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Dienstältester Bürgermeister : Abschied nach 42 Jahren an der Spitze

  • -Aktualisiert am

Routinier: Ulrich Künz ist derzeit der dienstälteste Bürgermeister Deutschlands. Bild: Rainer Wohlfahrt

Ulrich Künz hat die Politik des kleinen Städtchens Kirtorf in Hessen über vier Jahrzehnte lang geprägt. In ein paar Tagen geht er in den Ruhestand. Doch ein altes Thema holt ihn wieder ein.

          In Kirtorf endet eine Ära. Nach 42 Jahren geht Ulrich Künz, der dienstälteste Bürgermeister Deutschlands, am 11. März in Pension. Als er das Amt 1977 im Alter von 26 Jahren antrat, war er der jüngste Bürgermeister Hessens. Doch nach Feiern ist Künz nicht zumute. Der Mann ist empört. „Ich habe mehr als 40 Jahre lang für Demokratie und Freiheit gekämpft, Kante gezeigt“, sagt der CDU-Politiker ziemlich zackig und ziemlich laut. „Da muss ich mir nicht vorwerfen lassen, Rechtsextremismus zu verharmlosen.“

          Was bringt den Mann, der in diesen Tagen in Ruhe auf sein politisches Werk schauen könnte, derart in Rage? Es ist eine Art Déjà-vu, das Künz umtreibt. Es geht um Rechtsextremismus, um Nazi-Symbole und um ein angeblich braunes Kaff. Und dann war da neulich noch dieser Leserbrief in der lokalen Presse.

          Rechtsextremismus in Kirtorf

          Doch der Reihe nach. Kirtorf, eine kleine Stadt im nördlichen Vogelsbergkreis, war 2004 als Nazi-Treff in die Schlagzeilen geraten. Weil sich daraufhin viele Bürger zu einem Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus zusammengeschlossen hätten, seien die Partys der Rechtsextremen, die ein ortsansässiger Landwirt auf seinem Hof organisiert habe, eingeschlafen, erzählt der 68 Jahre alte schlanke Mann mit der dunkelblauen Brille.

          Und jetzt? Jetzt will derselbe Bauer von damals die Treffen wieder aufleben lassen. Das Entzünden eines Feuers für eine Sonnenwendfeier im Dezember untersagte ihm die Stadt. Die Feier selbst, zu der 20 Leute angereist waren, wurde von 25 Polizisten überwacht. Außerdem hatte der Landwirt auf seinem Acker kürzlich Gülle in einer Form aufgebracht, die an ein Hakenkreuz erinnert. Im Beisein der Polizei musste er es Ende Januar unkenntlich machen. Als wäre das alles nicht schon ärgerlich genug, stehen außerdem noch drei Polizisten aus Kirtorf wegen rechtsextremer Äußerungen unter Verdacht.

          Zwei von ihnen, sie sind Brüder, kennt Bürgermeister Künz persönlich. Nach seiner Einschätzung gefragt, hatte er der Presse gesagt, er könne sich nicht vorstellen, dass sie rechtsradikal seien und halte die Aufregung für übertrieben. Auf der Kirmes trinke man schon einmal einen über den Durst und rede dann Unsinn. Die beiden Fußballer seien gut integriert in das örtliche Vereinsleben. Genau diese Einschätzung kritisierte ein Leserbriefschreiber daraufhin als „Persilschein zur Verharmlosung des Rechtsextremismus in Kirtorf“.

          Stadt gerät wegen einzelner Personen in Verruf

          Vor allem daher rührt Künz’ Wut. „Die beiden Vorgänge haben nichts miteinander zu tun. Kirtorf ist kein braunes Nest“, sagt er mit Nachdruck. „Es kann doch nicht sein, dass eine ganze Stadt wegen einzelner Personen in Verruf gerät. Und ich wehre mich gegen Vorverurteilungen. Aber sollten die Untersuchungen gegen die beiden Brüder ergeben, dass an den Vorwürfen etwas dran ist, dann müssen sie selbstverständlich die Konsequenzen tragen.“ Damit ist für ihn zu dem Thema alles gesagt.

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          Das trifft sich gut, schließlich soll es ja nicht nur um Kirtorf und die momentanen Schlagzeilen gehen. Vielmehr geht es um Ulrich Künz selbst, den dienstältesten Bürgermeister Deutschlands. Für ihn, so sagt er, sei immer „die Nähe zum Menschen“ wichtig gewesen. Kommunalpolitik dürfe nicht in Parteipolitik ausarten. Es gehe vor allem darum, denen zu helfen, die es nötig haben. Außerdem habe er in den mehr als vier Jahrzehnten an der Spitze der Stadt etwas gestalten können. „Man sieht, was man tut.“

          Für den ländlichen Raum–Kirtorf hat in sechs Ortsteilen etwa 3200 Einwohner, Tendenz fallend – gelte es, passende Modelle zu entwickeln. Dabei müsse man bereit sein zu verzeihen und dürfe nicht die beleidigte Leberwurst spielen, wenn es mal nicht so laufe, wie man es sich vorgestellt habe. Deshalb seien 95 Prozent der Beschlüsse in der Stadtverordnetenversammlung, in dem nur zwei Fraktionen vertreten sind – 17 Sitze für CDU/FWG, sechs Sitze für SPD/UWL –, in den vergangenen 42 Jahren einstimmig gefasst worden.

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