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Busen-Angriff auf Adorno : Blankes Entsetzen

Denker in Aufruhr: Theodor W. Adorno Bild: Ullstein

Vor 50 Jahren ereignet sich etwas Unerhörtes an der Frankfurter Universität: Mehrere Studentinnen ziehen vor Theodor W. Adorno blank. Hat die berüchtigte Busen-Attacke den Lebensfaden des Philosophen maßgeblich verkürzt?

          Die Verwirrung beginnt schon mit den Blumen. Wurde der Philosoph „mit roten Nelkensträußen bedrängt“, wie diese Zeitung schrieb? Oder ist der Achtundsechziger-Chronist Wolfgang Kraushaar im Besitz der floralen Wahrheit? Jener berichtet nicht von Nelken, dafür von „Rosen- und Tulpenblüten“, die aus den Händen dreier blankbrüstiger Studentinnen auf das kahle Haupt Theodor W. Adornos geregnet seien. Unklar ist bis heute auch, wie tief den Professor das Geschehen vom 22. April 1969 wirklich erschütterte. Stiegen ihm während des Angriffs der Spaß-Guerrilleras Tränen in die Augen? Hat der Einbruch der Obszönität in seinen Elfenbeinturm (Adorno stieß sich nicht an diesem Wort) dem Geistesmenschen buchstäblich das Herz gebrochen?

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Leichter als der exakte Ablauf und die Folgen lässt sich die Vorgeschichte des „Busen-Attentats“ rekonstruieren, das vor 50 Jahren im Hörsaal V der Universität verübt wurde. Adorno, wie die anderen Protagonisten der Kritischen Theorie eigentlich ein Vorbild für die protestierenden Studenten, hatte am 31. Januar 1969 einen – aus Sicht der Radikalen – unverzeihlichen Frevel verübt: Er rief die Polizei, als ein Trupp von Jungrevolutionären das Institut für Sozialforschung besetzte. Auch sonst enttäuschte der Gelehrte die Hoffnungen der vom Umsturz träumenden Jugend: Er ließ sich nicht für Aktionen einspannen, deren Sinn er bezweifelte, und hatte als Zeuge der Schrecken des 20. Jahrhunderts „gegen jede Anwendung von Gewalt die schwersten Vorbehalte“.

          Genug Gründe für die Propagandisten der Tat, den Ordinarius selbst zum Objekt einer Inszenierung zu machen. „Wer nur den lieben Adorno lässt walten, der wird den Kapitalismus sein Leben lang behalten“, schreibt ein Student an die Tafel, kurz nachdem der Professor am 22. April seine Vorlesung „Einführung in dialektisches Denken“ begonnen hat. Ein Kommilitone fordert Adorno zur Selbstkritik auf, andere ärgern sich über die Störung. Im Saal sitzt unter anderen der spätere ZDF-Historiker Guido Knopp. Er wird 2005 in der „Welt“ wissen lassen, Adorno habe ihm an jenem Tag leidgetan.

          „Adorno als Institution ist tot.“

          Umso mehr nach dem, was auf die ersten Wortgefechte folgt. Der Philosoph gibt seinem Publikum fünf Minuten Zeit, um auszudiskutieren, ob er seine Vorlesung halten solle. Als er auf das Podium zurückkehrt, umringen ihn die „Attentäterinnen“, die einer Splittergruppe der linken Studentenorganisation SDS angehören. Sie entblößen ihre von Lederjacken verhüllten Brüste und versuchen, ihn zu küssen, wogegen er sich mit seiner Aktentasche wehrt. Schließlich flieht er aus dem Saal. Einige wollen aus seinem Mund die Worte „Das mir!“ gehört haben. Zurück bleiben teils belustigte, teils entsetzte Studenten und Flugblätter, auf denen steht: „Adorno als Institution ist tot.“

          Dass die Attacke den Gelehrten tatsächlich tief getroffen hat, lässt das Interview ahnen, das er danach dem „Spiegel“ gibt: „Mich zu verhöhnen und drei als Hippies zurechtgemachte Mädchen auf mich loszuhetzen! Ich fand das widerlich.“ Der Empörung folgt die treffende Analyse: „Der Heiterkeitseffekt, den man damit erzielt, war ja doch im Grunde die Reaktion des Spießbürgers, der Hihi! kichert, wenn er ein Mädchen mit nackten Brüsten sieht.“

          Zu behaupten, dieser Anblick habe Adorno nachwirkend ums Leben gebracht, ist aber zu viel der Anklage. Am 5. August 1969 setzt er sich im Urlaub über den Rat seines Arztes hinweg und fährt mit der Seilbahn auf einen Berg. Tags darauf erliegt er einem Herzinfarkt. Zu seiner Beerdigung, so Kraushaar, habe die „Lederjacken-Fraktion“ des Sozialistischen Studentenbunds Eier mitbringen wollen. Doch ein Abschied unter dem Hagel von Wurfgeschossen bleibt der Trauergemeinde erspart. Der SDS legt am Grab einen Kranz nieder.

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