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Kommentar : Schnellschuss auf die Jagd

Weiß um die Mechanismen der Empörung: Der Bund der Steuerzahler in Hessen (Symbolbild) Bild: dpa

Der hessische Bund der Steuerzahler fordert die Absage der Gesellschaftsjagd des Landes. Dieses Mal müssen sich die selbsternannten Anwälte der Bürger allerdings die Frage gefallen lassen, ob sie damit nicht übertreiben. Ein Kommentar.

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          Die Verschwendung von Steuergeld in dreistelliger Millionenhöhe erregt weniger Aufregung als die Mehrkosten in Höhe von 250.000 Euro, die wegen Baumängeln an einem Schulgebäude angefallen sind. Die Erklärung für dieses Phänomen ist simpel: Von einer Viertelmillion kann sich jeder schnell ausrechnen, wie lange er dafür hätte arbeiten müssen.

          Der hessische Bund der Steuerzahler wird um die Mechanismen der öffentlichen Empörung wissen. Wie sonst würden sich die durchaus verdienstvollen Herrschaften an 22.000 Euro reiben, die für die Gesellschaftsjagd des Landes aufgewendet werden? Sie müssen sich diesmal jedoch die Frage gefallen lassen, ob sie mit der Kritik nicht übertreiben. Von der Summe, die für immerhin 120 Personen aufgewendet wird, bleibt nach Abzug von zu erwartenden Einnahmen nur ein vierstelliger Betrag übrig. Doch die selbsternannten Anwälte der Bürger haben schon durchgeladen und fordern: Absage der Jagd!

          Gerechtes, aber wohl freudloses Land

          Vermutlich muss man sich auch über die vermeintliche Vergeudung von Kleinstsummen aufregen können, um im Bund der Steuerzahler Karriere zu machen. Dass dieser jetzt aber noch in sozialrevolutionärem Ton kritisiert, hier lasse sich ein „elitärer Personenkreis“ vom Staat freihalten, gibt dem Ganzen einen unangenehm populistischen Zug.

          Elitär? Diese Charakterisierung scheint ein wenig vermessen. Es handelt sich um Vertreter von Jagdvereinen, Naturschutzverbänden und der Forstwirtschaft. Man darf unterstellen, dass sie sich um das Land verdient gemacht haben, oft sogar ehrenamtlich. Der Ministerpräsident sollte sich einmal im Jahr dafür erkenntlich zeigen dürfen. Wichtiger noch: Es wird dem Natur- und Umweltschutz im Zweifel nutzen, wenn Vertreter von Gruppen, die mitunter im Streit um einzelne Regelungen liegen, zu einem zwanglosen Treffen zusammenkommen.

          Der Steuerzahlerbund sollte noch einmal überlegen, worauf seine Kritik hinausläuft: auf einen Staat, der verdienten Bürgern kein Fest in angemessenem Rahmen mehr ausrichtet. Es wäre ein vielleicht gerechteres Land von Steuerzahlermonaden. Aber es wäre ein freudloses Land.

          Matthias Alexander
          (ale.), Feuilleton

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