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Bundestagswahl in Hessen : Opfer des Erfolgs seiner Partei

Bittere Niederlage: Martin Rabanus (SPD) scheidet aus dem Bundestag aus. Bild: dpa

Der SPD-Abgeordnete Martin Rabanus aus dem Rheingau-Taunus-Kreis verliert überraschend sein Mandat. Eine Enttäuschung erleben auch die Wiesbadener Grünen.

          3 Min.

          Zunächst hoch spannend, dann zäh wie Kaugummi. So verlief der Wahlabend in Wiesbaden und dem benachbarten Rheingau-Taunus-Kreis. Am Ende einer langen Zitterpartie konnten die beiden CDU-Bundestagsabgeordneten Ingmar Jung und Klaus-Peter Willsch ihre Direktmandate vor den SPD-Konkurrenten Nadine Ruf und Martin Rabanus verteidigen. Für Jung bestand erst 20 Minuten vor Mitternacht die Gewissheit, mit 627 Stimmen mehr als Nadine Ruf durchs Ziel gegangen zu sein. Willsch musste sogar bis 1.31 Uhr auf das vorläufige Endergebnis warten. Allerdings hatte er in der – jetzt ehemaligen – CDU-Hochburg Rheingau-Taunus etwas früher als Jung mit einem Sieg rechnen können.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Besonders bemerkenswert: Während es für Ruf persönlich nicht reichte, überflügelte die SPD in Wiesbaden bei den Zweitstimmen die CDU deutlich mit 24,9 zu 21,1 Prozent. Im Wahlkreis Rheingau-Taunus-Limburg hatte die CDU zwar mit 707 Zweitstimmen (0,4 Prozentpunkte) Vorsprung gerade noch die Nase vorne. Doch waren es allein die Wähler im Altkreis Limburg, die Willsch das Mandat retteten und der CDU das Siegerpodest sicherten. Denn im Rheingau-Taunus schlug Rabanus sensationell Willsch, und die SPD wurde bei den Zweitstimmen mit 26 zu 24,5 Prozent erstmals stärkste politische Kraft. Hätte eine überschaubare Zahl der Grünen-Wähler ihre Erststimme taktisch eingesetzt, hätten sowohl Willsch als auch Jung das Direktmandat verlieren können.

          Alle anderen SPD-Listenkandidaten gingen leer aus

          So geriet der Triumph der SPD mit hessenweit 14 gewonnenen Wahlkreisen zur schmerzlichen Enttäuschung für Rabanus und Ruf. Rabanus hat sein 2013 erstmals errungenes Abgeordnetenmandat wieder verloren, weil es über die SPD-Landesliste diesmal nur der Frankfurter Kaweh Mansoori in den Bundestag schaffte. Alle anderen SPD-Listenkandidaten gingen leer aus und eben auch die Wiesbadener Stadtverordnete Nadine Ruf (Platz zehn).

          „Total enttäuscht“: Für Nadine Ruf hat es nicht gereicht.
          „Total enttäuscht“: Für Nadine Ruf hat es nicht gereicht. : Bild: Marcus Kaufhold

          Mansoori nannte es am Montag einen „Wermutstropfen, dass die SPD im äußersten Westen Hessens trotz starker Zuwächse keine Abgeordneten stellen wird“. Ruf zeigt sich „total enttäuscht“ von ihrem persönlichen Ergebnis, auch wenn sie nach den ersten Hochrechnungen schon entsprechende Befürchtungen gehabt habe. Nun quälen Ruf Fragen wie die: „Hätte ich noch mehr tun können?“ Und hätte sie das von vielen Wählern kritisierte SPD-Porträt-Wahlplakat vielleicht doch besser ausgetauscht?

          „So ist das politische Geschäft: Was will man machen?“

          Rabanus nannte sein Ergebnis ebenfalls „bitter“, aber „so ist das politische Geschäft: Was will man machen?“ Rabanus hätte gerne die Politik der neuen Bundesregierung mitgestaltet. Stattdessen müsse er jetzt seine Büros in Berlin und Taunusstein auflösen. Einen „Plan B“ hat er nicht: Er habe auf Sieg gespielt, aber am Ende den Mandatsverlust errungen, sagt er mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Politisch freut er sich über das Ergebnis seiner Partei. Es zeige, „dass die CDU in die Opposition gehört“.

          Auch die Hoffnungsträgerin der Wiesbadener Grünen, Petra Jeromin, hatte früh erkannt, dass der zunächst als aussichtsreich geltende Platz elf auf der Grünen-Landesliste nicht für ein Mandat reichen werde. Nur die ersten acht auf der Liste gehen nach Berlin. Weniger als 15 Prozent bundesweit seien einfach nicht genug gewesen, sagte eine enttäuschte Quereinsteigerin Jeromin, die das Ergebnis nun erst mal im Urlaub verdauen will. Das werde nicht an einem Tag gelingen. Ihrem Thema, der nachhaltigen Finanzwirtschaft, will sie treu bleiben, aber halt außerhalb der Politik. Die Wiesbadener Wahlkreiskandidatin der Grünen, Uta Brehm, erreichte mit 19,2 Prozent zwar ein gutes Erststimmenergebnis, doch konnte sie entgegen ihrer Hoffnungen nicht in das Duell zwischen Jung und Ruf eingreifen.

          Für ihre im Rheingau-Taunus-Kreis angetretene Parteifreundin Anna Lührmann hingegen reichte Listenplatz vier erwartungsgemäß aus. Der Kreisverband äußerte sich hochzufrieden über die „stärksten Zugewinne aller Parteien im Kreis“. Lührmann kündigte an, es werde Zeit, „grüne Inhalte“ in Berlin zu verwirklichen. „Ich werde mich bei einer möglichen Regierungsbeteiligung meiner Partei dafür einsetzen, dass die Themen Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Demokratieförderung einen zentralen Stellenwert einnehmen.“ Ein Rückkehrer in den Bundestag ist auch Alexander Müller (FDP) aus Niedernhausen, der auf Platz vier der Landesliste abgesichert war. Damit schicken Landkreis und Landeshauptstadt vier Abgeordnete nach Berlin.

          Bitteres Ergebnis für die CDU

          Der CDU-Abgeordnete Jung hatte nach Verkündung der ersten Prognosen schon fast mit der Berliner Karriere abgeschlossen und mit dem Verlust seines Mandats gerechnet, weil die CDU in Wiesbaden nach seinen Erfahrungen eigentlich chancenlos ist, wenn sie bundesweit hinten liegt. Am Montag zeigte sich Jung umso mehr erleichtert und glücklich, 5,2 Punkte besser als die Partei und damit gegen den Trend abgeschnitten zu haben, während die CDU bei den Zweitstimmen 3,8 Punkte hinter der SPD zurückblieb.

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          Im Rheingau-Taunus-Kreis spricht Willsch von einem bitteren Ergebnis für die CDU und nannte es ernüchternd, dass dieses Ergebnis offenkundig durch engagierte Wahlkreisarbeit kaum beeinflusst werden könne. In Berlin kann sich Willsch eine Regierungsbeteiligung der CDU derzeit schwer vorstellen. Die Wähler verlangten eher das Eingestehen einer Niederlage als das Beharren auf der Macht. Willsch sieht für die CDU auch kaum einen Weg, eine Ampelkoalition „auszukontern“. Das wäre nach seiner Einschätzung nur durch ein größeres Entgegenkommen seiner Partei gegenüber den Grünen möglich, als es die SPD zugestehen werde – mit der Folge eines weiteren Profilverlustes der CDU.

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