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Café für Flüchtlingsfrauen : Frauenrecht und Minztee

  • -Aktualisiert am

Frauenrunde: Lina Reza und Razieh Abassi aus Afghanistan, Maliheh Passar aus Iran und Beletech Asfow aus Eritrea (von links) haben beim Deutschunterricht mit Marianne Arndt (ganz links) im Flüchtlingscafé Milena offensichtlich ihren Spaß. Bild: Wonge Bergmann

Im Café Milena sind Flüchtlingsfrauen unter sich. Der Rückzugsraum hilft ihnen dabei, sich zu integrieren. Werbung müssen die Betreiber daher schon lange nicht mehr machen.

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          Draußen zeigt sich der Dezember von seiner nebelnassen, unfreundlichen Seite. Drinnen sitzt ein Dutzend Frauen beim Frühstück, der Minztee duftet im Glas, ein Zweijähriger baut mit bunten Plastikbausteinen einen Turm. In der Rödelheimer Landstraße hat das Flüchtlingscafé Milena seit Mai ein helles und sehr freundliches Domizil in einem Neubau gefunden. Die etwas ramponierten Möbelspenden aus den Anfangstagen werden gerade durch Neues ersetzt. Das Café ist nur für Frauen offen, und die verteilen sich nach ausgiebigen, herzlichen Begrüßungen und einem gemeinsamen Frühstück auf drei kleine Unterrichtsräume.

          Denn natürlich sitzen sie zwar gern einfach nur bei einem Tee zusammen, um sich auszutauschen, aber sie haben auch ein Ziel: möglichst schnell Deutsch lernen, sich verständigen können, die Zeit sinnvoll überbrücken, bis sie einem Integrationskurs zugeteilt werden. Analphabetinnen sind bei den Treffen dabei, aber auch eine Frau, die perfekt Englisch spricht. Die Frauen kommen aus Eritrea, Afghanistan oder Iran.

          Über die ganze Stadt verteilt

          Rund 30 deutsche Frauen geben ihnen abwechselnd Deutschunterricht, betreuen die ganz kleinen Kinder oder organisieren Kitaplätze für die älteren Kinder, damit ihre Mütter im Unterricht einmal ungestört sind. Nur eine Lehrkraft und die Projektleiterinnen sind angestellt, die anderen machen das alles ehrenamtlich. Von Montag bis Donnerstag kommen 59 Flüchtlingsfrauen, freitags machen sie gemeinsam Ausflüge.

          Marianne Arndt zeigt auf ein Kleidungsstück, das in einem Buch abgebildet ist. „Rock, die Rock?“ Lina Reza tastet sich vorsichtig heran: „der Rock“. Obwohl nur Frauen dieses Kleidungsstück tragen, hat es im Deutschen einen männlichen Artikel, erläutert die pensionierte Studienrätin aus Hofheim.

          Die Hose, das Kleid, die Krawatte. Verwirrung macht sich breit. Ingrid Eiermann, Grundschullehrerin im Ruhestand aus Sossenheim, kümmert sich um die Frauen, die nicht lesen und schreiben können, acht sind das im Moment. Sie zeigt geduldig, wie man einen Stift zum Schreiben richtig hält oder bei einer Übung im Lehrbuch Punkte mit Strichen verbindet, nicht selbstverständlich für jemanden, der so etwas noch nie gemacht hat. „Ich finde es erstaunlich, wie motiviert die Frauen sind“, sagt Eiermann. Diese leben in Flüchtlingsunterkünften, die über die ganze Stadt verteilt sind. Trotzdem sind sie pünktlich zum Unterricht da.

          Gespräche über Frauenrechte

          „Wir müssen schon lange keine Werbung mehr machen, die Frauen kommen durch Mundpropaganda her“, sagt Maneesorn Koldehofe, eine der Leiterinnen des Bockenheimer Mädchenbüros, das bereits seit 20 Jahren einen geschützten Raum für Mädchen mit Migrationshintergrund anbietet. Aus den Erfahrungen dieser Arbeit haben die Macherinnen das Flüchtlingscafé für Frauen vor gut einem Jahr ins Leben gerufen. Unterstützt wird es aus Mitteln der KfW-Stiftung und der Linsenhoff-Stiftung.

          Lina Reza, Maliheh Passar, Beletech Asfow und Razieh Abassi kommen gern und regelmäßig zum Unterricht. Für sie ist das Flüchtlingscafé die einzige Möglichkeit, sich außerhalb ihrer Unterkünfte und auch der Familie zu treffen. Einige der Frauen sind alleinerziehend. Sie lernen Deutsch, aber unternehmen gemeinsam mit den Ehrenamtlichen auch Ausflüge. Wenn die Frauen wollen, können sie in den Räumen aber auch einmal nur zur Ruhe kommen. Das Vertrauensverhältnis sei sehr gut, sagt Christiane Jellonek, die das Projekt von Anfang an begleitet hat, die Deutschkurse seien Selbstläufer geworden.

          Mittlerweile gibt es bereits Wartezeiten, um teilnehmen zu können. Gespräche über die Rechte von Frauen in Deutschland sind ihr und dem ganzen Team des Mädchenbüros aber mindestens genauso wichtig wie die Sprachkurse. Konflikte mit den Männern derjenigen Frauen, die verheiratet sind, habe es deswegen bislang nicht gegeben. „Weil nur Frauen da sind, ist das auch für die Männer in Ordnung“, hat Oksana Frei aus dem Leitungsteam des Mädchenbüros beobachtet.

          Vorbilder von Migrantinnen

          „Für die Frauen ist das die einzige Möglichkeit rauszukommen“, sagt Maneesorn Koldehofe. Viele legten im Café ihr Kopftuch ab und sprächen nach und nach auch sehr offen über ihre Männer. „Integration läuft nur über die Frauen, nur wenn sich die Frau bewegt, zieht die ganze Familie nach“, davon ist sie überzeugt. Und sie weiß auch ganz genau, wie es nicht funktioniert: indem man Broschüren austeilt über Werte der gleichberechtigten Gesellschaft und den Umgang zwischen Frau und Mann. Behutsame Gespräche, geschützte Räume, das sei der richtige Weg. Die Töchter mancher der Flüchtlingsfrauen kennt sie auch aus dem Mädchenbüro. „Die sind wirklich stolz, wenn sie mit ihren Müttern jetzt zu Hause auch deutsch sprechen können.“ Und das helfe auch den Müttern beim Spracherwerb weiter.

          Bei Sprachkursen soll das Café für die Flüchtlingsfrauen nach den Vorstellungen der Macherinnen allerdings nicht stehenbleiben. Weibliche Vorbilder von Migrantinnen, die in Frankfurt beruflich erfolgreich sind, sollen den Frauen auch helfen, beruflich Fuß zu fassen, sie sollen das Café besuchen und von sich erzählen. Darüber hinaus wollen die Organisatorinnen den Flüchtlingsfrauen dabei helfen, sich als Tagesmütter ausbilden zu lassen und ein Nähprojekt auf die Beine zu stellen. Für einen Job als Tagesmutter braucht es allerdings das Sprachzertifikat B2. Also werden Lina, Maliheh, Beletech und Razieh mit Marianne und Ingrid fleißig weiter an den Artikeln feilen.

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