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Bungee-Jumping : Männer ticken wohl so

  • -Aktualisiert am

Und er wusste nicht, was er tat: unser Autor willenlos am Gummiseil Bild: Michael Kretzer

Von einem, der auszog, trotz Höhenangst einen Bungeesprung auszuprobieren. Wie es ist, wenn der Körper auf Notstrom schaltet.

          3 Min.

          Ich rücke jetzt hier direkt mal mit drei Wahrheiten heraus, hilft ja nichts. Also, ich bin latent höhenängstlich. Ich bin Journalist - die bekommen halt bestimmte Dinge unentgeltlich. Und ich bin mitunter unkreativ beim Erwerb von Geschenken für die Liebsten. Also klickt man so ziellos durchs Netz auf der Suche nach dem entscheidenden Impuls. Auf genau diese Leute hat es das Münchener Unternehmen Jochen Schweizer abgesehen. Also nicht auf die Höhenängstlichen, aber auf die unkreativen Geschenkesuchenden. Deutschland schenkt sich seit Jahren im großen Stil Gutscheine, und der Erlebnisvermieter Jochen Schweizer verkauft im großen Stil Erlebnisgutscheine. Das passt. Ich kaufe meiner Frau also zum Geburtstag für 100 Euro einen Gutschein für einen Bungeesprung. Sie zeigte sich auf jeden Fall überrascht von meinem Geschenk.

          In Hanau-Großkrotzenburg soll das Ganze stattfinden, ist ja in der Region. Bungee in Großkrotzenburg? Die Kollegen in der Redaktion finden meine Idee gut, eine kleine Reportage über so einen Sprungtag am See Freigericht West zu schreiben. Mach mal, sagen sie. Mach mal, sagt auch die nette Dame von der Pressestelle von Jochen Schweizer. Und weiter: Wenn man so einen Sprung nicht selbst erlebe, könne man ja nur schwerlich drüber schreiben. „Wir laden Sie ein.“ Ich und Bungeespringen, ha ha, das wäre ja so, wie wenn eine Katze freiwillig in ein Planschbecken hüpft. Oder Mario Götze in diesem Sommer wieder zurück zu den Bayern wechselt. Also total abwegig.

          Glühende Wangen und „Hammer“-, „Geil“- und „Cool“-Rufe

          Die Jochen-Schweizer-Crew verströmt an diesem regnerischen Julisamstagmorgen eine geschäftige Routine. Kranführer, Bodenpersonal, Schreibkraft (im Anmeldepavillon) und die Jungs in dem eisernen Korb, der als Absprungrampe fungiert - alles läuft Hand in Hand auf der kleinen Wiese am Ufer. Bis zu 80 und mehr Sprünge wickeln sie hier an einem Tag ab. Nahezu alle Adrenalinschub-Käufer scheinen ihren Gutschein zu Weihnachten oder zum Geburtstag bekommen zu haben. Allerorten glühende Wangen, entrücktes Lächeln, „Hammer“-, „Geil“- und „Cool“-Rufe.

          Ein junges Pärchen aus Wiesbaden hat einen Tandemsprung gebucht, ein Enddreißiger aus der Wetterau einen Sprung mit „Dip in“ - also mit Eintauchen in das klare, grüne Wasser des Sees. Manche kreischen, manche stoßen regelrechte Urschreie aus, manche sind einfach ganz still während des 50 Meter tiefen freien Falls. 50 Meter - da müssen die Fotografierenden am Boden schon ganz schön zoomen.

          Will ich meinem Sohn zeigen, dass Papa ein ganzer Kerl ist?

          „Alex, du bist dran“, flötet eine der gutgelaunten Frauen vom Bodenpersonal und hält mir den haken- und ösenreichen Gurt so hin, dass ich wie in eine Hose hineinsteigen kann. „Das ist deine Lebensversicherung“, sagt die Frau strahlend, als sie mir jene Teile um die Knöchel schnallt, an denen das Seil befestigt wird. Alles passiert wie in Trance. Warum breche ich nicht einfach ab? Will ich meine Frau im siebten Ehejahr beeindrucken? Will ich mir beweisen, dass ich meine Grenzen (die zuvor, was freien Fall betrifft, auf Höhe des Fünfmeterturms im Freibad lagen) verschieben kann? Will ich meinem etwas unsicher dreinschauenden vierjährigen Sohn zeigen, dass Papa ein ganzer Kerl ist? Vermutlich ist es von allem ein bisschen. Männer ticken wohl so.

          Ich stehe in dem eisernen Korb, soll die Fußspitzen über den Rand hinaus plazieren und mich rechts und links am Gestänge festhalten. Und wie ich mich festhalte mit schweißnassen Händen! Mein Körper scheint schon jetzt auf Notstrom zu schalten. Ich werde gefragt, ob ich auch einen „Dip In“ wünsche (Nein!) und ob sonst alles okay sei (Nein!). Hinter mir ein Typ, der mich mit allerlei Seilzeugs (noch) festhält, neben mir einer, der mir eine GoPro-Kamera ins Gesicht hält (Videobegleitung kostet extra, für Journalisten ist es aber auch kostenfrei). Rasant, viel zu rasant fährt der Kran uns nach oben. 50 Meter sind furchterregend, ja grässlich hoch. Besonders, wenn man wie ein Selbstmörder an der Kante steht. Adrenalin schießt ein, irgendetwas pocht mit großer Kraft von innen gegen meine Schädeldecke. Dort hinten ist Bayern, hier vorne Hessen, da vorne fährt ein ICE, dort hinten startet ein Flugzeug, da ist Hanau, dort hinten die Frankfurter Skyline, da unten der See, erstaunlich grün dieses Rhein-Main-Gebiet.

          Wie ein resignierter Fisch am Haken

          „So, Alex, jetzt strecke mal deine Arme nach oben und umgreife eins deiner Handgelenke“, sagt der Typ hinter mir. Wer... äh... wie... äh... ich? Ich kriege diesen komplizierten Bewegungsablauf erst im dritten Versuch hin, schlotternd trennen sich meine Hände von dem Gestänge. „Ich zähle jetzt von Fünf herunter, und dann lässt du dich einfach nach vorne fallen“, sagt der Typ hinter mir und klingt einfühlsam und überzeugend zugleich. „5, 4, 3...“, es ist, als ob Seele und Kraft den Körper verlassen und nur noch eine Hülle meiner selbst an der Kante eines eisernen Korbes über Großkrotzenburg zurückbleibt.

          „2, 1, 0...“ Es rauscht, aber es stellt sich kein Rausch ein. Wie ein Gummitwist reißt mich das Seil kurz über der Wasseroberfläche wieder hoch, fast bis auf Höhe des eisernen Korbes. Wieder abwärts, wieder aufwärts, auf und nieder, immer wieder. Schließlich hänge ich nur noch da wie ein resignierter Fisch am Haken. Glücksgefühl? Abwesend. Angst? Ausgeprägt. Schwindlig? Sehr. Magensäure? Auf dem Weg in den Mund. Bungeespringen? Nie wieder.

          Meine Frau ist kurz nach mir dran. Ihr hat es Spaß gemacht. Super Geschenk. Sie empfiehlt es weiter.

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