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Konstantin Wecker in Dreieich : Das Leben will lebendig sein

  • -Aktualisiert am

Allein am Flügel: Musiker Konstantin Wecker auf dem Donauinselfest in Wien Bild: dpa

Konstantin Wecker hat bei den Burgfestspielen Dreieich neben Musik auch Poesie zum Besten gegeben. Dabei schreckte er nicht vor großen Gefühlen zurück.

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          Am 1. Juni feierte Konstantin Wecker seinen 72. Geburtstag und die Premiere des „Weltenbrand“-Programms. Seitdem gastierte er mit Band und dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie auf einigen Festivalbühnen, als Vorgeschmack auf das gleichnamige Album, das Mitte Oktober erscheinen soll. Wie schon in den letzten Jahren bevorzugen es die Burgfestspiele Dreieich, den Troubadour in kleinerer Besetzung einzuladen. Unter dem Titel „Poesie ist Widerstand“, den auch Weckers jüngste als Buch erschienene Gedichtsammlung trägt, trat er im ausverkauften Hof der Burg Hayn im Trio auf.

          Allein am Flügel beginnt Wecker mit einer Ermutigung zum Widerstand. „Das Leben will lebendig sein“ ist eine klare Absage an Hass und Nationalismus, es endet mit der Zeile: „Wer in Freiheit leben will, darf nie gehorsam sein.“ Beim nächsten Lied kommen Fany Kammerlander und Jo Barnikel dazu, geht Wecker mit dem Mikrophon nach vorn. „Den Parolen keine Chance“ bezieht sich ebenfalls auf aktuelle Entwicklungen und fordert, den Hass durch Zärtlichkeit zu besiegen. In seiner Begrüßungsansage bemerkt Wecker sarkastisch, schon beim Vertonen des Textes gemerkt zu haben, „dass da irgendwas nicht von mir ist“. Tatsächlich adaptiert er hier recht frei eine Melodie aus Beethovens 9. Sinfonie. In seiner weiteren Moderation kommt er von der drohenden Wiederaufrüstung über die Frage nach der Friedensbewegung der Achtziger zu dem Schluss, dass das Patriarchat versagt hat.

          Eine altersweise Haltung

          Seinerzeit schrieb Konstantin Wecker mit „Wenn unsere Brüder kommen“ ein Lied für die Friedensbewegung, das selbst dieser „zu pazifistisch“ war, wie er sich heute leicht spöttisch erinnert. Auch „Was keiner wagt“ fordert dazu auf, gegen den Mainstream zu handeln, dieser Text stammt indes von dem Frankfurter Theologen und Schriftsteller Lothar Zenetti. Damit schließt Wecker zunächst seine appellativen Stellungnahmen zum Zeitgeschehen ab und wechselt ins Private. Es folgen Reflexionen über die Rolle als Vater, eine dankerfüllte Ballade, die Verabschiedung einer großen Liebe und unterschiedlich kolorierte Stimmungsbilder übers Dasein inklusive der damit einhergehenden Veränderungen. Das Repertoire mäandert durch Dekaden, von Songs zu gesprochenen Gedichten, vom juvenil-hedonistischen „Ich will noch eine ganze Menge Leben“ zu beinahe altersweiser Haltung.

          Weder in seiner Poesie noch in der Musik schreckt Konstantin Wecker vor großen Gefühlen zurück. Um ein gewisses Pathos, auch nostalgisch gefärbtes Sentiment ist er nicht verlegen. Dazu passend pflegt Fany Kammerlander in ihren feinsinnigen Cellobegleitungen und kurzen Solo-Einlagen durchgehend ein warmes Timbre, selbst vereinzelte Stakkati bleiben der Romantik verhaftet. Jo Barnikel pendelt zwischen Flügel und E-Piano, im ersten Teil des Konzerts entfachen er und Wecker kurz ein etwas verwegeneres Klavierduett, davon abgesehen verharren sie weitgehend im Lyrischen. Zuweilen illustrieren schwellende Synthesizer-Bässe dunkle oder melodramatische Stimmungen. Weckers charakteristischer Gesang scheint in zärtlichen wie aufbrausenden Momenten völlig zeitlos.

          Zu Konstantin Weckers Integrität und glaubwürdiger Ausstrahlung gehört seine Selbstironie. Auf frühere Exzesse schaut er ebenso nachdenklich wie amüsiert zurück, mit der gleichen Einstellung räsoniert er übers Älterwerden, die Sehnsucht nach dem wunderbaren Unbekannten, über Schwermut, Liebe und Vergänglichkeit. Sein politischer Biss blitzt auch in der zweiten Konzerthälfte wieder auf, in Richtung Kapitalismuskritik, im Kontext der Umweltbewegung und im Antifaschismus-Song „Sage Nein“.

          Dass Wecker auch Entertainer ist, zeigt er im Zugabenblock. Während „Questa nuova realtà“ wandert er singend durch die Zuschauerreihen, etwas später kreuzt er in einer ausgedehnten Klavierimprovisation mit Barnikel gewitzt durch Klassiker und Gassenhauer. Nach knapp zweieinhalb Stunden geht das Trio endgültig ab und wird vom Publikum ein letztes Mal im Stehen gefeiert.

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