren und konkreter über legale Ausgabestellen nachdenken. Der Berliner Bezirk Kreuzberg möchte gerne einen Coffeeshop betreiben.

          Rechtsstreit bei Medikamentenfrage könnte folgen

          Ob sich die Hauptstadt auf absehbare Zeit zum Amsterdam an der Spree entwickelt, ist damit aber noch längst nicht ausgemacht. Solche Versuche muss eine Behörde in Bonn genehmigen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat zu entscheiden, ob es ein öffentliches oder wissenschaftliches Interesse am konkreten Vorhaben gibt. Die wahrscheinliche Antwort dürfte nein lauten. Ebenso wahrscheinlich dürfte sich an diese Antwort ein jahrelanger Rechtsstreit anschließen.

          Dass sich Frankfurt an solchen Rechtsstreitigkeiten beteiligt, ist wenigstens bis zur nächsten Kommunalwahl unwahrscheinlich. Sie würde ja gerne etwas probieren, sagt Stadträtin Heilig. „Aber mit unserem Koalitionspartner ist da nichts zu machen.“ Cannabis ist zusammen mit der „Ehe für alle“ eines der letzten Themen mit dem Potential, CDU und Grüne auf Dauer verschiedener Meinung sein zu lassen. Wie in Frankfurt ist das auf Ebene der hessischen Landesregierung zu beobachten. Auch dort sind Bemühungen, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln, bisher im Stadium von Expertenanhörungen steckengeblieben.

          Oft die gleiche Frage beim „Suchtbriefkasten“

          Die Experten des Frankfurter „Suchtbriefkastens“ haben langsam die Faxen dicke. Sie seien ja gerne bereit, alle Fragen zu Drogen zu beantworten, schrieben sie neulich auf eine Nachricht, in der es einmal mehr um einen nahenden Urintest ging - diesmal hat „Nadine“ gefragt. Doch Ziel des Briefkastens sei nun einmal Drogenabstinenz und nicht die Chance, Drogentests trotz Drogenkonsums zu bestehen.

          „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir derartige an uns gerichtete Anfragen nicht mehr beantworten werden.“ Richtig konsequent sind die Drogenberater aber nicht. Es folgt eine längere Reihe von Fragen und Antworten, die sich wieder um das gleiche Thema drehen. „Lukas“ und „Nadine“ sind nicht allein.

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