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Rheingau-Taunus-Kreis : Erfolgreich ganz ohne Parteibuch und Netzwerk

  • -Aktualisiert am

Bürgermeister ist auch nur ein Beruf: Frank Kilian tritt seine zweite Amtszeit in Geisenheim an. Bild: Michael Kretzer

Für den einzigen parteilosen Bürgermeister im Rheingau-Taunus-Kreis beginnt die zweite Amtszeit. Die Unabhängigkeit bringt auch Nachteile.

          3 Min.

          Es war eine nüchterne und kurze Zeremonie, aber ganz nach Frank Kilians Geschmack. Auf der jüngsten Stadtverordnetenversammlung wurde der 51 Jahre alte Bürgermeister in sein Amt eingeführt. Kilian verzichtete zu Beginn seiner zweiten Wahlperiode auf pathetische Worte und begnügte sich, die Stadtverordneten zu ermutigen, nicht vorrangig „Probleme statt Chancen“ zu sehen. Und er mahnte die Neuen, nicht „wie Elefanten im Porzellanladen“ aufzutreten, sondern den bewährten „Geisenheimer Stil“ zu pflegen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Kilians Worte haben Gewicht, denn derart unumstrittene Bürgermeister sind selten. Ohne Gegenkandidaten von 86,4 Prozent der Bürger gewählt zu werden, das ist im Rheingau-Taunus-Kreis eine außergewöhnliche Leistung. Schon bei seiner ersten Wahl im Jahr 2010 hatte Kilian trotz drei Gegenkandidaten auf Anhieb mehr als zwei Drittel der Stimmen erhalten.

          „Ich fühle mich pudelwohl in dieser Rolle“

          Dabei ist er ein Exot ohne Parteibuch: Von den 17 direkt gewählten Bürgermeistern im Landkreis gehören vier der SPD, einer der FDP und zehn der CDU an. Lediglich Hünstetten hat mit Jan Kraus seit drei Jahren einen parteilosen Rathauschef, doch steht dieser an der Spitze der starken Hünstetter Liste und gehört als Kreistagsmitglied der CDU-Fraktion an. Damit kann Kraus im Parteispektrum eingeordnet werden – Kilian aber nicht.

          Er gilt als politisches Neutrum. „Ich fühle mich pudelwohl in dieser Rolle“, sagt Kilian und verbindet damit politische Freiheit. Als Parteiloser fühle er sich nicht als „Marionette übergeordneter Instanzen“ und müsse keine Rücksicht auf parteipolitische Befindlichkeiten nehmen. Seine Vorschläge würden nicht schon deshalb begrüßt oder verworfen, weil er ein bestimmtes Parteibuch habe. Kilian schätzt es, wenn die Kommunalpolitik von Sachlichkeit bestimmt und vom Ringen um die beste Lösung für die Stadt geprägt ist.

          Doch es gibt auch Nachteile. Kilian kann nicht einfach zum Mobiltelefon greifen, um auf dem kurzen Dienstweg einen Minister oder Staatssekretär um einen Gefallen zu bitten, mit dem ihn beispielsweise eine gemeinsame Zeit in der Jungen Union oder bei den Jusos verbindet. Solche politischen Netzwerke, die ihre Basis in einer gemeinsamen parteipolitischen Sozialisation haben und meist in einer Zeit geknüpft wurden, in der Nachwuchspolitiker noch meinen, mit radikalen Anträgen auf Bezirksparteitagen die Welt retten oder zumindest verändern zu können, fehlen Kilian. Das gibt er unumwunden zu. „Ich bin von vielen Informationen abgeschnitten“, sagt er, und der Aufwand, sie zu bekommen, sei zweifellos größer.

          „Ich muss niemandem Danke sagen“

          Hat Geisenheim dadurch womöglich auch Nachteile? Kilian zögert mit einem klaren Ja oder Nein. Er habe keine Hemmungen, sich direkt an Mitglieder der Landesregierung zu wenden, und nicht das Gefühl, dass der Mangel eines Parteibuchs unter dem Strich Nachteile für die Stadt bringe. Sind also parteilose Bürgermeister die besseren Bürgermeister? Kilian will nicht pauschalieren. Er sei nicht so vermessen zu sagen, „das ist die beste Lösung“, aber für ihn selbst sei sie ideal, sagt Kilian.

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